Willkommen im Club

Enthüllt: Hamburgs verschlossene Gesellschaft

Man muss nur wollen. Dass das aber nicht immer reicht, belegt der Anglo-German Club. Der exklusive Gesellschaftstreff öffnet nur Mitgliedern die Türen.

Hamburg. Blaue Stunde an der Alster: Vor dem Dinner treffen sich die Herren im Clubraum auf einen Drink - manchmal auch auf eine Zigarre.

Harvestehuder Weg 44, eine Villa von 1860, erbaut im Stil oberitalienischer Landhäuser der Renaissance. Es ist eine der vornehmsten Adressen der Stadt. Kurz still gestanden. In den Anglo-German Club geht man nicht einfach hinein - man setzt seine Schritte ganz bewusst. Nicht über eine schnöde Fußmatte, sondern über einen langen Teppich: rot und marineblau, in den Clubfarben, mit eingewebtem Emblem. Hamburg-Wappen inklusive. Der Eingangsbereich mit den Säulen davor ist überdacht. Erstklassiger Sichtschutz vor neugierigen Blicken. Außerdem könnte es regnen. Damit kennen sich Briten wie Norddeutsche aus.

"Members only" gebietet eine kleine Kupfertafel am Portal, ganz diskret. "Nur für Mitglieder". Links neben der Tür hängt ein Bronzeschild mit dem Konterfei von Sir John Dunlop, nach dem Zweiten Weltkrieg High Commissioner in der Hansestadt und gemeinsam mit Bürgermeister Max Brauer erster Ehrenvorsitzender eines Clubs, der von einem gemeinen Verein so weit entfernt ist wie London von Hamburg. Mindestens. Die Frage nach prominenten Gästen, die hier Einlass fanden, pflegte der langjährige Präsident Heinrich von Berenberg-Gossler listig mit einer Gegenfrage zu parieren: "Welche nicht?"

Die weiß lackierte Holztür mit der Messingklinke öffnet sich schwer. "Herzlich willkommen im Anglo-German Club", sagt die Dame an der Rezeption. "Sind Sie angemeldet?" Ja. Im Foyer sind schwere rot-grau gemusterte Teppiche zu sehen, ein üppiges Blumenbouquet. Über eine Treppe mit hübsch verziertem Geländer geht es in den ersten Stock, Ölgemälde schmücken die Wände. Seefahrtsmotive zumeist. Auf einem Holzpult in der Ecke liegt das Gästebuch. Aus Leder, natürlich.

Zuvorkommend, eher fröhlich als distinguiert, weist die Empfangsdame den Weg zur Bar. Dort warten die Herren des Vorstands: Claus-G. Budelmann (64), von Haus aus Privatbanker, Britischer Honorarkonsul und seit zwölf Jahren Chairman des AGC, wie die vornehme Gesellschaft kurz genannt wird. Ihm zur Seite haben der Deputy Chairman Clive J. Kennedy (72), in aktiven Berufszeiten als Wirtschaftsprüfer eine Größe, sowie Schriftführer Dr. Thomas Seiffert (64), Rechtsanwalt, Platz genommen. Durch die Fensterfront fällt der Blick auf die Terrasse, die Außenalster, den großzügigen Garten. Zu Ehren des Geburtstags der Königin Elizabeth II. wird hier alljährlich eine große Sommerparty gegeben. Wer auf der Gästeliste steht, ist in Hamburg wer.

"Die Herren wünschen?", fragt der Barkeeper. Die Herren ordern Mineralwasser und Tomatensaft. Kleine Ernüchterung. Port, Sherry, Gin oder Whisky nehmen sie erst nach Einbruch der Dunkelheit, in der Regel, versichern die drei Gentlemen. Ungefragt kommen sie auf das Thema Frauen. "Natürlich haben Damen Zutritt", sagt das Trio unisono. Aber in die Clubräume im Erdgeschoss, bitte, nur in Begleitung von Mitgliedern. Nicht altmodisch sei das, sondern eine Frage der Tradition. In den Festräumen oben gelten keinerlei Einschränkungen, sie können für Feiern von jedem gebucht werden.

Heute hat der AGC mehr als tausend Mitglieder (unter ihnen 40 Briten); rund 600 davon persönlich, die anderen als Firma. Diese Unternehmen dürfen jeweils drei Personen auf die Liste der Zutrittsberechtigten setzen. Der britische Botschafter in Berlin sowie Hamburgs Erster Bürgermeister sind Ehren-Präsidenten. Von Amts wegen, wenn man so will ...

Fast hundert Junioren unter 31 Jahren sollen eine Überalterung der Herrenrunde vermeiden. Der Mitgliedsbeitrag kostet 350 Euro im Jahr; Speisen und Getränke sind extra zu bezahlen. Wer beitreten will, benötigt drei Bürgen aus dem Club - und einen erstklassigen Leumund.

Wer abgelehnt wird, erhält einen freundlich formulierten Brief. Auf Bütten, aber ohne Angabe eines Grundes. "Kommt aber nur zweimal in zehn Jahren vor", sagt Chairman Budelmann.

