Mal schüchtern, mal süß, mal aufbrausend

Lesedauer: 9 Minuten

Heike Gätjen trifft jede Woche Menschen aus Hamburg.Heute Cosma Shiva Hagen

So kann's einem gehen. Am frühen Morgen. Das bestellte Taxi kommt einfach nicht. Ich ruf 'n neues an, sagt sie am Handy. Brauche noch 'ne Viertelstunde. Und dann ist sie da. Dieses Temperamentbündel mit dem traumschönen Gesicht. Vom Otto-Versand zur Titelfrau des Frühjahrskatalogs 2009 gekürt. Cosma Shiva Hagen, Schauspielerin und ab heute auch Bar- und Galeriebetreiberin am Fischmarkt Nummer 5.

Atemlos erzählt sie von dem Taxifahrer, dem sie kein Trinkgeld gegeben habe, weil er ja zu spät gekommen sei, und der dann sagte, er sei es ja gar nicht gewesen, und sie habe ihm dann doch noch was gegeben, und von diesem Spruch von Marilyn Monroe: "Be careful what you wish for you might get it" - sei vorsichtig mit dem, was du dir wünschst, du könntest es bekommen. Und so sei es bei ihr. Mit dieser Bar hier am Fischmarkt. Ihr Traum schon immer. Jetzt lebe sie ihn. Sei absolut high und hätte sich schon Bachblüten machen müssen, um zwischendurch mal runterzukommen. Mit dem Schauspieler Luca Maric macht sie es gemeinsam, dem das Elbrausch gehört. Alles zusammen heißt jetzt "sichtbar im Elbrausch". Galerie, Bistro und Bar in einem. Was, sagt sie plötzlich aufspringend, diese goldenen Polster, die auf der Bühne stehen sollen! Viel zu klein! Das sieht ja aus wie Legoland! Da müsse sie ganz schnell noch mal telefonieren.

Dann kehrt Ruhe ein. Wir setzen uns ans Fenster. Guck mal raus, sagt sie. Diese wunderschöne Location. Hafen, Schiffe, blauer Himmel. Die Bilder an der Wand von Thomas Eigel würden dazu passen. Cargo-Container. Damit würde sie auch die erste Ausstellung eröffnen. Und mit Fotos von Santiago Engelhardt, mit dem sie gerade in Burkina Faso war. Und afrikanische Musik. Danach käme das Thema Frauenbilder. Mit Katharina Mayer, Jim Rakete und Frauenporträts in Öl von ihrer Oma, der Schauspielerin Eva-Maria Hagen. Die werde auch einen Gesangsabend einbringen. Und, ja, ihre Mutter, die Rockröhre Nina Hagen, werde auch im Herbst kommen. Mit 'ner Bollywoodnummer und ihrer indischen Band. Ein Familienbetrieb also? Ja, auch, sagt sie lachend. Es werde eine ganz bunte Mischung. Sie mache gern das, was ihr gerade in den Sinn komme. Und stur sei sie. Stier vom Sternbild. Kaum von ihren Ideen abzubringen. Und auch eine Kämpferin. "Ich schmeiße nie schnell das Handtuch."

Cosma Shiva Hagen hat etwas von einem Sommergewitter. Sätze wie Sturzbäche. Gelächter wie strahlender Sonnenschein. In schnellem Wechsel. Mit hinreißenden Augen, einem üppig-sinnlichen Mund, natürlich und offen, wild gestikulierend und dann wieder sehr ernsthaft, wenn es um das geht, was ihr am Herzen liegt. Als Baumwoll-Patin war sie kürzlich im Auftrag von Fairtrade Deutschland in Burkina Faso, einem der rohstoffreichsten und gleichzeitig ärmsten Länder der Welt, um die Werbetrommel für biologisch angebaute Baumwolle zu rühren. Das Thema fairer Handel, Nachhaltigkeit, Umweltschutz ins Bewusstsein der Menschen in Europa zu rücken. Deshalb auch bei der Eröffnung ihrer Galerie eine Modenschau, um die Vielfalt von Fairtrade-Sachen zu zeigen. Tolle Klamotten, die hip und cool sind, sagt sie, keine Ökomode.

Dieser Einsatz ist es auch, der sie auf den Titel des Otto-Katalogs brachte. Denn, so Dr. Rainer Hillebrand, stellvertretender Vorsitzender der Otto-Group, sie hätten sich jetzt mehr Supermodels mit Geschichte und Profil zugewandt. Und da "passt Cosma Shiva Hagen mit ihrem hohen Verantwortungsgefühl perfekt".

Sie sieht das eher als reinen Glücksfall. Sei ja ohnehin kein Model. Aber ja, sagt sie lachend, diese Lippen seien natürlich echt. Da habe doch neulich eine Frau beim Dreh auf Mallorca ihr tatsächlich zugerufen: Cosma, wo hast du deine Lippen machen lassen? So'n Quatsch! Aber so sei es nun mal heute. Deshalb mache ihr das Filmgeschäft auch manchmal Angst. Dieses total auf Äußerlichkeiten abgefahren sein. Vor allem in den USA. Die würden mir doch glatt 'ne Zahnspange verpassen und sagen, ich sei zehn Kilo zu schwer. Die schiefen Zähne habe sie vom Nuckeln, und eine Kieferorthopädin habe ihr gesagt, da müsse man den Kiefer durchbrechen, und da sei sie raus und habe gedacht, ich behalt sie. "Das ist 'ne Charaktersache." Und ... Fangen wir doch einfach mal der Reihe nach an. Geht das? Ja, sagt sie. Wo also?

