Zu zweit mit Heinrich Franck

Der Wächter der Tradition

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Heike Gätjen trifft jede Woche Menschen aus Hamburg. Heute Heinrich Franck, Maßschneider

Mit diesem Mann trifft man sich nicht einfach mal eben so auf einen Kaffee. Mit ihm lässt man sich auf eine mehrstündige Sitzung ein. Schließlich ist er ein Mann vielfältiger Interessen. Liebt Anisweihnachtsplätzchen und italienischen Früchtekuchen, Panettone. Weiß alles über gute Wollstoffe, handgestrickte Socken, rahmengenähte Schuhe und Hefeteig und ist dazu noch Geschäftsführer eines Hauses mit einer langen hanseatischen Tradition. Heinrich Franck von Ladage & Oelke am Neuen Wall. Seit 1845. Ein Herrenausstatter für klassische Kleidung. In Familienhand in der dritten Generation. Tante Käthe mitgerechnet die vierte, sagt er. Aber das erklär ich später.

Also gehen wir erst mal durchs Geschäft. Auf gut abgelaufenem Parkett. Vorbei an Holztäfelungen, Rollschränken, Mahagonivitrinen und an Frau Zeise, die schon jahrzehntelang im Laden steht und eine wunderbare Hefezopfbäckerin ist, sagt Heinrich Franck. Bis wir hinten in der Tuchabteilung stehen. 8000 Meter Stoffe. Und 800 weitere Dessins in den Schubladen. Unter dem alten Tresen, auf dem früher schon die Söhne gesessen haben, die heute selbst Kunden sind, und ihren Vätern bei der Stoffauswahl zugeguckt haben.

Dieses Haus atmet wirklich Geschichte. Und drum gab's damals nur eins, sagt Heinrich Franck, der Mann, der selbst beim Gehen ohne Punkt und Komma reden kann, der gut aussieht und ein brillanter Erzähler ist. Damals, das ist der Silvestermorgen 1989, an dem das Geschäft völlig ausbrannte. Alles weg. Schnittmuster, Stoffe, ja, Sie lachen, selbst die eignen Springerlebackmodeln, auch die uralten Geschäftsbücher, in denen jahrzehntelang minutiös aufgelistet worden war, welcher Hanseat was und wann und wie viel hier gekauft hatte und zum Ändern und Ausbessern zurückbrachte. Zwei dieser Folianten nur hat er leicht beschädigt retten können. Die zeige ich Ihnen dann oben in meinem Büro.

Auf der Treppe erzählt er, dass es damals nur drei Möglichkeiten gab: wieder aufbauen, alles vermieten - das Aus für Ladage & Oelke. Oder auf Italienisch machen. Marmor, Glas und viele Strahler. Und die alten Kunden verprellen. Oder aber eins zu eins wieder aufbauen. Die treuen Kunden behalten, ein Stück Hamburg bewahren. Und so wurde es gemacht. Bis hin zur vertrauten Gediegenheit. Der Überfülle in den Regalen, der Vielfalt an Sakkos, Anzügen, Hemden und für die Damen auch mal Blusen oder Röcke. Und diesen absurden Schätzen am Rande. Ein Kapotthut ohne Krempe. Nein, sagt Heinrich Franck, das sei eine Kappe vom französischen Designer Chapal. Wir nennen sie Hasenfilzkappe. Aus guter alter Qualität.

Weiter geht's, einen langen engen Gang entlang. Vorbei an einer gerade mit Dampf aufgebügelten Anzugschulter. An einem Herrn in Socken, dessen "Schlupfgrösse" gerade neu vermessen wird. An einem Ständer mit den berühmten Dufflecoats, die gerade eine Renaissance erleben. "Softiger, schöner. In vier Farben. Als Jacke für junge Frauen. Größe 34, Hüftumfang 36. Da passt ein 36er, nur die Ärmel müssen heute länger sein." Und ja, in diesem Frühjahr ist es für Damen auch wieder der Kilt. Neu, als Mini mit bunten Strumpfhosen.

Dann sind wir in seinem Büro. Hoch über dem Fleet mit Blick aufs Rathaus und geschlossenen Fenstern. Vielleicht einer seiner Ticks, sagt Heinrich Franck, wenn wir denn jetzt bei ihm angekommen seien. Er fühle sich in Räumen mit offenen Türen einfach nicht wohl. Sei ein gemütlicher Eckensitzer. Und der Lärm von draußen sei hier erheblich. Sagen Sie einfach, wenn Sie frische Luft brauchen.

Heinrich Franck nun also. Der Wächter über Tradition und hanseatische Kaufmannstugenden. Mit dem unbeirrbaren Blick für gut sitzende Herrenbekleidung. Und der feinen Unterscheidung zwischen italienischen Männern und deutschen. Der Deutsche will immer eine gute Passform, sagt er. Wie gestanzt, ohne Fältchen. Und alles Ton in Ton am liebsten. Der Italiener will einfach nur schick aussehen. Millimetergenau auf Lässigkeit eingepasst. Und wagt auch mal was. Und sein eigenes Outfit heute? Beige-braun-blau in feinen Abstufungen, sehr konventionell, oder? Ja, sagt er lachend. Mir war heute so nach Ruhe.

