Zu zweit mit Mareike Carrière

Den Löwen als akribische, ordentlich Jungfrau leben

Heike Gätjen trifft jede Woche Menschen aus Hamburg. Heute Mareike Carrière, Schauspielerin, die seit 20 Jahren das erste Mal wieder auf der Bühne steht.

Sie kann sie einfach so runterrappeln. Die Sieben Todsünden. Ohne Punkt und Komma. Habgier Wollust Neid Zorn Hochmut Völlerei undTrägheit. In einem Schwung geschafft, sagt sie. Kein Wunder. Denn sie steckt ja schließlich mittendrin in der gleichnamigen Komödie im Winterhuder Fährhaus. Mareike Carrière, eine der beständigsten und auch vielseitigsten deutschen Film- und Fernsehschauspielerinnen.

Es ist ihre erste Bühnenrolle nach fast zwanzigjähriger Abstinenz. Dieser Part einer richtig schön zickigen Schwiegermutter. Boshaft, arrogant und intolerant. Der Albtraum jeder Schwiegertochter. Und das macht sie perfekt. Danke, sagt sie. Ziel erreicht. Glaubhaft rüberzukommen sei schließlich ihr Antriebsmotor. Immer schon gewesen. Und diese Rückkehr zur Bühne. Einfach wunderbar. Dieser Kontakt zum Publikum, dieses Vibrieren, diese Direktheit und Energie, die man gar nicht beschreiben könne. Und vor allem die Menschen direkt zu berühren. Man könne ja auch nur das glaubhaft wiedergeben, was so in einem stecke. Was? Ist sie denn so zickig? Ach, sagt sie, Sie sollten sich überraschen lassen.

Und das klappt dann auch. Hier im Kaffeegarten der Konditorei Lindtner an der Eppendorfer Landstraße. Die stets beherrscht und zurückgenommen wirkende Mareike Carrière ist eine erstaunlich heitere und entspannte Gesprächspartnerin. Bestellt einen Fitnesstee mit dem Duft von Anis und Minze, "da ist bestimmt Speed drin". Sagt Nein zum Apfelkuchen, auch wenn es der beste in ganz Eppendorf sei. Sagt ja, sie habe Gewichtsprobleme, müsse aufpassen, nicht abzunehmen, weil sie einen "irre aktiven Stoffwechsel" habe. Wie die ganze Familie. Auch ihr älterer Bruder, der in Paris lebende Schauspieler und Regisseur Mathieu Carrière. Ehrlich! Und eine Badezimmerwaage - wozu?

Und irgendwie landen wir dann bei den Sternzeichen. Sie sei ein Löwe, der den Löwen lebe wie eine Jungfrau, sagt sie lachend. Wie? Das höre sich blöd an, sagt sie, aber es sei nun mal so. Man lebe sein Stenzeichen nach dem Aszendenten. Bei ihr sei es die akribische, ordentliche, sorgfältige Jungfrau, die den Löwen beeinflusse. Wenn der sage "Boooah, ist mir doch alles egal, wir machen jetzt die Sause", sage die: "Hey, Mooooment mal."

Mareike Carrière hat mehrere Seelen in ihrer Brust. Nicht nur wegen des Sternbilds. Sie hat sich auch in ihrer Karriere nie auf einen bestimmten Typ festlegen lassen, in ihren Rollen. War mehr als 60-mal die erste Polizistin im deutschen Fernsehen überhaupt, Ellen Wegener in der ARD-Vorabendserie "Großstadtrevier", "patent und offen". Und die eher melancholische Ärztin Kathrin Brockmann in "Praxis Bülowbogen", die sich "schwer tut mit Männern und der Beziehung zu ihrer Mutter". War die sehr "resche und liberale" Lehrerin in "Schule am See" und die "total prollige Bauarbeiterbeaufsichtigerin" in "Was nicht passt, wird passend gemacht". Eine große Bandbreite. Darum ging es ihr immer, sagt sie. Jemand anders sein zu dürfen als man ist. "Mit der Figur auch verpönte Gefühle auszuleben." Schon damals, als Neunjährige, als böse Stiefmutter in "Schneewittchen". All dieses Böse, Neidische, Raffgierige, Eifersüchtige, was sie in sich gespürt habe. Und dann dem Spiegel zurufen können: Ich bin die Schönste im ganzen Land. Ich, die Königin. Ja, sagt sie, das müsse aus tiefstem Herzen kommen.

Das sei Teil des Berufs, für alle Emotionen durchlässig zu sein und das richtige Maß zu finden, dass es wahrhaftig bleibt. Nur so zu tun als ob, das reiche nicht. An dieser Authentizität müsse man sein Leben lang arbeiten. Was für ein flammendes Plädoyer! Das spürt auch die kleine Melina, die bisher mucksmäuschenstill am Nebentisch saß. Die Patentochter von Fotograf Andreas Laible, die ihn ausnahmsweise mal begleiten darf. Ach, sagt sie plötzlich aus tiefster Seele, ich will auch Schauspielerin werden. Und so wird für einen Augenblick aus dem Gespräch zu zweit eins zu dritt. Warum willst du das?, fragt Mareike Carrière zurück. Genau darum, sagt die Elfjährige, nicht immer dieselbe sein zu müssen. Nicht immer nur die normale schüchterne Melina sondern auch mal die ganz coole zu einer Bande gehörende. Ja, sagt Mareike Carrière, das sei es. Aber du musst es wirklich wollen. Dafür brennen. Du bist nicht gleich berühmt, geliebt, gefragt. Es gibt lange Durstrecken, und die musst du ertragen lernen. Und, fragt sie, was sagen deine Eltern dazu. Die finden das in Ordnung, sagt Melina.

