250 Jahre Friedrich von Schiller

Geben Sie Gedankenfreiheit!

Weimar feiert 90 Jahre Verfassung der Republik zwischen den Kriegen und 250 Jahre Friedrich von Schiller. Grund genug, sich noch einmal dem vielschichtigen Dichter, Historiker, Rebellen und Psychologen anzunähern. Schillers größtes Projekt bewegt uns noch heute: Jedem seine Chance!

Schiller war außergewöhnlich. Wie er lebte, was er schrieb, war außergewöhnlich. Geboren am 10. November 1759, starb er mit 45 Jahren. Die letzten 14 Jahre seines Lebens war er schwer krank. Er hat das Theater politisiert und war damit sensationell erfolgreich. Er hat als erster Geschichten für eine breite Leserschaft geschrieben. Seine Gedanken zu Freiheit und Spiel hinsichtlich der Persönlichkeitsentfaltung Erwachsener wirkten auf Hegel, Nietzsche, Marx und Max Weber. Er galt um 1800 als erster Historiker des Landes, als erster Psychologe und als erster Dichter. Wie hat das einer gemacht, der im Gegensatz zu Goethe nicht an eine Auserwählung durch das Schicksal glaubte? Seine Karriere jedenfalls begann mit einer persönlichen Revolte.

Herzog Carl Eugen, Schubart und der junge Schiller

Schiller ist 23 Jahre alt, als sein erstes Bühnenstück "Die Räuber" in Mannheim 1782 uraufgeführt wird. Die Drucklegung des Stückes kostet ihn 150 Gulden, womit er sich auf Jahre verschuldet. Er steht in Stuttgart noch unter Vormundschaft Herzog Carl Eugens. Der lässt ihn im Januar und Juni/Juli in Haft nehmen, weil Schiller wegen seiner "Räuber" jeweils unerlaubt in Mannheim war. Ende August untersagt ihm der Herzog jede nicht-medizinische Schriftstellerei, droht gar mit Festungshaft. Er will Schiller als den von ihm ausgebildeten Militärarzt haben und nicht als kritischen Dichter. Das aber ist für Schiller zu viel. Er flieht aus Württemberg in der Nacht des 23. September 1782 und lebt über Monate in Furcht vor Verhaftung. Hat er doch das Beispiel des Publizisten Schubart vor Augen, der aufgrund seiner Kritik an Carl Eugen im Februar 1777 in den Kerker auf dem Hohen Asberg geworfen wurde. Er saß in einem stickigen Gewölbe, durfte zunächst weder lesen noch schreiben und über Jahre keinen Besuch empfangen. Ohne Verhandlung blieb er für neun Jahre persönlicher Gefangener des Herzogs und war das berühmteste Opfer fürstlicher Willkür. Schiller hält sich unter falschem Namen versteckt und arbeitet an "Kabale und Liebe" und "Don Carlos".

Die Theatersensation

Für die "Räuber" benutzte Schiller eine Geschichte Schubarts um einen Vater und seine zwei ungleichen Söhne, die er bereits 1775 im "Schwäbischen Magazin" gefunden hatte. Besonders in den Grenzgebieten an Rhein und Donau treiben sich Räuberbanden herum - Überbleibsel aus dem Siebenjährigen Krieg von 1756-1763. Schiller schreibt aus seiner Wut über die Willkür seines Landesvaters heraus. Ein Zeitgenosse berichtet von der Uraufführung: "Das Theater glich einem Irrenhaus, rollende Augen, geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum! Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Thüre. Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus deßen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht." Schiller begründet eine neue Epoche. Sein Stück berührt die Gegenwart und ihre sozial-politischen Ungerechtigkeiten. Er wird über Nacht berühmt. Der "deutsche Shakespeare" ist geboren.

Die kalte Realität und der flammende Idealist

Auch Schillers zweites Theaterstück "Kabale und Liebe" bezieht seinen Zündstoff aus der Gegenwart, nämlich aus den Erfahrungen Württembergs mit seinem Fürsten - Erfahrungen politischer Willkür, die einige Jahre später in Frankreich zur Revolution führen. Schubart hatte es in ganz Nordeuropa publik gemacht: Carl Eugen verkaufte seine Landeskinder gegen ihren Willen als Soldaten nach Amerika, um seinen ausschweifenden Lebenswandel zu finanzieren. Er hatte Frauen jeden Standes in sein Bett gezogen, oft gegen ihren Willen - mal ganz abgesehen von seiner Mätressenwirtschaft. Brutale und schleimige Höflinge runden das Bild ab. Die Kammerdienerszene im Schillerschen Stück, die den fürstlichen Menschenhandel anprangert, wird damals bei den meisten Aufführungen gestrichen. Sie ist für die Zeitgenossen gar nicht nötig, um zu verstehen, worum es geht. Das Stück endet mit der doppelten Katastrophe: Zwei blühende, junge Menschen sterben durch Gift- und Selbstmord, weil ein machtbesessener, aristokratischer Vater und die Intrigen, die Kabale bei Hofe, sie dazu treiben.

