Philosophie: Die Rehabilitation eines Denkers

Konfuzius ist wieder da

Seine Lehren von der Mitmenschlichkeit waren in China lange als dekadent verpönt. Jetzt wird sein Leben sogar mithilfe der kommunistischen Regierung verfilmt. Auch im Westen erlebt er eine Renaissance. Weltweit eröffnen Konfuzius-Institute, eines entstand sogar an der Hamburger Universität.

Die "Los Angeles Times" kürte ihn zum "coolsten Schauspieler der Welt", das "People Magazine" wählte ihn unter die 50 schönsten Menschen der Erde. Der 53-jährige Chinese Chow Yun Fat gehört neben Jet Li und Jackie Chan zu den bekanntesten asiatischen Action-Stars; er spielte in "Fluch der Karibik" mit und drehte mit Jodie Foster den Film "Anna und der König". Das Markenzeichen des athletischen und charismatischen Hongkongers sind zwei Beretta-Pistolen, mit denen er sich eine blutige Gasse durch seine Gegner zu ballern pflegt.

Und ausgerechnet diese Kampfmaschine wurde nun auserkoren, den friedfertigen Philosophen Konfuzius zu spielen, einen der größten Denker der Geschichte, der vor zweieinhalbtausend Jahren in China lebte und Mitmenschlichkeit lehrte.

Vor wenigen Tagen haben die Dreharbeiten begonnen, Regie bei dem 28 Millionen Dollar teuren Projekt führt die Chinesin Hu Mei. Der Film soll Ende des Jahres aufgeführt werden - als Bestandteil der prunkvollen Feiern zum 60. Jahrestag der kommunistischen Herrschaft in China.

Doch weit erstaunlicher als die Besetzung der Hauptrolle mit einem Hollywood-Action-Star ist die Tatsache, dass die chinesische Regierung über die staatliche Filmfirma "China Film Group" an der Produktion direkt beteiligt ist.

Denn es ist noch nicht allzu lange her, dass der Name Konfuzius ein Schimpfwort in China war. Während der Kulturrevolution unter Mao Tse-tung vernichteten die fanatischen Roten Garden die Familiengrabstätte des Denkers, zerstörten sein Wohnhaus und 6600 weitere Gedenkstätten. Konfuzius galt als dekadent; seine Lehren der Harmonie und der sozialen Ordnung widersprachen der kommunistischen Revolutions-Doktrin. "Konfuzius wurde schon in der ersten Kulturrevolution 1919 als Menschenfresser dargestellt", sagt der Hamburger Sinologe und Konfuzius-Experte Hans Stumpfeldt, "und zu Beginn der Volksrepublik China galt er als Repräsentant der Sklavenhaltergesellschaft und des Feudalismus. Da er der Inbegriff des traditionellen Chinas ist, hat man sich ab 1949 praktisch nicht mehr mit ihm beschäftigt. Bis es in der Kulturrevolution zwischen 1966 und 1976 eine Anti-Konfuzius-Kampagne gab." Der Philosoph habe einfach nicht ins kommunistische Gesellschaftsbild gepasst, sagt der Hamburger Emeritus, der weiterhin unterrichtet.

Doch seit einigen Jahren ist eine Rehabilitierung des Konfuzius in Gang, eines seiner Werke wurde veröffentlicht und unerwartet zum literarischen Erfolg. Konfuzius-Institute in aller Welt - es gibt auch eines an der Universität Hamburg - werden nun von der chinesischen Regierung gefördert; und die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Peking 2008 wurde mit einem Konfuzius-Zitat angereichert.

Und nun gar ein millionenteurer Film über das Leben des großen Philosophen. Wie ist diese dramatische Kehrtwendung zu erklären?

"Die erneute Hinwendung zu Konfuzius hängt mit dem Werteverfall in China zusammen, der noch viel stärker ausgeprägt ist als bei uns", sagt Professor Stumpfeldt. "Zudem funktionieren die sozialen Sicherungssysteme in China noch nicht. Die traditionellen Familienbindungen lösen sich derweil auf; die Menschen wohnen einfach nicht mehr zusammen. Daher hat Chinas Regierung damit begonnen, die 'konfuzianische Harmonie' als Leitbild für die Gesellschaft zu verkünden." Ferner mache sich die Regierung die Auffassung zu eigen, dass der traditionelle Konfuzianismus im Bereich der Wirtschaft weitgehende Liberalität predigte. Und dass er zudem sehr stabile soziale Strukturen gefordert und gefördert hat. "An diese Tradition will man wieder anknüpfen." Die Lehren des Konfuzius sollen also als Maueranker zur Stabilisierung der zerbröckelnden chinesischen Gesellschaft dienen.

Konfuzius, dessen Name Kong Qiu von jesuitischen Übersetzern latinisiert wurde, lebte vermutlich von 551 bis 479 vor Christus. Sein Ideal war der "Edle", ein zutiefst moralischer Mensch, der sich in Harmonie mit dem Weltganzen befindet. Den Weg dorthin sah Konfuzius in ständigem Lernen, in der Bildung von Geist und Moral. Erstaunlich aktuell ist der Philosoph in seiner Forderung: "Bildung soll allen zugänglich sein. Man darf keine Standesunterschiede machen."

Konfuzius stammte von den Königen des Reiches Shang ab; sein Familie war jedoch verarmt. Er war kein weltabgewandter Mann im Sinne Buddhas, er war zunächst Bau-, dann Justizminister des Reiches Lu, später sogar Vizekanzler. Er erlebte noch den Beginn jener von permanenten Kriegen und Wirren gekennzeichneten Periode zwischen 475 und 221 vor Christus, die als "Zeit der streitenden Reiche" bekannt ist. Angewidert wendet sich Konfuzius von der Politik ab, geht ins Exil und beginnt eine 13 Jahre währende Wanderschaft durch mehrere Reiche des alten China, bei der er von seinen Schülern begleitet wird. Gelegentlich verdingt er sich als Berater an Fürstenhöfen, beschäftigt sich aber vor allem mit der Philosophie.

Schriftlich hat er nichts hinterlassen - seine mündlich überlieferten Lehren wurden erst 100 Jahre nach seinem Tod aufgeschrieben. Vor allem aus den "Gesprächen" (Lunyu) wird seine Gedankenwelt deutlich.

Was kann uns Konfuzius heute sagen? Vieles klingt sehr modern. "Konfuzius lehrt eine weitgehende Staatsferne der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozesse - eine liberale und selbstständige Entfaltung des Menschen", sagt Hans Stumpfeld. Zwar propagiere er eine hierarchisierte Gesellschaft - verbunden aber mit sozialen Tugenden. China knüpfe daran an und versuche, seine Lehren für die Gegenwart zu aktivieren.

So wurde auf einer Konferenz in Singapur die Frage gestellt, ob hemmungslose Profitmaximierung im Sinne des Konfuzius sei.

Die Experten kamen nach Auskunft des teilnehmenden Hamburger Professors "einhellig zu der Auffassung, das sei nach Ansicht des Denkers nicht nur unmoralisch, sondern auch unklug. Denn wenn man jemanden zum Zwecke der Profitmaximierung über den Löffel balbiert, dann geht das das nächste Mal nicht mehr", sagt Stumpfeld. Konfuzius lebt - nicht nur im Film.