Suche: Internationaler Tag der vermissten Kinder am 25. Mai

Wenn Kinder spurlos verschwinden

In Deutschland galten 2007 insgesamt 1653 Kinder und Jugendliche als andauernd vermisst. Viele von ihnen sind Ausreißer, halten es nicht mehr aus daheim, hauen einfach ab. Johanna Hotmar aus Lübeck ist seit mehr als zwei Wochen nicht nach Hause gekommen. Ihre Mutter lebt zwischen Bangen und Hoffen, jeden Tag. Tag für Tag. Bis Johanna wiederkommt.

Es ist Montag, der 5. Mai. Um 6.30 Uhr will Christine Hotmar ihre älteste Tochter Johanna wecken. Es ist Zeit für die Schule. Das Zimmer ist leer, das Bett gemacht und frisch bezogen. Die Bezüge hatte Christine Hotmar ihrer Tochter schon drei Tage zuvor rausgelegt. Auf dem Schreibtisch findet die Mutter einen Abschiedsbrief: Die 13-Jährige halte es hier, zu Hause in Lübeck, nicht mehr aus. Und dann die Bitte, ihre Mutter solle sich ihretwegen nichts antun. Christine Hotmars erster Gedanke: Johanna will sich umbringen. Sie weckt ihren Lebensgefährten Ralf, Johannas Stiefvater. Dann ruft sie bei der Polizei an. Die reagiert schnell. Um 9.30 Uhr läuft die Fahndung nach Johanna. Seitdem ist das Mädchen noch nicht aufgetaucht.

14 Tage später: Christine Hotmar sitzt im Garten ihres Hauses in St. Gertrud, einem Stadtteil von Lübeck. Ihre grünen Augen sind verweint. Schlotternd, als ob sie friert, zieht die 43-Jährige den Paschmina-Schal enger um ihre Schultern. Die Sonne scheint. "Manchmal denke ich, Johanna sitzt jetzt auch in einer schönen Gartenanlage wie dieser, und es geht ihr gut", sagt die zierliche Frau. "Aber lange kann ich diesen Gedanken nicht aufrecht halten." Die Panik holt sie sofort wieder ein. Die dreifache Mutter kämpft gegen die Tränen an. Nach einer kurzen Pause erzählt sie mit zitternder Stimme vom Abend vor Johannas Verschwinden. Das war vor zwei Wochen. "Wir saßen noch draußen. Die Oma war zu Besuch." Gegen 22 Uhr geht die Familie schlafen. "Johanna wollte noch etwas mit mir besprechen. Doch ich vertröstete sie auf morgen." Es war schon spät. Heute macht sie sich Vorwürfe. "Im Nachhinein möchte man alles anders machen", sagt sie. Doch sie ahnte nicht, was folgen würde.

Vom Schlafzimmer aus hört sie noch, dass Johanna duscht. Irgendwann in der Nacht, als alle längst schlafen, schleicht sich das Mädchen aus dem Haus. Vorher nimmt sie noch hundert Euro aus dem Portemonnaie der Mutter. Die Krankenkassen-Karte, die im Flur an der Magnettafel hängt, und auch den Reisepass lässt sie zurück. Sie nimmt ihre Lieblingsklamotten mit: ihre schwarze Fleecejacke, zwei Ed-Hardy-Shirts, ihre schwarz-weißen All-Star-Schuhe, die Jeans von Tom Tailor und mindestens drei Tücher, die ihr die Mutter, die als Flugbegleiterin arbeitet, von ihren Reisen mitgebracht hat. Die Tasche hat sie schon seit ein paar Tagen gepackt. Ihre Mutter fragt sie noch, was sie damit will. Johannas Antwort: Sie würde den Kleiderschrank aufräumen und die Sachen nur "zwischenparken". Das fällt Christine Hotmar ein paar Stunden nach ihrem Verschwinden wieder ein. Es gab keinen Grund, ihr nicht zu glauben.

Vermutlich nimmt die 13-jährige Schülerin den Regionalexpress um 5.38 Uhr Richtung Hamburg. Johanna schickt einer Mitschülerin um 9.38 Uhr eine SMS, sie sei jetzt in Dortmund. Um 10.28 Uhr erreicht sie im Eurocity den Hauptbahnhof in Düsseldorf. Dort konnte ihr Handy am selben Tag noch geortet werden. Hier verliert sich ihre Spur. Seitdem ist das Handy ausgestellt. "Johanna wollte so gern einen Freund haben", sagt ihre Mutter. "Wenn sie einen süßen Jungen im Schulbus sah, konnte sie davon stundenlang mit ihren Freundinnen am Telefon schwärmen." Harmlose Schwärmereien eines Teenagers. Doch ihre Freundinnen erzählen später auch, Johanna habe im Chat, im Internet, jemanden kennengelernt, der sich David nennt und 21 Jahre alt sein soll. Der hätte Johanna geschrieben, sie sei in seiner "Villa" in Düsseldorf jederzeit willkommen. Johannas Nickname im Chat: "Liebeskummer".