In Moisburg ist er geboren. Als jüngster Sohn nach vier Töchtern. Richtig auf dem Lande. 1000 Einwohner, Bauernhöfe, eine Kirche, drei Kneipen. Der Vater "ein halber Anthroposoph" fand, Kinder gehören nicht in die Großstadt. Kaufte 6000 Quadratmeter Acker, trockner Boden, zwei Bäume, weit draußen, übernachtete lieber mal im Laden am Neuen Wall. Ein Paradies für Kinder. Moped fahren, Angeln, Jagen, mit dem selbst gebauten Floß über die Este. Alles. Der einzige Horror: Leinöl gestippt mit Brot, Vollkornbrot mit dunklem Fichtenhonig und grobe, kratzige aber gute Wollsachen. Und dann diese Tage, an denen der Vater von Einkaufsreisen nach Italien zurückkommt. Den Kofferraum seines Opel Kapitän voller Geschenke. Panettone! Dieser Geruch, wenn der Vater feierlich das Papier öffnet. Hmm, den rieche er noch heute. Es folgt ein längerer Exkurs über Panettone als solchen. Mit Abschweifungen zu den richtigen Rezepten für Springerle und Elisen und zu den Klosterdamen in Lüneburg, die ganz nah dran waren an der richtigen Rezeptur. Und zu süßen französischen Brioches. "Ein guter Elisenteig braucht vier Wochen Ruhezeit bei sechs Grad."

Brauchen Sie schon Sauerstoff, fragt er, dann mache ich mal das Fenster auf. Amüsiert sich über meinen Anflug von Schwächeln angesichts seiner Detailverliebtheit. Er sei eben ein wandelndes Lexikon, müsse immer alles genau wissen. Und richtig machen. Hundertfünfzigprozentig.

Wir reden noch über die gute Luft in Rissen, wo seine Ehefrau und er nach dem Brand hingezogen sind, wie sehr er Reinigungen hasst, diese Schmutzumverteiler. 100 fremde Hosen in einer Trommel! Hangeln uns an seinen Fahrten mit dem Rennrad entlang. Abends, um den Kopf wieder frei zu kriegen. An der Elbe, hinterm Deich, vorm Deich. Dem Zusammenstoß mit einem Reh eines Nachts. Streifen die Motorradfahrten mit Freunden, die sich die "Coffeeracer" nennen, weil sie sich von einer Capuccinobar, einem Kaffeegarten, einem Dorfgasthaus zum nächsten durchschlagen. Und seine Royal Enfield, "völlig unspektakulär".

Heinrich Franck hat sich längst in Hochform geredet, sagt in weiser Selbstironie, er brauche eigentlich acht Stunden für ein Gespräch, das ihm Spaß mache. Gießt noch ein Glas Wasser nach. Erzählt, dass er gut mit Holz umgehen kann. Dass sein Vater ihm immer solides Handwerkszeug geschenkt hätte. Der Autodidakt, der mit großer Hingabe für die behinderten Kinder, die seine Frau als Sonderschulpädagogin betreute, Holzspielzeug gebaut hatte. Der dann doch ein Modelleurstudium machte, "heute sagt man Designerstudium". In der Sportbekleidungsindustrie als Schnittmeister arbeitete, nach Mailand gehen wollte. Und dann dieser Tag 1981. Der sehr ernsthafte und anrührende Brief seines Vaters. Er stellte dem Sohn darin zwar frei, ins Familiengeschäft mit einzutreten, zählte aber auch die Gründe auf, warum es gut für alle sei. Und Heinrich Franck ließ sich überzeugen. Führt das Geschäft nach dem Tod seines Vaters 1993 als Chef zusammen mit drei seiner Schwestern weiter, die alle mit im Laden sind. Und auch mal am Telefon. Wie jetzt gerade. Heinrich Franck verspricht, sich später drum zu kümmern und kehrt zurück zum Thema Eitelkeit. Dass er natürlich eitel sei, aber ja. Und das auch ganz in Ordnung fände, wenn es denn nicht so negativ behaftet wäre. Dass er sich lieber einen Ästheten nennen würde. Mit viel Sinn für Schönheit und gute Formen in allen Bereichen. Und deshalb auch Cola hasse. Cola zum Essen. Niemals! Zu vordergründig, zu stark im Geschmack. Achtzig Prozent Wasser, der Rest Chemie. Das mache jedes Gericht kaputt.

Dann philosophiert er noch ein bisschen darüber, dass wir mit der Natur doch wie mit Hefeteig umgehen sollten. Langsam angehen lassen. Das Wachsen. Nicht überdüngen, nicht manipulieren. Und gesteht dann, dass er wahrscheinlich manchmal eine Pest sein müsse. Für Ehefrau Elke-Maria, mit der er im nächsten Jahr Silberhochzeit feiern werde. So ein echter Hundertfünzigprozentiger wie er sei auch pingelig, sagt er. Könne alles besser. Bügeln, backen, kochen. Dann lacht er leicht verlegen. Bringt mich zum Ausgang. Stoppt kurz in der Schuhabteilung, erklärt, dass richtiges Schuhputzen schon dreißig Minuten dauern müsse und er dafür jetzt ein Seminar veranstalte. In seinem neuen Schuhgeschäft in den Colonnaden. Crossfords No.1. Die Erfüllung seines Traums. Und dass er über ein richtiges Wiener Café mit Torten guter Qualität, freundlichem Service und vielen Tageszeitungen auch manchmal nachdenke. Er hätte noch Stoff für so viel mehr, sagt Heinrich Franck zum Abschied. Und das ist das Ende einer höchst amüsanten Spätervormittagmittagfrühernachmittagbegegnung am Neuen Wall Nummer 11, auch wenn das Geheimnis um Tante Käthe ungelöst bleibt.