Der Gewaltmarsch über das Eis

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Christian-A. Thiel

Der Treck wurde zur Legende: Vor 60 Jahren, im Kriegswinter 1944/45, flüchteten Deutsche vor der Roten Armee aus Ostpreußen - mit ihren Trakehner-Pferden. Die Britin Patricia Clough recherchierte den härtesten Marsch, den je eine Pferderasse bewältigen mußte.

Trakehnen war einmal das größte Gestüt Europas, der Glanz des deutschen Ostens. Ein großer Park mit Wäldchen, Teichen und nüchtern-eleganten Backsteinhäusern. "Jetzt sieht es dort trostlos aus", sagt die englische Autorin Patricia Clough nach einem Besuch auf der heute zu Rußland gehörenden Anlage. "Da liegen verrostete und überwucherte Geräte herum. Die Ställe stürzen ein, das Haus des Landstallmeisters dient als Schule. Die Natur hat Wiesen, Weiden und Äcker zurückerobert."

Die Trakehner Pferde und das staatliche Gestüt mit dem Symbol der Elchschaufel haben das Bild Ostpreußens geprägt - und waren ein großes Kapital. Im Oktober 1944 wurde das Idyll nach mehr als 200 Jahren zerstört. In einer Massenflucht verließen zwei Millionen Menschen und Tausende Pferde Haus und Hof gen Westen.

Der große Treck liegt jetzt 60 Jahre zurück. "Es ist wohl das einzige Mal in der Geschichte, daß eine so große Zahl von Pferden gleichzeitig die Heimat verlassen mußte", sagt Patricia Clough, die die Geschichte dieser abenteuerlichen Flucht nachgezeichnet hat.

Flucht und Räumung waren in der Geschichte der Trakehner nichts Unbekanntes. Schon 1806 und 1812 in den Napoleonischen Kriegen und 1914 während des Ersten Weltkriegs mußten die Zuchttiere vorübergehend in Sicherheit gebracht werden. Nichts aber war vergleichbar mit der verheerenden Katastrophe im Winter 1944/45. Denn diesmal sollten sie nicht zurückkehren.

Die Böttchers waren keine Minute zu früh aus Georgental abgefahren. Sie erreichten eine Kreuzung, sowjetische Flieger attackierten sie mit Phosphorbomben. Die Pferde gerieten in Panik, schrieen und gingen durch.

  • Alle Zitate aus "In langer Reihe über das Haff"

Herbst 1944. Viele ostpreußische Familien saßen auf gepackten Koffern. Der näherrückende Geschützdonner kündigte den russischen Vormarsch an. Und doch verging wertvolle Zeit, weil Ostpreußens Gauleiter Erich Koch zögerte, bis er die Tiere in Sicherheit bringen ließ. "Der war eine der schrecklichsten Figuren des Dritten Reiches", sagt Patricia Clough, "und total auf Hitlers Linie. Und die hieß: Alle müssen bleiben und bis zum letzten Mann kämpfen. Viele Nazis haben an ihre eigene Propaganda geglaubt. Die Soldaten aber wußten, was los war, und sagten den Leuten: ,Ihr müßt hier weg!' Nach dem Einmarsch in Nemmersdorf und dem Massaker an der Zivilbevölkerung war jedem klar, wie es jetzt weitergehen würde."

Erst in der Nacht zum 17. Oktober 1944 kam der offizielle Befehl zur Räumung. 800 Gestütspferde wurden in mehreren Herden auf den Weg gebracht. Tausende Bauern schlossen sich mit ihren Tieren an oder versuchten es auf eigene Faust. Die Pferde zogen Wagen, die mit dem ganzen Hab und Gut mehrerer Familien beladen waren. Einige Tiere mußten zurückgelassen werden, nur die wertvollsten Stuten und Fohlen sollten auf jeden Fall mitgenommen werden.

Der Oktober 1944 war zunächst ein klassischer goldener ostpreußischer Herbst. Doch schon im November setzten Regen und Kälte ein. Der Dezember war bitterkalt, die kilometerlangen Trecks quälten sich durch Eis und Schnee. Gerade mal 30 Kilometer schafften sie an einem Tag. Vor ihnen verstopfte, schlammige oder vereiste Wege, markiert von Leichen und Pferdekadavern; im Rücken die russischen Panzer. Wer zurückblieb, wurde gnadenlos überrollt. Erschöpfte und verletzte Tiere verendeten. Bis zu 1000 Kilometer mußten die Trecks ohne geeignete Vorräte bewältigen.

