Von einer, die aufbrach, die Welt zu verbessern

Heike Gätjen trifft jede Woche Menschen aus Hamburg. Heute Sonja Lahnstein, Sozialunternehmerin

Diese Frau ist gut sortiert und kontrolliert. Das wird auf den ersten Blick klar. Ihr Schritt ist zielstrebig und energisch. Sie hat zwei gut gepackte Taschen dabei, Visitenkarten parat. Und ist überpünktlich. Bei unserem Treffen in der Tagesbar "Erste Liebe" an der Michaelisbrücke. In der Nähe ihres Büros im Haus am Fleet, von dem aus sie das Projekt betreut, das ihr am meisten am Herzen liegt und das in diesem Jahr sein zehnjähriges Bestehen feiert: "step 21" - Initiative für Toleranz und Verantwortung. Ein bundesweites Forum für Kinder und Jugendliche. Sonja Lahnstein-Kandel, Diplom-Volkswirtin und ja, sagt sie, nennen Sie mich eine Sozialunternehmerin, wenn es das überhaupt gibt.

Wenn nicht, müsste dieser Begriff, aus dem englischen Social Entrepeneur abgeleitet, eigentlich für sie erfunden werden. Für diese Frau, die sich mit unglaublicher Zähigkeit, Zivilcourage und Temperament für Demokratie und Menschenrechte, für Zivilcourage und gesellschaftliches Umdenken einsetzt. Und sie hat wirklich Dampf drauf. Also zuerst, sagt sie schnell zum Auftakt, step 21. Ein präventives Programm, das zum Tragen komme, bevor das Kind in den Brunnen gefallen sei. Bevor Kinder und Jugendliche abdriften, straffällig, gewalttätig werden. Durch step 21 sollen sie lernen, Verantwortung zu übernehmen, sich einzusetzen. "Ich könnte Ihnen unsere Programme mal durchdeklinieren."

Fangen wir doch erst mal bei ihr selber an. Ihrer Familiengeschichte, dem Grundstein für ihr persönliches Engagement. Das Elternhaus, kroatische Juden, denen es auf abenteuerlichen Wegen gelang, dem Holocaust zu entrinnen. Eine lange von Schrecken überschattete Flucht, die ihre Eltern und Großeltern über Norditalien bis nach Rom führt. Mit Unerschrockenheit, Improvisationstalent und Glück überstanden. Mit "Massel und Chuzpe" eben. So heißt auch das Buch, das Sonja Lahnstein-Kandels Ehemann, der Exbundesfinanzminister Manfred Lahnstein, darüber geschrieben hat. Als Sonjas Vater, der Chirurg Rudolf Kandel, kurz vor seinem Tod schwer krank wird, zunehmende Demenz seine Persönlichkeit, sein Denken, Fühlen und Sprechen überschattet, will die Tochter eigentlich diese Geschichten retten. Ehe es zu spät ist. Und kann es nicht. Es ist zu hautnah. Ihr Ehemann macht sich dran. Füllt systematisch Kassetten über Kassetten mit Puzzlesteinen aus dem Leben einer eigentlich ganz normalen jüdischen Familie, die in den Jahren zwischen zwei Weltkriegen und dem Grauen der Nazizeit ihre Wurzeln verliert, ihre Heimat, Identität und sich doch ihren Glauben an die Menschlichkeit bewahrt. Eigentlich sollte es nur ein Buch für die gemeinsame Tochter Lea-Rebecca sein, die heute als Dreiundzwanzigjährige in Oxford an ihrer Doktorarbeit schreibt. Über biogenetische Datenbanken und deren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Was für eine gewaltige Reise durch drei Generationen.

Also fangen wir noch mal von vorne an. Oder wagen einen Abstecher zu Manfred Lahnstein, der sein angeheiratetes Energiebündel um mehr als dreißig "gefühlte vierzig" Zentimeter überragt? Ja, sagt sie, aber nur kurz. Denn step 21 brenne ihr auf der Seele. Bei einem Empfang in Washington fällt er Sonja Kandel auf. Dieser Mann mit dem imposanten Schnauzer, der alle überragt. Ein Mann, der in keine Schublade zu passen scheint. Kein stromlinienförmiger Politiker, Banker oder Beamter. Anders einfach, sagt sie, ein bisschen quer und einfach faszinierend. Unabhängig im Geist und äußerst zielstrebig in seinem Werben um sie. Was für eine Liebeserklärung von dieser sachlichen Frau! Und dann lachen wir ein bisschen über die Probleme dieses Längenmixes. "Schmusetanzen" sei schon mal out, sagt sie. So Wange an Wange. Und auch ein gemeinsamer Regenschirm ginge nicht. Und das in Hamburg, wo sich ihre Haare bei Nässe sofort kräuseln würden. Diese Haare! Eigentlich sei sie mit sich selbst ziemlich im Reinen, habe alles ganz gut im Griff. Nur eben diese Haare nicht.

