Gätjen trifft ...

Graziella Schazad: Eine Frau singt sich frei

Lesedauer: 5 Minuten

Foto: Juergen Joost / Jürgen Joost

Man kann ihr nicht entkommen. Ihrer Begeisterungsfähigkeit, ihren großen dunklen Augen voll Sogwirkung und Melancholie.

Hamburg. Sie weiß genau, worauf sie bauen kann, und setzt dieses Talent auch voll ein: ihre intensive Ausstrahlung und Überzeugungskraft. So ist sie auch lieber selber beim Musikgiganten Warner in der Speicherstadt hereinmarschiert, anstatt ein Demoband zu schicken. Hat ihre Gitarre in der Lobby ausgepackt und einfach losgelegt. Und wurde sofort unter Vertrag genommen: Graziella Schazad, deren erstes Album "Feel Who I Am" jetzt mit selbst geschriebenen und komponierten gefühlvollen Songs erscheint.

Ihr kann man einfach nicht entkommen. Ihrer kindlichen Begeisterungsfähigkeit, ihren großen dunklen Augen voll Sogwirkung und Melancholie. Hauchzart und filigran ist sie auch. Kein Wunder, denn hier in "Gretchens Villa" an der Marktstraße auf St. Pauli kommt sie nicht einmal dazu zu frühstücken. Rührt den bestellten Obstsalat und das hart gekochte Bio-Ei nicht einmal an. Graziella redet und redet.

Erzählt, wie sie sich eines Tages ihre damals noch mehr als hüftlangen glänzenden Haare abschnitt und sich eine Glatze rasierte. Weil ihr gerade danach war. Vier Jahre hat's gedauert, bis sie nachgewachsen waren. Sie sei nun mal so ein Typ, der -"zack" - schnell entscheide. Ganz ohne Reue. Genau wie damals, als sie die Schule verließ. In der elften Klasse des Gymnasiums. Gegen den heftigen Widerstand ihrer Eltern, eines Diplom-Psychologen und einer Reisebüroleiterin.

Zusammen mit ihrer Freundin Steffi zieht sie nach Neukölln in eine düstere Altbauwohnung mit Kohleofen und erobert mit ihr als Folkduo "For P'n'J'" (For Paradise and Jail) die Cafés und Lokale rund um den Ku'damm. Sie geben das erste Konzert in einer Entzugsklinik, treten auf Messen und Familienfesten auf, vertonen Gedichte irischer Zigeuner und gewinnen den von Deutschlandradio und MDR gestifteten Förderpreis für Folk-Nachwuchsgruppen. Drei Jahre später platzt die Zusammenarbeit. Das, was ihren Erfolg ausmachte, eine fast symbiotische Beziehung, wird ihnen zum Verhängnis. Es war zu eng geworden, sagt Graziella. Sie neige dazu, mit dem anderen ganz verschmelzen zu wollen. Das sei für andere manchmal schwer zu ertragen.

Graziella ist eine erstaunliche Mischung. Verträumtheit wechselt ab mit nüchternen Selbsteinschätzungen, die sich immer wieder in quälenden Analysen verlieren und dann in erlösendem Gelächter enden. Das einzige Kind eines mit 17 Jahren nach Deutschland gekommenen afghanischen Vaters und einer in Deutschland aufgewachsenen polnischen Mutter muss früh lernen, sich selbst zu behaupten. Die Eltern, die ihre Tochter heiß und innig lieben, können nicht miteinander leben. Graziella fühlt sich mitschuldig an deren Kämpfen. Lernt nur mühsam, sich davon zu befreien.

Flüchtet sich in die Musik. Spielt mit drei Gitarre, mit vier Geige, bekommt mit neun ein eigenes Klavier, schreibt mit zehn Gedichte, tritt als Zwölfjährige mit ersten selbst vertonten Texten auf und träumt davon, irgendwann einmal die Berliner Waldbühne bis auf den letzten Platz zu füllen. Geblieben ist trotzdem ein tiefes Gefühl der Verunsicherung, der "inneren Heimatlosigkeit", der Angst, in ein Loch zu fallen.

Als das Folk-Duo sich 2004 trennt, schrammt sie knapp am seelischen Absturz vorbei. Scheitert bei Stefan Raabs Talentshow unter den Top 20, ist mit sich total unzufrieden, will sich ein neues Leben aufbauen. Fernab der Musik. Mit einem geregelten Tagesablauf, festen Bürozeiten, einem sicheren Gehalt. Lernt Fremdsprachenkorrespondentin in Ingolstadt, arbeitet ein paar Monate als Stewardess, heiratet. Und kehrt zurück zur Musik. Auf Anraten von Dominik, ihrem Ehemann und besten Freund, wie sie sagt, der sicher ist, dass sie sich gerade selbst belüge, wenn sie glaube, ohne Musik leben zu können.

Das alles sprudelt nur so aus ihr heraus. Sie verhakt sich dabei auf nachdenklichen Umwegen, sagt, dass sie mit dem vielen Nachdenken ihren Partner manchmal überfordere, schon mal den Zeitpunkt verpasse, an dem sie lieber innehalten sollte und von ihrem Partner immer wieder rigoros zurück auf die Füße gestellt werde. Ja, sagt sie, ihr Fehler sei gewiss, von einem Seelen-Extrem ins andere zu fallen. Die Welt einen Tag lang sorgen- und problemfrei zu finden und wenig später wie eine erdrückende Last. Das alles schreibt sie sich in ihren Songs von der Seele.

Geht's nicht eine Spur leichter? "Nein", sagt Graziella. Und dann: "Achtung, jetzt wird's ganz krass." Für sie sei der Sinn des Lebens zu lernen, mit dem Paket umzugehen, das man trage, was daraus zu machen. Und sie trage nun mal einen dicken Rucksack. Lacht ihre schwerwiegenden Gedanken weg. Fragt, ob sie mir noch was vorsingen soll, akzeptiert lachend, dass sie mich schon überrollt hat, und beschließt, sich eine Strickjacke anzuziehen und endlich eine Portion Chili-Pasta zu bestellen. Denn das brauche sie nun. Graziella Schazad - das überwältigende Kontrastprogramm mit dem winzigen Brilli im rechten Nasenflügel. Die Frau, die Indien liebt und Hotels hasst, weil sie sich darin zu weit ab vom richtigen Leben fühlt.