Internet: Es gibt nichts, was es nicht gibt

Reeperbahn im Angebot

Tag für Tag werden neue Internetseiten online gestellt. Auf den ersten Blick mögen einige überflüssig erscheinen. Doch oft lohnt sich ein zweiter Blick - wie die drei Beispiele zeigen.

Alles Tomate, oder was? Auf Claudia Schmidts Blog ( www.tomatenblog.de ) schon. Während ihres Biologie-Studiums hat die Hamburgerin viel Wissen über die pralle Vitalfrucht angesammelt. Und dieses teilt sie gern mit anderen Tomaten-Freunden. Wer denkt, dass so ein monothematischer Blog öde ist, hat vorher noch nie richtig über die rote Frucht nachgedacht. Sie ist ein Alleskönner. Mithilfe von Tomaten kann Strom erzeugt werden. Aus ihnen lässt sich ein Weihnachtsbaum basteln; nadelt nicht und kann essend entsorgt werden. Und die Nachtschattengewächse haben echt witzige Namen wie Blondköpfchen, Riesentraube, Nr. 28, Gelbes Birnchen, Maiglöckchen, Reisetomate, Banana Legs, Rose aus Bern oder Big Rainbow. Welcher Scherzkeks denkt sich die aus? Ochsenherz ist laut Blog-Eintrag der "Shootingstar" unter den Fleischtomaten und kann bis zu 500 Gramm schwer werden. Ganz schön bullig, das gute Stück. Doch was am meisten erstaunt: Es gibt Tomaten mit Geschmack. Das verrät der Verweis auf einen weiteren Link: www.tomatenmitgeschmack.de. Nach meinem Geschmack sind das ausreichend viele Tomaten-News.

Zeit, sich auf www.dshini.net umzuschauen. Hier werden Wünsche wahr. Denn der Profit, den die Seite durch Werbung erwirtschaftet, wird mit den Nutzern, also mir, geteilt. Klingt verlockend, und so melde ich mich unter dem Nickname Nixe79 an. Und Nixe79 fällt spontan der eine oder andere Wunsch ein. Doch sie gibt sich bescheiden, wünscht sich lediglich Hilfe beim Tapezieren des Wohnzimmers. Klar, es gibt sicher gemeinnützigere Projekte, wie das von Zivi Christian, der in einem Heim für geistig und körperlich behinderte Kinder und Jugendliche arbeitet und gern für die Bewohner neue Spielsachen hätte. Der Wunsch wurde gewährt. Aber auch persönliche Wünsche haben eine Chance. Drei Tage nachdem das neue Spielzeug eintraf, brachte der Postbote auch noch die neueste Playstation. Diesmal ging das Paket aber direkt an Christian, als Lohn für sein Engagement und seine Verdienste, die Internetseite zu verbessern und neue Nutzer anzuwerben. Das Prinzip ist einfach: Je mehr Menschen Dshini nutzen, umso mehr Geld wird eingenommen und umso mehr Geld kann verteilt werden. Also schicke ich zunächst Einladungen an meine Kolleginnen. Neue Mitglieder zu werben, bringt Punkte. Es wäre doch gelacht, wenn sich mein Wunsch nicht erfüllen ließe. Nach zwei Tagen habe ich aber nur müde acht Punkte gesammelt - so bewerten die anderen meinen Wunsch. In der Hall of Fame der Wünsche liege ich damit 2015 Punkte hinter Spitzenreiter Ramona. Sie wünscht sich ein Fahrrad. Ihr Mann und die Kinder sind oft krank, und sie hat keinen Führerschein. Vielleicht sollte ich meinen Wunsch mit einem Video, Bildern und Musik aufwerten.

Aber vorher nehme ich die Grundstücke auf www.whatsyourplace.de mal genauer unter die Lupe. Bei einem Hektarpreis von 9,95 Euro kann hier jeder seinen Lieblingsort erwerben, virtuell. Die Kaufmotive sind so unterschiedlich wie die Käuferschaft selbst. So hat die Linkspartei das Willy-Brandt-Haus gekauft. Ein anderer Nutzer hisste sein Fähnchen in der Verbotenen Stadt in Peking. Graceland in Memphis gehört einem Elvis-Fan, und eine Tierliebhaberin besitzt Flockes Gehege im Nürnberger Zoo. Die Grundstücke sind wiederverkäuflich. Doch wie beim Monopoly wird der Handel erst richtig losgehen, wenn die besten Grundstücke besetzt sind. Kurzerhand beschließe ich, mir noch die Reeperbahn unter den Nagel zu reißen. Doch bei der Summe schlackern mir die Ohren. Dafür will jemand tatsächlich 79 999,20 Euro kassieren. Ich wollte sie doch nicht wirklich kaufen.

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