Zu zweit mit Susianna Kentikian

Die Killer-Queen mit dem Schoko-Tick

Ihr Kampfstil gilt als kompromisslos. Kritiker bezeichnen die Box-Weltmeisterin daher schon mal als "lächelnden Pitbull im Ring".

Hamburg. So also sieht es von ihrer Welt da oben aus. Dieser sehr eigenen Welt, in der sie sich zäh an die Spitze gekämpft hat. Zur Doppelweltmeisterin im Fliegengewicht und durch kompromisslosen Kampfstil zur "Killer Queen". Zum lächelnden Pitbull im Ring auch, so "Focus". Zu Hamburgs "Million Dollar Baby", wie sie immer wieder genannt wird. Susianna Kentikian, Profiboxerin.

Vor wenigen Minuten war hier zu unseren Füßen im Universum-Gym an der Walddörfer Straße noch die Hölle los. Das übliche Morgentraining. Da wurde rhythmisch gestöhnt, geatmet und geprustet. Lautstark auf von der Decke hängende Sandsäcke eingeprügelt und auf im Boden verankerte Lkw-Reifen eingedroschen. Und sie selbst hinten rechts in der Ecke wie ein kleiner fliegender Derwisch herumtänzelnd. Jetzt sitzt sie leicht erschöpft neben mir im Ring. Zieht die roten Boxhandschuhe aus. Sagt, die kannst du ruhig mal anziehen. Schnüffelt kurz dran, sagt, nein, sie riechen nicht, und lehnt sich entspannt auf dem Hocker zurück. Susianna Kentikian, die im Ring ihre Gegnerinnen aggressiv fixiert, ihnen ihr "Ich bin der Boss" hinknallt, ist als Gesprächspartnerin sanft, freundlich und aufgeschlossen.

Das mit dem "Million Dollar Baby", dem Film von Clint Eastwood, der 2004 vier Oscars einheimste, passt. Ein bisschen wenigstens, sagt sie. Die Geschichte der finanziell vor sich hin strauchelnden Kellnerin, die davon träumt, Profiboxerin zu werden. Mal abgesehen vom Alter, sagt sie. Maggie Fitzgerald im Film ist über dreißig, als sie sich im Ring nach oben boxt. Aber sie, Susianna Kentikian, sei gerade erst einundzwanzig. Und schon mit zwei Weltmeistertiteln. Dem der World Boxing Association (WBA) und dem der Women's International Boxing Federation (WIBF).

Mehr geht nicht, oder? Nein, sagt sie. Aber zurücklehnen, das sei nicht drin. Beim Boxen müsse man sich immer wieder beweisen. Alles geben. Nur die Kämpfe zählen. Die gewonnenen. Sobald du verlierst, bist du schnell wieder unten. Und das mit den ärmlichen Verhältnissen stimme schon. Aber von einer Million Dollar sei sie noch Lichtjahre entfernt. Sie hat einen realistischen Blick aufs Leben. Schon aufgrund ihrer Familiengeschichte. Auch wenn ihr das alles in den Medien längst als zu sehr dramatisiert und aufgebauscht vorkomme. Aber darüber könnten wir gleich sprechen. Nach dem Duschen.

Und dann kommt sie zurück in den gebremst gemütlichen Aufenthaltsraum hinter dem Gym. Ein hinreißendes junges Mädchen, perfekt geschminkt, mit Riesenaugen und umwallt von Krissellocken. Susianna Kentikian, die von allen Suzy genannt wird. Von fast allen. Nur ein Ringsprecher kündigt sie immer mit dem vollen Vornamen an, sagt sie. Und ihre Eltern sagen Suss zu ihr. Mit einem kurzen scharfen armenischen S. Das Handy klingelt. Schatzi, sagt sie, ich bin jetzt im Interview. Entschuldigt sich kurz für die Unterbrechung und schaltet es aus. Die Geschichte ihrer Familie also. 0der erst das mit der Liebe? Wegen des "Schatzi" eben. Nein, sagt sie, sie habe gerade keinen Partner. Aber viele gute Freunde. Die brauche sie dringend. Zum Zuhören, Trösten, Aufbauen. Und an die große Liebe glaube sie. Die, die mit einem großen "Tosh" beginnt, wenn der Richtige zur Tür reinkommt? Nein, sagt sie, Liebe ist was Schönes, wenn sie denn kommt. Aber auf den ersten Blick? Sicher nicht. Nein, dann weißt du zwei Wochen später, der war es doch nicht. Aber wenn du jemanden siehst und sagst, der? Nie im Leben! Dann ist es wirklich der Richtige.

Sie ist schon eine verrückte kleine Mischung. Ernst und erwachsen, wenn es um die Hauptsache in ihrem Leben - das Boxen - geht. Kichernd und sehr jung bei all den schönen Nebensachen. "Schokolade brauche ich jeden zweiten Tag, auch wenn der Trainer das nicht gut findet." "Zur Entspannung shoppen. Alles. Am liebsten Schuhe. High Heels bis maximal sieben Zentimeter. Bei zehn würde ich abstürzen."

