Gätjen trifft ... Stefanie Volkmer-Otto

Von Träumen zu Traumata

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Foto: Marcelo Hernandez

Stefanie Volkmer-Otto wächst in ländlicher Idylle auf, wird später Opfer eines Kinderschänders und hilft heute traumatisierten Kindern.

Zart und zerbrechlich wirkt sie und fast ein bisschen verloren. Hier in der Villa an der Alster mit den hohen Decken und den großen Räumen. Stefanie Volkmer-Otto, die einen Schmuckladen für umgearbeiteten antiken Schmuck in Winterhude betreibt und gerade eine Stiftung gründete zur Unterstützung von Projekten, die langfristige Hilfe für traumatisierte Kinder bieten. Und einfach neugierig macht.

Ja, sagt sie. Aber gerade deswegen sei sie ein bisschen nervös. Sie habe so gar nichts zu erzählen. Eigentlich. Hier an diesem ellenlangen Tisch im Esszimmer, an dessen Ende wir bei Pfefferminztee mit Honig und Kaffee sitzen. Unter den selbst gemalten Bildern von Ehemann Frank Otto, Hamburgs quirligem Medienaufmischer. Und das da, sagt sie, mit den langen Haaren, sei er selber. Inmitten seiner Band. An diesem Riesentisch, den sie ihre italienische Tafel nennen, finden sich auch unter der Woche viele Freunde zusammen. Sie seien ein feierfreudiges Pärchen, sagt sie. Und nebenan an dem großen Billardtisch würde sie den Frank sogar schlagen. Wenn sie denn ihre Brille aufhabe.

Es sind geschickte Ablenkungsmanöver. Von ihr, die nicht allzu gern im Fokus des Interesses steht und dann doch von sich erzählt. Als Dreijährige träumt sie davon, eine Primaballerina zu werden. Setzt es mit aller Kraft durch. Gibt als Achtjährige Gleichaltrigen der Ballettgruppe Unterricht, um ihre Privatstunden zu finanzieren. Ach, sagt sie, wenn ich was richtig will ... Mit knapp 16 Jahren ist es aus mit dem Traum. Eine angeborene Fehlstellung der Wirbelsäule, ständige Schmerzen. Einer der vielen Schicksalsschläge. Und der geringste eigentlich, sagt sie. Pause. Die Musik habe ihr immer sehr geholfen. Ihr Lieblingslied "My Name Is Luka" von der amerikanischen Sängerin Suzanne Vega. Dieser kleine Junge, der am Fenster sitzt. Und ein Geheimnis verbirgt. Auch Smetanas Moldau rühre sie sehr. Erinnere sie immer wieder an ihre wirklich glücklichen Jahre auf der Engelsburg, dem katholischen Mädchengymnasium. An ihre Musiklehrerin, die ihr ein Gefühl für Musik schenkte. Eine Schule frei von Konsum- und Markenzwang. Und erzählt, wie sie später in Schleswig-Holstein zum ersten Mal "Esprit" auf einem T-Shirt liest. "Benetton" und "Levi's" nicht kennt und den daran gekoppelten Stellenwert.

Und dann mit 16 Jahren, da sei es passiert. Dieses Schreckliche ... Pause. An dem sich letztlich alles ... Lange Pause. Zögern. Stefanie Volkmer-Otto zündet sich eine Zigarette an. Rappelt sich auf. Sitzt ganz gerade da. Also, sagt sie entschieden. Mit 16 sei sie ein Opfer des berüchtigten "Kinderschänders von Ohlstedt" geworden. Das einzige, das ihm entkommen konnte. In allerletzter Minute. Gefesselt und geknebelt schon. Wenig später entführt und missbraucht er zwei sehr viel jüngere Mädchen. Als 19-Jährige ist sie Kronzeugin im Indizienprozess gegen ihn. Der Täter wird verurteilt. Stefanies Familie zerbricht. Ihre Seele ist zerstört. Einen Zettel mit der Notrufnummer des Weißen Rings trägt sie drei Jahre mit sich herum, bis sie sich endlich traut, dort um Hilfe zu bitten. Ende der 90er-Jahre, sagt sie, als es Schadenersatzlisten gab für zerstörte Körperteile, aber nicht für geschundene Seelen. Deshalb, sagt Stefanie leise, habe sie ihre Stiftung Luka gegründet. Um endlich ihr Versprechen einzulösen. Dieses Versprechen, das sie damals mit einem Wunsch "ins Universum schickte". Kennen Sie das nicht?, fragt sie. So kleine Wünsche? Dass sie endlich jemanden finden möge, der ihr helfe, die Welt wiederzufinden. Pause. Sie erzählt von dieser Vollmondnacht, in der sie Frank Otto trifft. In einer Diskothek. Frank, sagt sie. Mit dem Bier in der Hand. Überhaupt nicht cool. Aber strahlend. Und nett, so freundlich, so harmlos. Nein, sagt sie, friedlich. Gewaltfrei. Denn vor Gewalt - selbst verbaler - habe sie heute noch Angst. Sie unterhalten sich, bis die Lichter in der Diskothek ausgehen. Bei ihm fühlt sie sich in Sicherheit. Nach einer langen schwierigen Phase des Zueinanderfindens.

Und nun? Wie kommt man los von einer so beklemmenden Geschichte? So sei das Leben nun mal, sagt Stefanie Volkmer-Otto. Glücklicherweise. Ein ständiger Wechsel zwischen hell und dunkel. Und zeigt das Amulett, das sie trägt. Ihr Lieblingsstück und unverkäuflich. Ein Fuchskopf. Das Logo ihres Schmuckgeschäfts am Poelchaukamp. Von Frank Otto in Öl gemalt. Als Überraschung zur Einweihung. Und auch ihre Eheringe seien etwas ganz Besonderes. Aus Mammutelfenbein, den Schneidezähnen der Mammuts. Von Gletschern freigegeben. Zigtausende von Jahren alt. Und ja, sagt sie lachend. Das lässt doch für den Bestand dieser Ehe hoffen.

Über die beiden Kinder reden wir noch. Wie es ihr anfangs schwer gefallen sei, ihre eigenen Ängste nicht auf diese zu übertragen. Lernen zu müssen, sie auch mal aus der Hand zu geben. Wir lachen noch ein bisschen drüber, dass sie, die einst leidenschaftliche Balletttänzerin, mit Frank auf ihrer Hochzeit beim Walzertanzen ihm immer wieder auf die Füße getreten sei. Und dass sie Stilettos liebe. 15 Zentimeter hoch am besten. Weil von da oben die Welt doch ganz anders aussehe als von ihren 154 Zentimetern aus. Und plötzlich wirkt sie gar nicht mehr so verloren. Sondern ganz schön stabil. Mit einem Hauch von Stahl. Nein, sagt sie schon an der Haustür. Eine Kristallkugel sei das eher. Leuchtend und unzerbrechlich.