Joachim Mischke: Das Experiment meiner Woche

Wer will mich haben?

Eine Woche noch. Dann ist Wahltag und damit endlich Schluss mit dem, was Wahlkampf sein sollte. Früher war natürlich auch in dieser Hinsicht alles besser.

Da haben sich die Kontrahenten genüsslich beschimpft, es gab "Freiheit statt Sozialismus"-Aufkleber auf Schulranzen und Moral-Keile für Junge-Union-Mitglieder mit Popper-Tolle, wenn sie sich in die für sie falsche Ecke des Schulhofs verirrten.

Brecht meinte, dass das Plündern nichts gegen die Gründung einer Bank sei. Vielleicht gilt das ja auch für Parteimitgliedschaften. Hin und wieder andere zu wählen, statt selbst mitzumachen, ist ja schließlich keine allzu große Kunst. Nachdem die Parteien unentwegt auf einen einflöten, wie spannend Politik doch sei, solange sie nicht von den anderen, also den Dünnbrettbohrern gemacht wird, beschließe ich, der Souverän, mich einzubringen.

Na ja, fast. Erst mal online nachsehen, wie man sich um jemanden bemüht, der den schönen Spruch des Komikers Groucho Marx (nicht verwandt mit Karl M.) noch im Hinterkopf hat, er wolle sowieso in keinem Klub sein, der ihn aufnimmt.

In der Mitglieder-Rubrik der CDU-Website tragen alle orangene T-Shirts und rufen mir sehr kategorisch "Mitglied werden!" entgegen. Als Motivationshilfe bekommt man possierliche Jugendfotos gezeigt: Merkel, noch ostzonal, mit kofferradiogroßem Mobiltelefon am Ohr; Pofalla, den man auch mit viel Wohlwollen nur an der Bildunterschrift erkennt. Peter Harry Carstensen, "een Buer", schreibt in Platt. Watt mutt, datt mutt wohl. Koch ist in jedem Alter unverkennbar. Auch die Frage "Ich wohne in Bayern, kann ich Mitglied der CDU werden?" hat einen gewissen Unterhaltungswert.

Die Genossen bei der SPD beweisen nicht nur Selbstironie mit dem Schröder-Klassiker "Ich will hier rein!", sie haben auch ein Herz für Skeptiker. Es gibt nämlich Gastmitgliedschaften. Politik auf Probe, für 2,50 im Monat; ein Jahr lang darf man dann mitreden, kann aber nicht gewählt werden. Auch hier gibt es einen womöglich auf Bayern gemünzten Exil-Vermerk in den Spielregeln: "Kann man auch Mitglied werden, wenn man im Ausland lebt? Ja!"

Zu schade, dass man immer nur in einer Partei zurzeit Mitglied sein kann, denn die Westerwelle-Truppe bietet - kein Spaß - im "FDP Quality Collection Shop" einen Genscher-Pullunder in FDP-Gelb an. Exklusiv, hergestellt in Deutschland, in S nicht erhältlich. 39,90. Auch die Mitglieder-Begrüßung ist ein Formulierungs-Fest: "Wer die Parteiarbeit reformieren will, muss da anfangen, wo's anfängt: beim Eintritt in die Partei. Der neue Aufnahmeantrag der FDP ist daher mehr als nur ein Aufnahmeantrag in eine Partei: Er ist die persönliche Unabhängigkeitserklärung für liberale Bürger." Und steckt unter dem beim großen Vorbild Obama durchgepausten Jubelschrei: "Ja, ich will!"

Ich will auch hier lieber nicht und wechsle die Lager, zu den Grünen. Doch bevor ich dort das Kleingedruckte studieren kann, werde ich von einer Fangfrage in ganz andere Gefilde abgelenkt: "Freunde werden? Claudia Roth auf Facebook". Dass man mich bei den "Linken" sofort duzt, obwohl wir uns doch noch gar nicht kennen, gibt mir ebenfalls zu denken. Auch der Info-Punkt "Muss ich jemandem erzählen, dass ich Mitglied in der LINKEN bin?" ist nicht so richtig hilfreich, um mich in den Bann und nach links zu ziehen.

Das Einfachste wird wohl sein, vorerst die Finger von den Aufnahmeanträgen zu lassen. Diese Wahl habe ich ja. Die nächste ist, endlich, in einer Woche.