Die Szene rollt und springt

Trendsport: Ein-Rad-Antrieb

| Lesedauer: 7 Minuten
Melanie Nickel (Text) und Marcelo Hernandez (Fotos)

Wo andere grillen und chillen, fahren sie Einrad. Und es sind nicht die kleinen Mädchen, die diesen Sport betreiben, sondern Jungs und, ja wirklich, erwachsene Männer.

Einrad fahren, das ist was für süße kleine Mädchen zwischen acht und zwölf Jahren mit Zöpfen und Zahnspange. Meist sieht man sie wild mit den Armen fuchtelnd in Fußgängerzonen und auf Bürgersteigen. Sie versuchen, um die Passanten herum zu kommen wie um Fahnenstangen und haben dabei nur ein Ziel: bloß nicht das Gleichgewicht verlieren. So weit das Klischee.

Anders die teils erwachsenen Männer, die an diesem Nachmittag am Park Fiction auf St. Pauli auf Einrädern fahren. Sie tragen weite Cargo-Hosen, auffällige T-Shirts und aktuelle Turnschuhe. Springen mit dem Einrad aus einem Meter Höhe, balancieren auf schmalen Eisenstangen oder fahren, als ob es keine große Sache wäre, mal eben ein paar Treppenstufen herunter. Und Einradfahren heißt nicht mehr Einradfahren, sondern Unicycling.

"Man muss schon ein bisschen verrückt sein, um diesen Sport zu betreiben", sagt Joachim Pfender. Der 45-Jährige ist einer der etwa 15 Hamburger Aktiven hier zwischen 11 und 45 Jahren. Nach Schule, Studium oder Beruf treffen sie sich regelmäßig. Es geht ihnen um die Tricks. Weitsprung, Hochsprung, Drehungen oder Fahren ohne Kontakt zu den Pedalen. Selbst bergab, über Stufen und andere Hindernisse, MUnicycling (über Stock und Stein), oder Einrad-Hockey beziehungsweise -Basketball sind Varianten.

Von hier oben hat man einen traumhaften Blick auf den Hafen. Auf der Elbe ziehen Barkassen und Liner vorbei, und eine leichte Brise weht. Die Passanten bleiben staunend stehen. Niels Falk will gerade von einem Müllbehälter springen. "Der Nervenkitzel steigt und du kriegst dieses Kribbeln im Bauch", sagt er und stößt sich ab.

Die Unicyling-Karriere des 27-Jährigen begann früh. Als Zwölfjähriger schnappte er sich das Einrad seiner älteren Schwester. Nach einigen Jahren Pause fährt er jetzt seit fünf Jahren wieder - nur aufregender. Sein Faible ist das Street-Fahren. "Da springt man Tricks auf Hindernissen wie Treppen oder Bänken", erklärt er. Eine halsbrecherische Angelegenheit: Seit Kurzem rutscht Niels auch Treppengeländer auf einer Pedale runter. "Ich bin schon sehr spezialisiert. An Touren habe ich keinen Spaß. Ich fühle mich in technischen Disziplinen mit spektakulärem Angeberkram wohl." Und so ist er Deutscher Vizemeister seiner Altersklasse im Weitsprung (1,70 Meter) und Viertbester Deutscher beim Coasting, dem Ausrollen ohne Kontakt zu den Pedalen.

Den Weltrekord hält hier allerdings Knut Steffens. Der 20-Jährige ist ganze 165,8 m gerollt. "Das war 2008, bei der WM in Kopenhagen", sagt er nüchtern, ohne kaum den Blick zu heben. Und überhaupt scheint Knut eher der Genügsame der Truppe. Auch den Weltmeistertitel im Einrad-Hockey erwähnt er nur so nebenbei. Dieses Jahr ist er von Bremen nach Hamburg gefahren - auf seinem Riesen-Einrad mit Gangschaltung und Bremse. Fünf Stunden hat er für die etwa 130-km-Strecke über die Landstraße gebraucht. "Danach tat mir so ziemlich alles weh", sagt er und fährt noch im selben Moment mit dem Einrad bäuchlings über den Platz.