Auf ihrer Handyrechnung sind 117 SMS aufgelistet. Die Polizei konnte sie zurückverfolgen. Die meisten gingen an eine den Eltern unbekannte Nummer. Die Polizei findet schnell den Namen heraus, unter dem das Telefon angemeldet ist. Wie sich herausstellt, ein unbescholtener Mann, der gerade Vater geworden ist und ein Haus gebaut hat. "Ich habe seinen Namen gegoogelt. Er taucht mit kompletter Adresse und Lebenslauf auf", sagt Christine Hotmar. Möglicherweise, das sagt die Polizei, hat ein Fremder sich diese Daten zunutze gemacht. Christine Hotmar spricht sogar mit der Mutter des Familienvaters. Nichts deutet darauf hin, dass er etwas mit Johannas Verschwinden zu tun hat. Jeder könnte sich mit seiner Identität ein Handy zugelegt haben. "Oder es ist ganz raffiniert gemacht", sagt Christine Hotmar nachdenklich. Eine Ortung ist nicht möglich. Auch dieses Telefon ist aus.

Die Mutter steht in Johannas kleinem gemütlichen Zimmer. Das Bett ist mit einer Herzen-Lichterkette und Rosen dekoriert. Christine Hotmar hat das Zimmer mehrere Male systematisch nach Hinweisen abgesucht. Auf dem Schreibtisch liegt ein Stapel Zettel. "Briefchen und Notizen, die ich gefunden habe", sagt sie. Auf einigen sind Telefonnummern gekritzelt. Andere hat sie sich in der Schule mit Freundinnen geschrieben. "Dabei weiß ich noch nicht mal, wie alt die Notizen sind", sagt Christine Hotmar. Doch plötzlich erscheint alles bedeutungsvoll. Selbst eine verhauene Französischarbeit, von der sie noch nichts wusste. Die Mutter klammert sich an jeden Strohhalm.

"Am Anfang denkt man noch, das klärt sich schnell auf. Johanna ist bald wieder zu Hause", sagt sie. Doch der Albtraum geht nicht vorüber, wird jeden Tag schlimmer. Es gibt viele Spuren, die verfolgt werden müssen. Dann wird es immer ruhiger. Mittlerweile sind sämtliche Anlaufstellen überprüft. Johanna bleibt verschwunden. Schließlich kann Christine Hotmar nur noch warten - Tag für Tag, Stunde um Stunde. Dabei war ihr erster Impuls, nach Düsseldorf zu fahren, um Johanna zu suchen. "Aber ich kann doch nicht weinend durch die Straßen irren." Und vielleicht hält sich Johanna dort gar nicht mehr auf. Eine Mitschülerin sagte, Johanna hätte mal erwähnt, wenn sie abhauen sollte, würde sie nach Köln gehen. Doch eine breit angelegte Plakataktion in den Kölner U-Bahnen, die von der Initiative Vermisste Kinder gestartet wurde, brachte keine neuen Hinweise. Nur die üblichen Anrufe von Hellsehern, die glauben, Johannas Aufenthaltsort zu kennen. Nun sollen auch in Düsseldorf Plakate aufgehängt werden, die Johannas Gesicht zeigen.

Auch die Polizei ermittelt weiter. Bei ihrem jüngsten Besuch haben die Beamten eine DNA-Probe mitgenommen - einen Milchzahn, den die Mutter aufbewahrt hat. Der Frau gelingt es nur schwer, die Panik zu unterdrücken. Die Gedanken drehen sich im Kreis. Doch sie versucht sich zusammenzureißen. Auch für Johannas Schwestern, die mit zwei und fünf Jahren noch nicht verstehen, was passiert ist. Christine Hotmar kann es ja selbst nicht verstehen. "Was kann so schlimm gewesen sein, dass sie einfach wegläuft?" Sie hat keine Antwort, kann nur vermuten. Vielleicht war es die Sehnsucht nach einem Freund. "Emos", wie die Jungs von Tokio Hotel, mag sie besonders, weil sie zu ihren Gefühlen stehen. Johanna leidet auch unter Selbstzweifeln, weil sie ein paar Kilogramm mehr wiegt, als Schönheitsideale in den Medien es vorleben. In der Schule sind ihre Leistungen mittelmäßig. Dreier-Durchschnitt. Vielleicht plagten sie auch Versagensängste: Ein Sozialpraktikum in einer Kindertagesstätte stand an, nebenbei Konfirmanden- und Klavierunterricht.

Ihrer Mutter zuliebe ging sie einmal die Woche zum Hip-Hop-Kurs. "Ich wollte, dass sie sich ein bisschen bewegt und Spaß daran hat", sagt diese. Aber Johanna ging oft nur widerwillig hin. Und dann gab es noch den kleinen Streit in der Familie. "Das sind doch alles keine Gründe, einfach von zu Hause wegzulaufen", sagt Christine Hotmar unter Tränen. "Johanna ist ein braves Mädchen. Sie hat nie die Schule geschwänzt, geklaut oder ist vorher schon mal weggelaufen."

Christine Hotmar will einfach nur aus diesem Albtraum erwachen und ihre Tochter in die Arme schließen. Bis dahin versucht sie durchzuhalten. Einen Tag nach dem anderen. In dem schmalen Raum zwischen Hoffnung und Verzweiflung.