Auch diese Uraufführung in Mannheim, wo Schiller inzwischen als Theaterautor arbeitet, wird 1784 ein Erfolg. Dennoch verlässt Schiller Mannheim, nun selbst Opfer der Kabalen von Intendant und Schauspielern und ohne Geld. Sein Bewunderer und späterer enger Freund Körner bietet ihm im Herbst 1785 finanzielle Unterstützung an. Auch andere Freunde helfen ihm immer wieder aus, denn die Schulden für den Druck der "Räuber" lasten auf ihm.

Der Historiker fürs Volk

Schiller muss sehen, womit sich Geld verdienen lässt. Er studiert Geschichte und schreibt eine Abhandlung über die Inquisition. Sie wird auf seine Anregung 1788 als selbstständiges Buch veröffentlicht - völlig neu für historische Schriften. Schiller hofft auf viele Leser, denn er hat spannend und wissenschaftlich zugleich geschrieben. Es glückt, das Buch verkauft sich gut. Den ersehnten Bestseller allerdings landet er 1790, also zwei Jahre später, mit der "Geschichte des Dreißigjährigen Krieges". Innerhalb einiger Wochen verkauft sie sich 7000-mal, einige Jahre später ist sie in jedem gebildeten Haushalt zu finden.

Die Universität Jena beruft Schiller 1789 auf den Lehrstuhl für Geschichte. Zur Antrittsvorlesung im Mai strömen Hunderte. Der Hörsaal ist zu klein, man weicht in den größten Jenas aus: das private Auditorium des berühmten Theologen Griesbach. Schillers Zug durch die Stadt von einem Hörsaal zum anderen wird zum Triumphzug. Schließlich ist selbst der Griesbachsche Saal so überfüllt, dass in den Fluren und auf den Straßen noch die Zuhörer stehen.

In diesen Tagen bereitet sich in Frankreich die Revolution vor - seit März wirken dort schon die Generalstände. Eine Zeitenwende bahnt sich an. Für Schiller befindet sich damit die Menschheit auf einem Höhepunkt ihrer Entwicklung. Er schließt an diesem Abend mit den Worten: "Ein edles Verlangen muss in uns entglühen, (...) auch aus unsern Mitteln einen Beitrag zu legen und an dieser unvergänglichen Kette, die durch alle Menschengeschlechter sich windet, unser fliehendes Dasein zu befestigen." Die "Kette der Wesen" ist eine seiner Lieblingsideen: Nur miteinander können Menschen das Beste entwickeln, wozu sie fähig sind - miteinander, und nicht gegeneinander. Die Zuhörer sind beeindruckt und beflügelt. Die laue Mainacht über herrscht Volksfeststimmung in Jena, Studenten singen Abendlieder, immer wieder ertönen Vivat-Rufe.

Höhenflug und Absturz

Schiller ist gerade 30 Jahre alt geworden, als er Ende 1790 in Erfurt als Historiker in die "Kurfürstliche Akademie nützlicher Wissenschaft" aufgenommen wird. Der Besuch dort ist ein Höhenflug: Kunst, Wissenschaft und Adel buhlen um ihn, machen ihm verlockende Angebote. Er ist auf dem ersten Höhepunkt seines Ruhmes, als er am 3. Januar 1791 beim prunkvollen Konzert für den Mainzer Kurfürsten zusammenbricht. Plötzliches, hohes Fieber und krampfartiger Husten schütteln ihn, er verliert zeitweise das Bewusstsein. Er wird in der Sänfte nach Hause getragen, seine Studenten halten Nachtwachen an seinem Bett - darunter der damals 19-jährige Novalis. Das Gerücht von seinem Tod erschüttert Deutschland, aber Schiller darf weiterleben. Von nun an gehören zu seinem Alltag Fieberanfälle, Blutspucken, Husten mit eitrigem Auswurf, Atemnot, Schüttelfrost, Magenkrämpfe und Verstopfung. Am 8. Dezember 1797 schreibt er, was das nun schon seit sechs Jahren für ihn bedeutet: "Gewöhnlich muss ich (...) einen Tag der glücklichen Stimmung mit fünf oder sechs Tagen des Drucks und des Leidens büßen." Ohne Grund ist er nicht so krank geworden, das weiß der Arzt Schiller: Er hatte über Jahre seinen Körper mit Kaffee, Tabak, Aufputschmitteln und selbst verabreichten Rosskuren misshandelt - für letztere war er in Stuttgart bei Kranken und Kollegen berüchtigt. Nun gibt sein Körper den Takt an. Doch willensstark und arbeitswütig schafft er in den verbleibenden, einigermaßen schmerzfreien ein oder zwei Tagen jeder Woche ein großes Werk.