Dann sind wir wieder zu zweit. Mareike Carrière erzählt von ihren Eltern, die den Berufswunsch ihrer Tochter schon früh unterstützen. Der Vater, ein Psychoanalytiker, mit der Einsicht, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg finden und gehen müsse. Die Mutter, selber beseelt von dem Wunsch, Schauspielerin zu werden, ohne sich gegen ihren eigenen Vater durchsetzen zu können, mit sehr viel Verständnis. Zu Hause in Lübeck wird sehr viel gespielt. Gesellschaftsspiele, Geschicklichkeitsspiele, Rollenspiele. Die Lübecker Theater werden zum erweiterten Wohnzimmer. Laienspieltheater ihr zweites Zuhause. Mit ersten Auftritten. Mit Sechzehn hat Mareike die Schule satt, fühlt sich dem Leistungsdruck nicht mehr gewachsen, will auf die Schauspielschule. Ringt den Eltern einen Kompromiss ab. Sie beendet erst die Schauspielschule und macht dann das Abitur nach. Schafft beides. Das Abitur allerdings wirklich nur mit Ach und Krach, sagt sie lachend. Als schlechteste ihres Jahrgangs. Danach geht sie nach Paris. Will endlich raus aus Lübeck. Studiert Anglistik und Romanistik an der Sorbonne, macht ein Übersetzerdiplom. Arbeitet als Babysitter, als Mädchen für alles bei einer Journalistin, schreibt Artikel, spielt an einer französischen Bühne. Zurück in Deutschland sucht sie nach einer Agentur, bewirbt sich Dutzende Male zäh mit handgeschriebenen Briefen, findet eine in München. Die erste Filmrolle folgt auf dem Fuß. In Bernhard Sinkels "Der Taugenichts". Da ist sie dreiundzwanzig. Und es geht beständig weiter. Das Engagement an den Berliner Kammerspielen 1983 allerdings ist das letzte auf der Bühne für lange Zeit. Irgendwie hat es sich nicht ergeben, sagt sie, Drehtermine, die Serien. Und Preise? Ein paar kleine habe sie bekommen. Aber sie habe nie für Ruhm, Ehre, Preise gearbeitet. Nicht für Einschaltquoten oder den roten Teppich. Ihr sei es wirklich nur darum gegangen, zu spielen, die Menschen zu berühren. Dabei ehrlich zu wirken. Ständig weiter an sich zu arbeiten. Sehr diszipliniert. Natürlich, sagt sie, gibt es auch diese dunklen Löcher. Nach einer abgedrehten Rolle. Arbeitstage mit zwölf bis fünfzehn Stunden Dreh am Stück. Und dann plötzlich nichts mehr. Hart sei das. Aber auch das bringe der Beruf ja mit sich. Und damit könne sie mittlerweile gut umgehen. Lasse sich einfach mal hängen. Schlurfe den ganzen Tag im Bademantel rum, räume den Frühstückstisch nicht auf, esse die kalten Reste vom Vortag, liege auf der Couch und lese.

Von ihrer Sammelleidenschaft erzählt sie. Figürliche Teekannen. 100 Stück hatte sie davon. Nach einer Aussortierungstrecke jetzt nur noch 50. Sauber aufgereiht in einem Acrylregal an der Wand. Und dann dieser Tag vor achtzehn Jahren. Als sie diese eine Teekanne auf dem Flohmarkt entdeckt. Die muss sie unbedingt haben. Diese eine nur. Kostenpunkt 280 Mark. Fünfzig hat sie nur dabei. Keine Scheckkarte. Nichts. Und da sei sie auf diesem Flohmarkt in Groß Flottbek herumgewandert auf der Suche nach Leuten, die ihr die fehlenden 230 Mark leihen würden. Die hätten sie angeguckt, als hätte sie sie aufgefordert, aus dem Fenster zu springen. Nur eine Frau habe ihr das Geld spontan gegeben. Nach einem Blick in ihre Augen darauf vertrauend, dass sie es schon wiederbekommen würde. Das fand ich toll, sagt Mareike Carrière, die kannte mich doch gar nicht.

Das, sagt sie, sei vielleicht eine der Todsünden. Diese Gier, etwas haben zu wollen, das gerade unerreichbar erscheint. Vielleicht auch Neid. Das kommt mir dann doch ein bisschen zu abgefahren vor. Ja, vielleicht haben Sie recht, sagt sie, aber die sieben Todsünden habe doch schließlich jeder in sich. Ob er sie rauslasse, sei die entscheidende Frage. Und welche lässt sie denn nun eigentlich raus, auf der Bühne im Winterhuder Fährhaus, bei diesem Zickengerangel auf der Damentoilette? Na, sagt sie, das werde ich Ihnen doch nicht verraten. Das müssen Sie schon selber rausfinden. Der Spannungsboden sei das Wichtigste. Man liest doch auch keinen Krimi von hinten. Was, sagt sie. Sie tun das? Oh, nein. Das würde sie niemals tun. Nicht einmal aus Zeitmangel. Es müsse wohl an meinem Aszendenten liegen. Und dann schwingt sie sich lachend aufs Fahrrad.