Diskret nähert sich ein Mann mit blau-roter Weste, Krawatte und weißer Schürze: "Gentlemen, es ist eingedeckt." Die Herren lassen sich nicht lange bitten: "Prima, Herr Holzapfel!" Gustl Holzapfel, geborener Berliner, ist seit 31 Jahren an Bord. Viel gehört und gesehen hat er. Verschwiegenheit gehört zum Geschäft. Auch der Koch, Reimer-Eggert Schlüter, ist seit mehr als drei Jahrzehnten dabei. Damals wie heute sind erstklassiges Essen, gute Weine aus dem umfangreichen Keller und feine Spirituosen geschätzte Annehmlichkeiten des Clublebens.

Herr Holzapfel serviert die Drinks, und rollt anschließend einen Wagen mit kalten Fischspezialitäten an den Tisch. Die Vorspeise. Den Hauptgang wählen die Herren à la carte. Steinbuttflocken "Murat" mit Artischocken und Champignons in leichter Béarnaise, Seeteufelmedaillons im Pancettamantel mit Rahmspargel, Perlhuhn Suprème mit Parmaschinken und Nasi Goreng stehen auf der Karte. Geordert aber werden jetzt, ganz bodenständig, Rumpsteak mit Bratkartoffeln, Hacksteak à la Meyer und Labskaus mit Rollmops. Die Preise halten sich im Rahmen; kein Hauptgericht kostet mehr als 25 Euro.

Gut zehn Männer sitzen an den Tischen mit weißem Tuch und Leinenservietten, die meisten unterhalten sich im Flüsterton. Von einem Ölgemälde am Kopf des Speisesaals blickt freundlich die englische Königin. Sie trägt lange weiße Handschuhe. Wer weiß, was sich zu ihren Füßen in den vergangenen Jahren so alles ereignete?

Auf dieses Thema indes reagieren die Gentlemen des Vorstands beim Kaffee im Clubraum nebenan verschlossen. Zwar ist es kein Geheimnis, dass Pfeffersäcke, Politiker und andere Prominenz den Club gerne zum vertraulichen Gespräch nutzen. Doch, bitte, keine Details. Höchstens ein paar Namen: der frühere Geheimdienst-Chef Reinhard Gehlen, Prinz Andrew, Michail Gorbatschow, Schimon Peres, John le Carré. Fest terminiert sind auch die Mittwochsrunde hanseatischer Bankiers sowie die Treffen des konsularischen Korps. Überhaupt dient der Club als Ort für Begegnungen mit ausländischen Gästen und für den internationalen Gedankenaustausch. Letztlich geben die Herren doch kleine Details preis: Sowohl Helmut Schmidt als auch Helmut Kohl trafen sich während ihrer Kanzlerschaften zu vertraulichen Gesprächen hinter verschlossenen Türen.

Ein kurzer, heimlicher Blick ins Gästebuch auf dem Weg zum Waschraum belegt die Vermutung: Wenn's dunkel wird über der Außenalster, heißt es im Club schon mal: "Hoch die Tassen!" Ein englischer Offizier verewigte sich mit fahrigen Grüßen und einem krakeligen Schiff, ein Hamburger Blaublut schmierte seinen Namen gar über zwei Seiten. Zusatz: "Cheers!" Claus-G. Budelmann kommentiert launig: "Kann mal vorkommen, dass der eine oder andere zu fortgeschrittener Stunde nicht mehr ganz alleine ist." Was auch immer das heißen mag.

Herr Holzapfel und sein Kollege fragen nach einem Digestif. Sherry, weißen oder roten Portwein, Drambuie, Cognac Claude Chatelier VSOP? Gin Tonic? "Wie immer!", sagt der Herr am Nebentisch. Auch er wird gut bedient. Oder wie wär's mit einer Zigarre, Havanna Montecristo zwei für 14,10 Euro? Gelagert in Holzkisten im Humidor unter der alten Standuhr. Die Churchill von Romeo y Julieta kostet 40 Cent mehr. Passt irgendwie besser, schon wegen des Namens.

Inzwischen genießen rund zwei Dutzend Herren die Ruhe in den beiden Clubräumen. Ihr Refugium. Abends, zur blauen Stunde, wird es voller. Man kennt sich, ist oft per Du. Einer liest englische Zeitungen vor dem Kamin, ein anderer sinniert in einem der braunen Ledersessel. Auf dem Holztisch vor ihm steht eine Kanne Tee, über ihm wird Seefahrtgeschichte lebendig. Auf Gemälden ist die "William Thomas of Sunderland" zu sehen, ebenso Commander Robsen und Diana von Aberdeen. Daneben hängen Bilder mit der Aufschrift "Officers of the British Army" - und ein antiker Stich der "City of London". Alles fein, absolut nicht protzig. Stilvolles Understatement, mit einem Hauch von Commonwealth. Anspruchsvoll, jedoch nicht elitär. An der Decke spendet ein Kronleuchter dezentes Licht und setzt den Stuck perfekt in Szene. Draußen verschwindet die Alster in der Dämmerung.

"Noch ein Wunsch, der Herr?", fragt Herr Holzapfel leise. Seine Schritte waren auf dem Teppichboden gar nicht zu hören. Nein, herzlichen Dank, alles bestens. Wie recht hatte doch ein ehemaliger Bürgermeister, als er nach einem Besuch am Harvestehuder Weg 44 befand: "Irgendwie wirkt der Anglo-German Club wie die letzte britische Kolonie."

erschienen am 25. April 2009

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.