Isa Vermehren: Vom Kabarett übers KZ ins Kloster

In Werner Fincks Berliner "Katakombe" feierte sie als 15-Jährige Erfolge. Auch im KZ konnten sie ihr das heitere Wesen nicht austreiben. Jetzt gibt es ein Buch über diese außergewöhnliche Frau.

"Ich habe von meinem Leben immer den Eindruck gehabt, dass es schnurgerade gegangen ist . . . Es war kein federleichtes Leben, aber immer ein forderndes, sinnerfülltes, auch spannendes." Die Frau, die dies gesagt hat, ist heute 85 Jahre alt und hat eine erstaunliche Karriere hinter sich: Isa Vermehren. In Lübeck geboren, begann sie mit 15 Jahren als Kabarettistin in Berlin, kam dann ins KZ, wurde später Nonne und war 14 Jahre Direktorin der Hamburger Sophie-Barat-Schule. Jetzt hat Matthias Wegner ein Buch über sie geschrieben, "Ein weites Herz" - das Bild eines Lebens, in dem sich seit der Geburt Isa Vermehrens am 21. April 1918 bis heute Weltereignisse widerspiegeln. Die Erziehung des rothaarigen Mädchens war liebevoll und großzügig. Isa war begabt und riss sportlich, waghalsig und musikalisch andere mit. Ihre Eltern verband mit den Nazis nichts; ihre Werte waren Humanismus, Freude an Kultur und Wissen, Offenheit gegenüber jedermann. Isa erlebte, wie diese Werte zusammenbrachen: "Die Erwachsenen", sah sie, wenn sie über ihre Familie hinaus blickte, "fielen um wie ein morscher Gartenzaun." Am 1. Mai 1933 sollte die Schule den deutschen Gruß lernen: rechten Arm mit flach ausgestreckter Hand in Augenhöhe heben. Isa wollte nicht, denn die vor ihr gehende Schülerin durfte den Arm gar nicht heben: "Sie sind ja nicht arisch." Isa wurde bedeutet, sie solle besser die Schule verlassen. Was sollte nun geschehen? Ein Berliner Journalist schlug vor, Isa könne doch gut Ziehharmonika spielen und freche Lieder singen, wie wäre es, wenn sie in Werner Fincks "Katakombe" auftreten würde, dem politischen Kabarett. Bald sang und spielte sie dort - neben Größen wie Theo Lingen und Ursula Herking. Die Kritik lobte: "Man möchte ihr freundliche Worte sagen, weiß aber nicht, ob sie sich nachher nicht eins drauf pfeift." Nebenher nahm Isa Schauspiel-, Sprech- und Gesangsunterricht und spielte in Filmen mit. Die katholische Elisabeth Gräfin Plettenberg brachte die Wende in Isas evangelisches Leben. Sie sah den Menschen in einem göttlichen, Sinn gebenden Zusammenhang: 1938 wurde Isa katholisch, zog sogar ins Studentinnenheim des Ordens "Sacre Coeur", um ihr Abitur nachzuholen. Nun war sie 20 und hatte dreierlei: Auftritte, Abiturvorbereitungen und die Devise des Ordens: "Viel Beten, viel Schweigen". Doch der Krieg ging weiter, Isa meldete sich beim Roten Kreuz und gab Truppen-Konzerte. 1943, als Bruder Michael heiratete, beschlossen sie und der Architekt Karl Heinrich Beutler, auch zu heiraten. Zuletzt wich diese Idee aber beider Wunsch nach engerer Bindung an die Kirche. Beutler konnte ihn nicht mehr verwirklichen: Er fiel in Russland. Nachdem Isas Bruder Erich sich nach England abgesetzt hatte, kamen die übrigen Familienangehörigen ins KZ. Propagandaminister Goebbels notierte: "Der Fall Vermehren hat dem Führer viel zu schaffen gemacht" und verhängte Sippenhaft. Die Eltern und Michael kamen nach Sachsenhausen, Isa nach Ravensbrück, Buchenwald, Dachau. Sie überlebten. Danach hat Isa Vermehren ihre Erinnerungen an die KZ-Zeit aufgeschrieben - distanziert, analytisch: "Reise durch den letzten Akt"; 1946 eins der ersten Zeugnisse des dunkelsten deutschen Kapitels und Bestseller der Nachkriegsjahre. Von 1947 an studierte sie Deutsch und Englisch, um als Nonne Lehrerin zu werden. Dann trat sie ins Herz-Jesu-Kloster von Pützchen bei Bonn ein. Bei aller Unterwerfung müsse eine Novizin "gut essen, gut schlafen und gerne lachen", lautete ein Grundsatz. "Bis heute", schreibt Wegner, "fällt an ihrer ausstrahlenden und gewinnenden Persönlichkeit die Verteilung von tiefem Ernst und mitreißender Vergnügtheit, Konzentration und Entspannung, Wissbegierde und Ironie, Skepsis und Optimismus auf." Als Lehrerin war sie begeisterungsfähig, engagiert und "Revoluzzern" gegenüber aufgeschlossen. Mit 41 wurde sie in Pützchen Schulleiterin, mit 51 in Hamburg. Sie fand sich "autoritär", doch alle wollten in ihren Unterricht, weil er nie langweilig war. Sie richtete einen musischen Zweig ein und erhielt das Bundesverdienstkreuz. Über ihren Anspruch an sich - die Wahrheit verteidigen und ihren (vermeintlichen) Angreifern in Liebe begegnen" - sagt sie heute: "Versucht habe ich es, aber gelungen ist es natürlich nicht."

  • Matthias Wegner: Ein weites Herz. Claassen, 368 S., 22 Euro. (ab 16.9.) Angelika Thomas liest am 16.9. (19 Uhr) in der Kath. Akademie aus dem Buch.