Annäherung zweier Sonnen

Am 20. Juli 1794 kommt es nach einer Sitzung der Naturforschenden Gesellschaft in Jena zum Gespräch zwischen Schiller und Goethe. Schon acht Jahre vorher waren sich die beiden vorgestellt worden, aber damals hatte Goethe Schiller gemieden. Er konnte mir dessen "Räubern" gar nichts anfangen, Schiller hielt er für ein unreifes, überlautes Genie. Nun aber, in Jena, reden sich die beiden die Köpfe heiß über die "Urpflanze", eine der Lieblingsideen Goethes. So beginnt endlich die Freundschaft, die bis zu Schillers Tod 1805 für beide Männer eine fruchtbare Arbeitsbeziehung ist. Zeitschriften, Balladen und Gedichte entstehen in enger Zusammenarbeit, Briefe gehen hin und her. Zuerst in Jena und dann in Weimar treffen sich die beiden über zehn Jahre lang fast täglich. Bis in die Nächte werden Projekte, Stoffe, Figuren erörtert. Schiller läuft dabei mit hochrotem Kopf auf und ab. Anregender Austausch, Entwicklung von Ideen sind für ihn Lebenselixier - egal, ob es sich um eigene Projekte handelt oder um die Goethes. So entstehen Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre", seine "Iphigenie" und er nimmt die Arbeit am "Faust" wieder auf. Schillers "Wallenstein", "Maria Stuart", "Die Jungfrau von Orleans", und "Wilhelm Tell" gehören in diese Jahre - sie alle werden vom Publikum gefeiert' "Tell" wird zum Volksstück. Es entstehen Schiller-Feiern, die nach seinem Tod im 19. Jahrhundert zum nationalen Festtagskalender gehören. Am 2. Juli 1796 schreibt Schiller an seinen liebsten Freund Goethe, den er lange Jahre aus der Entfernung unglücklich verehrt und beneidet hatte: "Wie lebhaft habe ich erfahren (...), dass es dem Vortrefflichen gegenüber keine Freiheit gibt als die Liebe." Das ist Schiller in seiner ganzen Größe. Goethe wird am Ende seines Lebens sagen, dass kein anderer solchen Eindruck auf ihn gemacht habe wie Schiller.

Qualität und Wirkung

Schiller hat seine Stücke für das Publikum geschrieben. Er hat mit Freunden während des Schreibens Leseproben gehalten, um die Wirkung zu beobachten. Immer wieder hat er seine Ideen diskutiert und verändert, Text- und Denkarbeit geleistet. Er wollte aber nicht nur wirken, sondern er wollte betroffen machen. Hinter seinen Figuren steht jeweils ein lang durchdachtes psychologisches, und seit seinem dritten Stück "Don Carlos" auch ein historisches Problem. Alle seine Stücke enden in Katastrophen. Die Wirkung der Schillerschen Stücke beruht nicht auf der meist vorgegebenen, historischen Geschichte, sondern auf seiner Entwicklung der Figuren. Karl und Franz Moor, Luise und Ferdinand oder Don Carlos und Marquis Posa sind als Figuren jede auf ihre Art wild, stark, und sie gehen unter. Keiner dieser Liebenden, Feinde oder Freunde überlebt - einmal ganz abgesehen von den großen historischen Figuren in "Wallenstein", "Maria Stuart" oder "Die Jungfrau von Orleans". Schillers Figuren gehen unter, aber zuvor treibt er sie in schwindelnde Höhen. Ausnahme ist "Wilhelm Tell".

