Gätjen trifft ...

Horst Fascher: Der Beatles-Beförderer

Der Chef des legendären Star-Clubs holte die Band einst aus dem Kaiserkeller ins Top Ten. Die 60er-Jahre auf dem Kiez waren eine wilde Zeit.

Hamburg. Rockiger geht's nimmer - wenn man Horst Fascher trifft, den Mann, der die Beatles nach Hamburg holte. Aber eigentlich nur fast. Doch das komme erst später, sagt er. Hier im Yeah!-Café der Beatlemania, dem Beatlesmuseum auf der Reeperbahn. Hier ist er VIP und braucht nichts zu zahlen, sagt die Bedienung. Und Horst Fascher lächelt stolz und sagt, ihr seid doch alle süße Deerns. Er gehört eben einfach hierher. Und die Sache mit den Beatles war ein bisschen anders. Aber nur ein winziges bisschen. Er hat sie nur ins Top Ten geholt. Aus dem Kaiserkeller. Diese Jungs, die damals eigentlich nur drei Akkorde draufhatten, sagt er. Das war 1960. Und wird jetzt 50 Jahre später im August mit einem Riesenevent gefeiert.

Die 60er-Jahre auf dem Kiez. Was für eine Zeit! Mädels kreischten, das Top Ten boomte und Hodde vom Kiez war in seinem Element. Ein verrücktes Leben zwischen Kohlenklau und Kiezverbot. Zwischen Boxtriumphen und tätlichen Ausrastern. Zwischen wahnwitzigen Orgien bis hin zum Absturz in eine abgrundtiefe Depression.

Ich könnte bis übermorgen erzählen, sagt Horst Fascher. Schiebt seinen Panamahut verwegen in den Nacken, knetet seine Pranken durch. Die dicke Uhr an seinem linken Handgelenk blitzt und protzt. Das Geschenk eines Freundes, sagt er. Ein paar Tausender wert.

Horst Fascher ist eine liebenswerte Selbstinszenierung. Mit englischen Wortfetzen, mit Hamburger Platt und großen Gesten lässt er die Rockglanzzeit der 60er-Jahre auferstehen. Und seinen Part darin. Ein großer, versteht sich. Mit Bill Haley fing es an, jenem neuen Rhythmus, der ihm in die Knochen fuhr und nach dem er beim Boxen in der Seilerstraße trainierte, Hamburger Meister im Federgewicht wurde und vom Weltmeistertitel träumte.

Aber dann kamen der Rock und der Beat. Und das alles vor seiner Haustür. Im Kaiserkeller ließ Tony Sheridan mit seinen "Jets" die Bühne beben. Horst Fascher schlug sich dort die Nächte um die Ohren. Bei gelber Brause und Salzbrezeln. Im bügelfreien Modehit der 60er-Jahre, dem Nyltesthemd. Hielt durch bis um sechs, saß danach mit den Musikern und den Straßenmädchen bei Haralds und im Café Möller. Sein Englisch wurde besser, Tonys Wäsche sauberer, weil Mutter Fascher sie zu Hause wusch, und Horst stieg zum Manager auf, kassierte Prozente, lernte das Geld lieben und die stets bereiten Mädchen.

Abgehakt endlich diese karge Nachkriegszeit, in der Horst Kohlen klaute und Kartoffeln und Steckrüben hamstern ging. Das Leben rockte. Und er, der Hodde, mittendrin. Bis zu dieser Schlägerei. Körperverletzung mit Todesfolge hieß es. Neun Monate Knast und drei Jahre St.-Pauli-Verbot. Das würde er niemals durchhalten! Horst Fascher wollte weg - einfach nur weg, und zwar so weit wie möglich.

Er nahm Kontakt zum Manager von Bill Haley auf, dem "Sarge", der die US-Army mit Unterhaltungsprogrammen versorgte. Horst Fascher wurde engagiert. Die einzige Bedingung: zwei Monate nach Vietnam. Zweieinhalb Jahre wurden daraus. Und plötzlich verliert sich Horst Fascher in seinen Erinnerungen. Diese Tour nach Long Bin im Militärkonvoi, sagt er. Mit Tony Sheridan und seiner Band. Alle total stoned, absolut durchgeknallt.

Das gebrüllte Kommando vom Begleitfahrzeug: Keep up, keep up! Klei mi an' mors, habe er zurückgegrölt. Du mi ok tweemol, war die Antwort. Der GI war ein ausgewanderter Hamburger Jung, dessen Vater für die Stripteasedamen im Kolibri in die Tasten griff. Die Welt eine Erbse und der Kiez wieder zum Greifen nah. Dann war alles vorbei. "So ne Mörderkralle geht los." Trifft den Jeep. Alle tot. Und seine letzten Worte waren Hamburger Platt, sagt Horst Fascher. Lange Pause.

Wir kehren zurück auf die Große Freiheit. Die Gründung des Star-Clubs 1962, wo er sie alle hingeholt hat, die Bands, die Rockgeschichte schrieben. Oder sich zumindest dran versuchten. Von Alex Harveys Soul Band über Goldie & The Gingerbreads bis zu den Woodpeckers. Und dann sind wir plötzlich in den 90ern. Wo es sich längst ausgerockt hatte auf dem Kiez, Horst Faschers Versuch eines Star-Clubs II am Großneumarkt gescheitert war, seine Ehe kaputt, Sohn Rory verunglückt, erstickt in einem Wandklappbett. Vier Jahre lang schrammte seine Seele am Boden. Das Loch wurde immer tiefer, sagt Horst Fascher leise und wischt eine Träne weg. Alles dunkel und kein Entrinnen. Bis Birgit Bahr auftauchte. Wie von Gott geschickt, sagt Horst Fascher. Zum endlich wieder Glücklichwerden.

Und da kommt sie auch schon ins Café, die Retterin seiner zerbrochenen Seele. Birgit, come here my little devil, ruft Horst Fascher wieder voll gut drauf.

Sie hat ihn herausgezogen aus dem dunklen Loch, managt ihn, archiviert seine bunte, verrückte, wilde, vergangene große Zeit, macht ihm die Zukunft trotz seines Herzinfarkts und einer Krebserkrankung hell und leicht. Sie hätten halt den gleichen Lebensrhythmus, sagt sie. Und das schon seit mehr als zehn Jahren. Und demnächst solle auch geheiratet werden. Am liebsten in Las Vegas. Und ja, da könne man auch darüber hinwegsehen, dass ihr Horst immer noch Fremdgehen für sein einziges Laster hält. Großes Gelächter.

Zum Abschied schreibt er mir in sein gerade erschienenes Buch: Heike, keep on rockin'. Das Leben muss doch gerockt werden, sagt er. Es bleibt doch nicht stehen. Dann holt er tief Luft und umarmt sie fast. Diese Ecke Große Freiheit und Reeperbahn, wo sein Leben zu rocken begann. Diese goldene Zeit. Yeah! Mit Patina.