Die Familiengeschichte also. Kurz abgehakt. Als Susianna fünf ist, verlässt die Familie Armenien. Der Vater muss zum Militärdienst im umkämpften Bergkarabach. Nach einem Jahr in Berlin, einem zweijährigen Abstecher nach Moldawien, kehrt sie 1996 nach Deutschland zurück. Auf das Wohnschiff "Bibby Altona" und in ein Asylbewerberheim in Langenhorn. Und hier beginnt sie. Die Box-Karriere des 1,55 Meter großen und gerade mal 50 Kilo schweren Kraftpakets. Susianna probiert alles aus. Zum Groll ihres Vaters, der findet, dass man alles durchziehen müsse, womit man einmal angefangen habe. Ihr aber fehlt etwas. Beim Judo, Karate, Schwimmen, der Gymnastik. Dann nimmt ihr vier Jahre älterer Bruder Mikael sie mit zum Boxen. Und das war es, sagt sie. Das Training. Diese Härte, die Beinarbeit, die Deckung, das Schlagen. "Der Sandsack stand vor mir, und ich habe nur draufgeschlagen. Alles rausgedroschen. Mich total ausgepowert." Da war er endlich da. Der ersehnte Kick, die Leidenschaft, der Biss. Dort in der Dorotheenstraße trifft sie auf Frank Rieth, den Mann, der an sie glaubt. Sie mitnimmt in seinen Sportclub Aragon. Der sie und ihre Familie 2001 vor der drohenden Ausweisung bewahrt. Es schafft, die ganze Familie in letzter Minute aus der Abschiebehaft im Hamburger Flughafen rauszuholen. Die Familie darf bleiben. Im August 2008 wird Susianna deutsche Staatsbürgerin.

Dazwischen liegen lange Jahre. Harte Jahre. Erste Erfolge. Hamburger Juniorenmeisterin im Amateurboxen, Norddeutsche Meisterin im Regionalverband und Deutsche Juniorenmeisterin. 24 Siege und nur eine Niederlage. Sie wechselt ins Profifach. Zur Universumtochter Spotlight boxing, die sich unter der Leitung von Dietmar Poszwa dem Aufbau von Nachwuchstalenten verschrieben und mit dem Fernsehsender ProSieben einen Kooperationsvertrag abgeschlossen hat. In dessen "ProSieben Fight Nights" wird sie zum Quotenhit.

Doch diese zwei Jahre dazwischen! Auf dem Weg zum Erfolg. Sie wisse gar nicht mehr, wie sie das alles ausgehalten habe, sagt sie nachdenklich. Im Vergleich zu ihrem jetzigen Leben. Der eigenen kleinen Wohnung, der relativen finanziellen Sicherheit dank der im Profivertrag zugesicherten Kampfbörse.

Aber davor, sagt sie. Eine schwierige Phase. Einfach Hardcore. Der Realschulabschluss. Die Prüfung. Trainieren. Boxen. Morgens Schule, nachmittags Training, abends Putzen im Fitness-Studio. Jeden Tag. Zwei lange, lange Jahre. Zum Erfolg gehört kein Glück, sagt sie. Ein winziges bisschen höchstens. Vor allem aber Fleiß und harte Arbeit. Und Zähigkeit.

Denn anfangs seien die Türen alle zu gewesen. "Keiner hat so recht an mich geglaubt." Bei Spotlight war sie wieder ganz unten. "Aber das habe ich nicht eingesehen. Habe alles aufgeholt. Und war nicht mehr die Letzte." Sondern die Erste. Kampferprobt gegen Gegnerinnen, die ihr großes Vorbild, die vom Profiboxsport zurückgetretene WIBF- Weltmeisterin Regina Halmich, erst auf dem Höhepunkt ihrer Laufbahn bezwang. Wie am 20. März in der Sporthalle Hamburg die US-Amerikanerin Elena Reid, genannt "Baby Doll". Eine Rechtsauslegerin, sagt Susianna. Und eine starke Gegnerin. Aber Angst? Nein, so was kenne sie nicht. Sie habe vor niemandem Angst. Respekt ja. Vor jedem Menschen.

Die ersten Takte ihres Einmarschsongs "Killer Queen" der Rockband Queen wirken auf sie wie ein Knopfdruck. Dazu noch der aufmunternde Klatscher von ihrem langjährigen Trainer Magomed Schaburow in den Nacken. Dann sei sie ganz allein. In ihrer eigenen Welt. Und manchmal würde nicht mal mehr ihr Trainer unten am Ring zu ihr durchdringen. Wie beim Kampf gegen die Israelin Hagar Shmoulefeld Finer im September. Da tobte und schrie der sonst so besonnene Mann: "Geh nach vorne, weiter, weiter!" Und kam endlich an bei ihr. Die damals ausprobierte Taktik des Sich-mehr-Zurücknehmens sei nicht ihr Ding. Kein Rückwärtsgang, sie müsse einfach nach vorne stürmen. So sei sie schon als Kind gewesen. Wild, immer im Einsatz. Rennend, tobend, mit dem Vater catchend. " Komplett adrenalingeladen."

Eine Siegerin ohne große Illusionen. Sie kennt ihre Stärken: Schnelligkeit, Explosionskraft, Zähigkeit, Siegeswillen. Und lässt sich keine Zeit zum Träumen. "Ich will nicht träumen, sondern kämpfen." Sie habe erst, wenn überhaupt, die Hälfte geschafft. "Zehn Jahre Weltmeister, erst dann vergessen dich die Leute nicht." Und um sicher zu sein, dass es auch international klappt, lernt sie schon mal Englisch in Abendkursen. Über die Verletzungsgefahr bei dieser Aufeinanderprügelei im Ring reden wir noch. Sie gesteht, dass sie eitel sei. Kichert. Möchte nicht allzu viele Cuts einstecken. Und sagt gleich darauf nüchtern: "Aber wenn du dir diesen Beruf aussuchst, musst du auch mit den Risiken klarkommen." Das tut sie wahrhaftig.