Cosma Shiva Hagen hat die ersten Lebensjahre in Kalifornien zugebracht. Hat in Paris, London und Berlin gelebt. Ein unstetes Leben. Und ganz viel auf Ibiza. Bei ihrem Stiefvater, weißt du, dieser Punk, den meine Mutter kurz geheiratet hat, der Musiker Iroquois aus der Londoner Hausbesetzerszene. Der sei jetzt total seriös geworden, mache in Immobilien. Eine Vaterfigur für sie. Auf Ibiza wird's ihr bald zu eng. Der Stiefvater oft auf Reisen. Dessen afrikanische Mutter sehr streng. Und das bei ihr, Cosmalita, die doch total antiautoritär erzogen sei! Aber dieser Frau verdanke sie ihre große Liebe zu Afrika. Vor acht Jahren sei sie dagewesen. Ein Film über Kindersoldaten und Spendenaufrufe für Hilfsprojekte wie Schulneubauten. Ein Jahr später wieder. Und dann der Dreh in Namibia. Deutscher als deutsch in Swakopmund! Mit Gesängen wie: einer geht noch, einer geht noch rein. Sie singt's aus voller Kehle und lacht wieder los. Dieses unglaublich mitreißende Gelächter in mehreren Tonlagen. Und wir sind wieder ab vom Thema. Nee, sagt sie, das schaffen wir schon.

Sechzehn Schulen soll sie besucht haben. Was für 'n Quatsch, sagt sie. Zehn könnten es gewesen sein. Drei Sprachen spricht sie. Englisch, spanisch, französisch. Mit Lust auf mehr. Am liebsten holländisch. Das sei so süß. Und gibt gleich 'ne Kostprobe. Von der Muttersprache ihres Vaters, des verstorbenen Rockmusikers Ferdinand Karmelk. Später, als sie zu ihrer Großmutter nach Hamburg zieht, geht sie aufs Internat in Lüneburg. Ist glücklich. Ein sicherer Boden unter den Füßen. Feste Regeln. Eine Theater AG. Cosma ist eine ausgezeichnete Schauspielerin, habe immer in den Zeugnissen gestanden. Und, nein, Schauspielunterricht habe sie später nie gehabt. Sich zeigen lassen, wie es geht. Nein. Mit den ganzen angelernten Sachen im Kopf das eigene Bauchgefühl unterdrücken. Nein. Ein Kollege, der Michael Lade, habe mal gesagt, Mensch Cosma, jetzt bis du noch süß. Aber später, da brauchst du Substanz. Nimm Unterricht. Andere Freunde hätten gesagt, mach's bloß nicht. Ratschläge sind manchmal Schläge, sagt sie nachdenklich. Den Realschulabschluss würde sie gerne nachmachen. Ärgert sich, dass sie die Schule in der Zehnten hat sausen lassen. Es hapere bei ihr mit Satzzeichen, Satzbau, Rechtschreibung. Das käme selbst bei E-Mails durch.

Wir reden noch ein bisschen über Mode. Trendnachläufer hasse sie, sagt sie, eine Gesellschaft, die so dümmlich vor sich hintüdele. Für sie sei Mode Ausdruck der Persönlichkeit, und es sei toll, dass es Mode gäbe, die auf der Straße entstanden sei, durch bestimmte Lebensstile. Sie selbst liebt eine bunte Mischung. Schmuck vom Flohmarkt in Frankreich, bei einem Dreh gekauft, Stücke aus Secondhandshops und natürlich auch aus Modehäusern. Je nach Laune.

Vom Inskinogehen sprechen wir. Dass sie synchronisierte Filme manchmal ärgern würden. Weil dabei so viel verloren gehe. Und sie es einfach hasse, zwischen Popcorntüten eingesperrt zu sein. Nicht mal rauchen könne. Aber für Romy-Schneider-Filme würde sie es wagen. Ihretwegen sei sie eigentlich Schauspielerin geworden. Romy Schneider mit dieser magischen Ausstrahlung! Hinter der man den echten Menschen spüre!

Von ihren beiden Katzen erzählt sie. Lady und Taiger. Das muss ich dir aufschreiben. Mit ai. Und Lady müsste eigentlich Diva heißen. Sei so.

Und sie selber? Keine Ahnung, sagt Cosma Shiva Hagen. Sie sei mal süß, mal schüchtern, mal aufbrausend, mal fordernd. "Ich bin einfach ich." Von der Liebe reden wir noch kurz. Dem Traum vom Märchenprinzen. Dem Frosch, den man dafür küssen sollte. Kenn ich nicht, sagt sie. Ihre Oma habe ihr nur Max und Moritz vorgelesen.

Und dann ist sie weg. Richtung Stilwerk. Weil sie dringend was zum Essen braucht.