Seit Mitte der Sechzigerjahre lebt Sonja Lahnstein in Hamburg. Als die Sechzehnjährige damals mit ihrer Mutter aus Zagreb nach Hamburg kommt, wo ihr Vater "als qualifizierter Gastarbeiter" sich eine neue Existenz aufbaut. Sonja, die einzige Tochter, die nur Kroatisch und Schulenglisch spricht und den Wechsel aus dem südlichen Flair und der Geborgenheit ihrer Heimatstadt in den kühlen Norden wie einen Schock erlebt. Sechzehn Jahre, sagt sie in der Erinnerung, ein schwieriges Alter oder lieber kompliziert. Diese Suche nach sich selbst. Ein ernsthafter Vater, der ihr Menschenliebe, Gerechtigkeit und Ehrlichkeit vorlebt. Die Mutter praktisch und lebendig, die den starken Familienzusammenhalt prägt und doch die einzige Tochter loslassen kann. Der immer auf den Schultern lastende jüdische Ursprung, selbst in einem nicht religiös geprägten Zuhause. Es ist in einem drin, sagt Sonja Lahnstein, und man weiß nicht, wie man damit umgehen soll. Ablegen oder akzeptieren. Man muss sich einfach früh entscheiden.

Nach dem Besuch der damaligen British High School in Hamburg, der heutigen Internationalen Schule will sie Simultanübersetzerin werden. Mit verschiedenen Kulturen und Menschen zu tun haben. Die Spezialschule in Genf ist zu teuer. Sie studiert Volkswirtschaft. Schreibt angetrieben von ihrem "Riesenheimweh" die Diplomarbeit über Fünfjahreswirtschaftspläne im sozialistischen Jugoslawien. Recherchiert vor Ort. Besteht das Examen magna cum laude. Und bewirbt sich "ein bisschen tollkühn und verrückt" beim Internationalen Währungsfonds in Washington. Mit einem Diplom von der Universität Hamburg, sagt sie, und nicht von Harvard oder Oxford. Und schafft es. Später wechselt sie zur Weltbank. Arbeitet in Entwicklungsländern. Von Bangladesch bis Nepal, von Honduras bis Costa Rica, von Indien bis Pakistan. Einfach überall. Man konnte gestalten, sagt sie, arbeitete mit vielen Menschen vor Ort zusammen, hatte viel Verantwortung. "Der wunderbarste Job der Welt." Kurz nachdem sie ihren Mann kennengelernt hat, kehrt sie zurück nach Deutschland, heiratet.

Und das bei ihrem Freiheitsdrang? Nur die Frau an seiner Seite sei sie nie gewesen, sagt sie. Außer diesem einen Jahr, als sie nach der Geburt ihrer Tochter pausiert. Sie habe sich immer engagieren müssen. Vor allem als Anfang der Neunzigerjahre rechtsextreme Gewalttaten, fremdenfeindliche Übergriffe in Mölln und Solingen die Bundesrepublik erschüttern. Der Auslöser für die Gründung von step 21. Und auch als der Terroranschlag vom 11. September 2001 das World Trade Center in Schutt und Asche legt, Tausende Menschen das Leben verlieren, die Welt das Fürchten lehrt. Das "Book of Friendship" entsteht, in dem Kinder und Jugendliche ihrem Erschrecken und ihren Ängste in Wort und Bild Raum geben können. "Da kam Stöckchen zum Hölzchen oder wie heißt das?, sagt sie. Bis ein 50 Kilo schweres Buch fertig ist und Jugendlichen aus New York in der Hamburger Handelskammer übergeben wird.

Ach ja, und Vorstandsvorsitzende vom Deutschen Förderkreis der Universität Haifa ist sie auch. Der Ort, an dem Araber und Juden weltweit am meisten zusammenkommen. Tausende und das jeden Tag. Und friedlich. "Das passt zu dem, was in meinem Kopf vorgeht," sagt sie.

Ein gnadenloser Wettlauf mit der Zeit, sei das, um all ihren Engagements gerecht zu werden. Nicht immer nur auf die letzte Minute die Kurve zu kriegen, sich selbst dabei nicht ganz aus den Augen zu verlieren, wie ihre Tochter häufiger anmahnt. Immer mit dem gewichtigen Aktenkoffer in der Hand. Selbst im Urlaub. Absicherung und Bodenhaftung zugleich, so erscheint es, für jemanden, der so viel anstoßen, mittragen und vorleben möchte. Ganz ohne Frust oder Verzagen.

Manchmal nur gesteht sie sich selbst ein leichtes Schwächeln zu, einen Anflug von Melancholie, ihrem jüdischen Erbe, auch. Ihr Mann, eine rheinische Frohnatur, könne sie ganz gut da rausziehen und sie selbst sich auch. Ihre Tochter helfe und die vielen Freunde. Und ganz profan ginge es auch mit eine Riesenportion Eiskrem oder einem dick mit Butter und Roquefort bestrichenen Brot.

Zum Schluss gönnt sie mir noch einen Blick in ihre beiden geheimnisvollen großen Taschen. Gut sortiert ist die eine: Akten, Besprechungspunkte für die neue Kinderbox, Nachbereitung Kooperation Hamburg, der Bericht zu einem jüdisch-arabischen Stipendienprogramm, Briefe für ein Fundraising Dinner. Ihr Gastkommentar für die Financial Times. Alles sauber in Plastikhüllen. Und die andere Tasche? Oh, sagt sie und beginnt darin zu wühlen, "total vollgemüllt. Schminksachen, Taschentücher, Zigaretten. Das reinste Chaos." Und irgendwie beruhigend sympathisch.

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