Als die Rote Armee das im Westen gelegene Elbing erreichte, war Ostpreußen vom Reichsgebiet abgeschnitten. Letzter Fluchtweg blieb das Frische Haff, die schmale Lagune an der Ostsee. Denn im Januar 1945 war das Haff von einer festen Eisschicht bedeckt.

Sie stellten wie Tausende anderer Flüchtlinge fest, daß es weder für Menschen noch für Tiere irgendwo etwas zu essen gab. Ihnen blieb nur, was sie bei sich hatten. Ausgehungerte Pferde fraßen Stroh von den Hausdächern.

Aber noch während der Treck unterwegs war, begann das Eis zu tauen. An einigen Stellen quälten sich die Tiere durch Wassermassen, die ihnen bis zum Bauch standen. Noch heute finden Taucher auf dem Grund des Haffs Überbleibsel alter Pferdewagen.

"Ohne die Pferde", sagen Überlebende heute, "wären wohl auch die Menschen nicht herausgekommen." Die schwierigen Bedingungen belegten einmal mehr die große Leistungsfähigkeit dieser Pferde, die auch "Ostpreußisches Warmblut" genannt wurden. "Die Flucht über 1000 oder gar 1500 Kilometer - das hat keine andere Pferderasse je bewältigen müssen", sagt Patricia Clough. Trakehner hatten schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Rennen von München nach Berlin in zwei Tagen bewältigt - das schafft heute kein Reitpferd."

Die scheinbare Sicherheit am neuen Quartier der Trakehner währte oft nur wenige Tage. Der Krieg rückte unaufhaltsam näher. Die Pferde aus den staatlichen Gestüten wurden von einem Stall in den nächsten gebracht. Viele Adelsfamilien hofften, bei Verwandten im Westen unterzukommen. Patricia Clough: "Martin Heling ' früherer Landstallmeister, d. Red. ' hat schon geahnt, daß man so weit wie möglich nach Westen kommen müßte, wo eben die Engländer und Amerikaner standen."

Für die meisten Privatzüchter waren die Pferde "ihre Lebensgrundlage", sagt die Autorin. "Und die Pferde der Staatsgüter waren Staatsvermögen." Die Pferdezucht war eine lukrative Industrie. Das wußten auch die Russen. Mit den Pferden, die sie damals in Ostpreußen beschlagnahmten, setzten sie die Zucht fort. Diese "östlichen" Trakehner sind heute sogar etwas größer als die deutschen.

Von 56 000 registrierten Trakehnern haben rund 1000 den Westen erreicht, von diesen sind weitere an Hunger oder Krankheit eingegangen - oder wurden geschlachtet, denn die Menschen wollten überleben. "Es ist ein Wunder, daß die Zucht unter diesen Umständen überhaupt erhalten geblieben ist", sagt Clough.

Es war ein grausig-schönes Bild, als die Pferde mit ihren Reitern in langer Reihe über die Dünen zogen, hell erleuchtet vom Feuerschein des etwa zwölf Kilometer entfernten Städtchens Tolkemit, das lichterloh brannte.

Die Trakehnerzucht hat sich wieder erholt, engagierte Züchter haben mit 18 übriggebliebenen Zuchtstuten den Bestand noch in den Kriegswirren gerettet. Heute gibt es etwa 3000 Züchter in Deutschland, beim Trakehner-Verband in Neumünster sind rund 4500 Stuten registriert.

Flucht und Vertreibung liegen 60 Jahre zurück. Patricia Clough, die unter anderem über Hannelore Kohl ("Zwei Leben") schrieb, war in einem Gespräch mit Marion Gräfin Dönhoff auf das Thema gestoßen. Es ließ sie nicht mehr los. "Das ist nun mal ein Stück der Vergangenheit", sagt die frühere Deutschland-Korrespondentin, die jetzt in Italien lebt, ". . . und ihrer Bewältigung." Aus ihrer Sicht haben die Deutschen erst seit einigen Jahren die emotionale Reife gewonnen, um auch diesen Teil der Geschichte aufzuarbeiten. "Es war eben nicht alles nur schwarz-weiß. Auch Täter waren Opfer."

  • Patricia Clough: In langer Reihe über das Haff. Die Flucht der Trakehner aus Ostpreußen. DVA, 220 S.; 19,90 Euro. Internet: www.trakehner-verband.de