Währenddessen landet Niels beim Versuch, einen Sprung mit doppelter Drehung zu machen, etwas unsanft neben seinem Sportgerät. Der junge Software-Entwickler steigt aber sofort wieder auf und versucht es noch einmal. Richtig große Verletzungen habe er noch nicht gehabt. "Ein paar Prellungen und Kratzer - das Übliche halt", sagt Niels. Man lerne zu fallen. Doch die Narben an Ellenbogen und Beinen sprechen eine andere Sprache. "Schürfwunden gehören schon dazu", erklärt Joachim. "Die zählen im Grunde nicht." Einen Unicyclist erkenne man meistens an demolierten Schienbeinen. Da sind Schoner eine nützliche Erfindung. Und gleich beim nächsten Versuch gelingt Niels die doppelte Drehung.

Wer denkt, dieser Sport sei nur was für harte Jungs, der irrt. Auch zähe Mädels wie Nadine Wegner (18) und Elke Körner (40), die hier mittrainieren, lässt er nicht mehr los. Zwar sind sie weniger übermütig, aber dennoch keine Ausnahme. Genau wie Max. Der 11-Jährige unterscheidet sich rein optisch nur durch seine Größe von den anderen. Er zählt die Liste seiner gewonnen Titel auf wie andere ihre Einkaufsliste - es sind viele. "In meiner Altersklasse gibt es ja nur wenige", versucht er seine Erfolge zu schmälern. Doch hinter den kinnlangen Haaren, die ihm lässig ins Gesicht fallen, sieht man eindeutig den Stolz in seinen Augen. "Max ist wirklich gut", sagt Niels, "besser sogar als manch älterer" - im nationalen Vergleich. In Deutschland ist die Szene noch recht überschaubar. Unicycling ist noch am Anfang. International ist die Konkurrenz größer. Die meisten Einradfahrer gibt es in Nordamerika, Frankreich und Japan. Teilweise werden dort Einräder sogar in den Schulsport integriert. Tricks und Disziplinen entwickeln sich ständig weiter. "Wir informieren uns viel übers Internet. Da stellen Fahrer aus der ganzen Welt ihre Videos rein", sagt Joachim und: "Niels ist immer up to date. Wenn er irgendwo einen neuen Trick gesehen hat, ruft er uns an und dann zeigt er ihn uns." Überhaupt gilt Niels als wandelndes Trick-Lexikon und Kenner der Szene. Er betreibt auch das Hamburger Internetportal www.elbtrial.com und organisierte 2007 das VI. Deutsche MUni- und Trial-Wochenende in Hamburg. "Wir fahren etwa einmal im Monat zu derartigen Conventions", erzählt Niels. Hinzu kommen die Deutschen und Welt-Meisterschaften. Ihr nächstes großes Ziel: die WM Ende des Jahres in Neuseeland.

Meisterschaften und Ranglisten hin oder her. Sie verstehen ihren Sport mehr als Lebenssinn, eine Art Passion und Lifestyle zugleich. "Unicycling ist Teil unserer Persönlichkeit und macht uns eben aus", sagt Joachim. Keine Trendsportart, die wie Inlineskating die Massen bewegt. Hier finden sich lauter Individualisten mit einer gemeinsamen Leidenschaft. Adrenalin garantiert. "Besser als am Computer zu sitzen", sagt Knut. Zurufe von Passanten wie "Hey, du hast deinen Lenker verloren" oder "Kannst du dir kein zweites Rad leisten?" überhören sie. Denn "für uns sind Radfahrer Stützradfahrer", sagt Joachim spöttisch. Und am Park Fiction haben die, genau wie die süßen Mädchen, nichts zu melden!

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Journal