Anschwellende Free-Jazz-Gewitter

Shibusa Shirazu heißt soviel wie "Sei niemals kühl". Das ist auch nicht zu befürchten bei den erdbebenartigen Shows der Groß- formation aus Japan.

Es gibt keine Band auf diesem Planeten, die so ist wie unsere", sagt Daisuke Fuwa. Ein schlichter, ein wahrer Satz, denn das Shibusa Shirazu Orchestra ist mehr als eine Band: Es ist ein Gesamtkunstwerk aus Musik, Tanz, Malerei, Videoprojektionen.

Für Europa entdeckt wurde die Großformation von Burkhard Hennen, bisher der künstlerische Leiter des New Jazz Festivals in Moers, in Deutschland die erste Adresse für ungewöhnliche Musik aus den entlegensten Winkeln der Welt. Hennen fand die Truppe von Daisuke Fuwa 1997 in Yokohama. Mit Bulldozern war aus einem Parkplatz eine Art Amphi-Theater gemacht worden, Wehrtürme mit Samuraikriegern wachten über das Szenario, während auf der Bühne inmitten dieses künstlichen Kessels ein Musikspektakel losbrach, das selbst dem weitgereisten Hennen die Sprache verschlug. Bereits 1998 spielte Shibusa Shirazu zum ersten Mal beim Moerser Festival und ist inzwischen ein paar Mal in Europa unterwegs gewesen. In diesem Jahr gastierte das Ensemble nach 2000 und 2002 zum vierten Mal bei dem Avantgarde-Festival am Niederrhein - wie gewohnt mit einer atemberaubenden Show.

Es beginnt lautlos. Zwei fast nackte, grau-weiß geschminkte Butoh-Tänzer klettern auf einen Steg vor der Bühne und kreisen in Zeitlupentempo umeinander. Auf dem Rücken tragen sie große, ausladende Zweige, die sich fortwährend ineinander zu verhaken drohen. In dem riesigen Zirkuszelt ist es mucksmäuschenstill. Dann geht der Vorhang auf, und ein infernalisches Getöse bricht los. Mehr als 20 Musiker sitzen auf der Bühne. Pianist Sachiko Nakajima traktiert seinen Flügel ausschließlich mit den Fäusten, die Saxophonisten um Hiroaki Katayama holen aus ihren Instrumenten mit Überblaseffekten schrille Geräusche heraus, inmitten des Orchesters steht Daisuke Fuwa. Er dirigiert, feuert an, läßt dieses Free-Jazz-Gewitter weiter anschwellen. Mit einer Handbewegung organisiert er aus diesem scheinbaren Chaos einen schnellen Beat. Das Orchester beginnt zu grooven, zwei bildhübsche Go-Go-Tänzerinnen, links und rechts auf hohen Podesten, lassen die Hüften kreisen und schwingen ihre Arme durch die Luft.

Fast zwei Stunden lang erfüllt dieses riesige Ensemble das Moerser Festivalzelt mit der Energie eines Kraftwerkes. Rhythmen ändern sich ebenso abrupt wie die Dynamik. Die lauten Passagen nehmen deutlich mehr Raum ein als die leisen. Fuwa zeigt mit dem Finger auf einzelne Mitglieder seiner Band und gibt ihnen den Raum für solistische Ausflüge. Dann hat er Zeit, sich von seinen wilden Dirigaten zu erholen. Das Publikum ist aus dem Häuschen und feiert die furiose Show. Immer wieder wird nach Zugaben verlangt, und Shibusa Shirazu hat noch einiges in petto. Der Band-Name bedeutet frei übersetzt etwa "Sei niemals kühl".

Gegründet hat der Free-Jazz-Bassist Daisuke Fuwa seine Band im Jahr 1988. Damals suchte er nach Musikern, mit denen er das Avantgarde-Theater Hakken no Kai begleiten wollte. Schon bald wurde dieser Zusammenschluß von Musikern um weitere Künstler erweitert. Besonders der Butoh-Tanz ist ein wesentliches Element bei Shibusa Shirazu. Butoh-Tanz enstand Ende der 1950er Jahre in Japan und geht auf den Tänzer und Schriftsteller Tatsumi Hijikata zurück. Dieser "Tanz der Finsternis" ist ein mythisch-mystisches Spiel, in dem Naturbilder, Erlebnisse, innere Bilder und Erinnerungen durch sparsame Bewegungen ausgedrückt werden. Butoh-Tanz basiert auf dem Moment und der Improvisation.

Durch seine Grenzüberschreitungen und die multimediale Ausrichtung ist das Shibusa Shirazu Orchestra inzwischen ein gern gesehener Gast auf ganz unterschiedlichen Festivals in aller Welt. Fuwas an einen Zirkus erinnernde Gruppe ist unter anderem bei der documenta in Kassel aufgetreten, sie rissen 100 000 Fans auf der Hauptbühne beim Rockfestival im englischen Glastonbury zu Begeisterungsstürmen hin. In diesem Jahr werden sie am 23. Juli auf Schloß Salzau beim Schleswig-Holstein Musikfestival zu erleben sein, das Japan als musikalischen Schwerpunkt vorstellt.

Insgesamt gehören mehr als 100 Musiker und Künstler zu Fuwas Truppe. Je nach Größe und Art des Spielortes werden größere oder kleinere Ensembles zusammengestellt, vom Jazztrio bis hin zu Straßenparaden oder der kompletten Gestaltung eines Auftrittsraumes inklusive Bühnenbild. Von Zeit zu Zeit reist auch ein zwanzig Meter langer Helium-Drache mit, der dann über dem Publikum kreist.

In der Hamburger Fabrik ist Shibusa Shirazu bereits zweimal aufgetreten, das erste Mal vor nur 30 Zuschauern, das zweite Mal immerhin schon vor 250. Die Performance am 17. Juni findet hoffentlich ein noch größeres Publikum - denn dieses Ensemble ist wirklich einzigartig.

  • Fabrik Fr 17. 6., 21 Uhr, Barnerstraße 36, Karten 16 Euro. Schloß Salzau Sa 23. 7., 20 Uhr, Karten 23 Euro, Internet: www.shibusa.org

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