Halb Held, halb Versager

Lars Christensens norwegische Familiensaga

Hamburg. "Ist Barnum Ihr richtiger Name?" "Das ist mein richtiger Name. Aber ich benutze ihn als Pseudonym." Für manche Menschen bleibt das Produkt elterlicher Fantasie ein lebenslanger Makel. Barnum gehört zu diesen Pechvögeln. Schon der Pfarrer wollte ihn nicht auf diesen Namen taufen, von seinen Mitschülern wird der kleinwüchsige Junge gehänselt, die älteren Burschen verpassen ihm Prügel. Barnum Nilsen ist ein mäßig erfolgreicher Drehbuchautor, und "Der Halbbruder" ist die Geschichte seines steinigen Weges durch das Leben. Sie wird, der Leser ahnt es, ihm zum Durchbruch verhelfen. Vielleicht hatte Arnold Nilsen es nur gut gemeint, als er seinen Sohn nach dem amerikanischen Zirkusdirektor P. T. Barnum benannte, der vor allem Menschen glücklich machen wollte. Wenigstens Nilsens Sohn sollte es besser haben als der zu kurz geratene Krüppel. Das Wichtigste, was Nilsen lernte, der als Kind von seiner kargen Heimatinsel im Norden Norwegens wegging und sich einem Wanderzirkus anschloss: "Die Welt will betrogen werden." Und: "Nicht das, was du siehst, ist wichtig. Sondern das, was du zu sehen glaubst." Auch sein eigenes Versagen versteckt Arnold Barnum hinter einer Fassade aus schicken Autos und kleinen Geschenken. Weil er Vera zum Lachen bringt, heiratet die ledige Mutter den kleinen, dicken Mann mit den undurchsichtigen Geschäften. Seine Lebenslüge wird erst nach seinem Tod enthüllt. Den Figuren haftet etwas Hilfloses, Unvollständiges an. Sie sind einsame Außenseiter, die ihr Leben nicht in den Griff bekommen. Der norwegische Autor Lars Saabye Christensen greift häufig auf diese Typen - halb Held, halb Versager - zurück. In "Der Halbbruder" entsprechen sie dem Klischee über das nordische Gemüt: düster-melancholisch, mit Hang zum Alkohol und schweigsam - obwohl reden helfen könnte. Auch Barnum schweigt viel. Noch mehr aber sein Halbbruder Fred, sein heimliche Beschützer. Christensens Familiensaga folgt keinem geordneten roten Faden, er springt vor und zurück, wechselt das Tempo, deutet vieles an und lässt anderes im Dunkeln. Um alle Details und Finessen dieses grandios komponierten Romans zu erfassen, für den Christensen den Nordischen Literaturpreis erhielt, ist wohl ein zweiter Lesedurchgang nötig. "Der Halbbruder" ist eines jener Bücher, bei denen man bereits zur Hälfte bedauert, dem Schluss schon so nah zu sein.

  • Lars Saabye Christensen: Der Halbbruder. btb, München; 767 Seiten; 24,90 Euro.

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