Schiller hat den deutschen Idealismus erfunden, wie Safranski in seiner Biografie schreibt. Jedoch sind seine Figuren nicht in erster Linie ideal, sondern extrem. Schiller reißt in ihnen den Abgrund auf zwischen Recht und Realität, zwischen Ethik und Politik, zwischen Gut und Böse. Die Zuschauer werden mitgerissen, in diesen Abgrund hinein. Anders dagegen Dostojewski, der von Schiller beeinflusst ist und dessen Figuren ähnlich unbedingt in ihrer Wildheit sind, aber vor theologischem Hintergrund stehen. Schillers Figuren stehen vor dem Nichts.

Schiller und seine Figuren

Für ihn selbst und für seine Figuren gilt, was er vier Wochen vor seinem Tod, am 2. April 1805, an Humboldt schreibt: "Am Ende sind wir ja beide Idealisten (...) und würden uns schämen, uns nachsagen zu lassen, dass die Dinge uns formten und nicht wir die Dinge." Doch nicht nur der Großinquisitor in "Don Carlos" spricht eine andere Sprache: Es gibt keine Freiheit, es gibt keine Gerechtigkeit, sondern es gibt Macht - und der Mächtigste formt das Schicksal aller. Der Inquisitor antwortet, als der König ihm von seinem Bedürfnis nach einem Menschen beichtet: "Wozu Menschen? Menschen sind / für Sie Zahlen, weiter nichts. (...) Der Erde Gott verlerne zu bedürfen, / Was ihm verweigert werden kann (...)" Solche Sätze treffen heute noch ins Schwarze, ins Dunkelste der Menschen. Als der König seinen rebellischen Sohn dem Großinquisitor übergeben will, fragt er: "Es ist mein einzger Sohn - wem hab ich gesammelt?" Die Antwort lautet: "Der Verwesung lieber als / Der Freiheit." Solche Sätze gehen auch heute noch unter die Haut. Dagegen aber steht Tell, der Antiheld, der den Tyrannen Geßler mordet: "Meine Gedanken waren rein von Mord - / Du hast aus meinem Frieden mich heraus / Geschreckt, in gärend Drachengift hast du / Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt, / Zum Ungeheuren hast du mich gewöhnt (...)" Auch das reißt heute noch mit. "Tell" ist das Festspiel einer gelingenden Revolution, einer Revolution innerlich freier Menschen, die sich ihre äußere Freiheit wiedererkämpfen - Tell wird seine Unschuld verlieren, doch sein Vaterland retten und sich selbst. Das war Labsal für das Publikum um 1804, als die Napoleonischen Kriege begannen, ganz Europa in Brand zu setzen.

Der Tod

1802 kauft Schiller das Haus an der Esplanade in Weimar, einige Gehminuten entfernt von Goethes Haus am Frauenplan. Er wird er in den Adelsstand erhoben. Er lebt glücklich mit seiner Charlotte, vier Kindern und seinem großen Freundeskreis. Er und Goethe sind die deutschen Dichterfürsten, mit europäischem Ruf. Als im März 1804 "Tell" mit größtem Erfolg in Weimar aufgeführt wird, fällt Goethes "Götz von Berlichingen" durch - am Theater hat Schiller Goethe überflügelt. Im Winter 1804/05 sorgt man sich um beide, denn Schiller hat schwere Krankheitsschübe, Goethe Nierenkoliken. Im Frühjahr 1805 fühlt Goethe sich wieder stark genug, um auszureiten. Am 1. Mai treffen sich die Freunde, Schiller will ins Theater gehen. Goethe schreibt: "Ein Missbehagen hinderte mich, ihn zu begleiten, und so schieden wir vor seiner Hausthüre, um uns niemals wiederzusehen." Am 9. Mai 1805 stirbt Schiller. Man wagt zunächst nicht, es Goethe zu sagen. Christiane bringt es ihm behutsam bei. Einige Tage später wird Goethe nachts von einer so starken Kolik ergriffen, dass man um sein Leben fürchtet. Schillers Schwägerin, Karoline von Wolzogen, schreibt 30 Jahre später Schillers erste Biografie - der Beginn der Schiller-Forschung.

Schiller und seine Freunde

Schiller hat sich nicht als Einzelwesen begriffen. Die "Kette der Wesen" bildete sein Dasein - er lebte und arbeitete in solcher Kette der Liebe und Freundschaft: seine Frau, die Körners, Humboldts, Wolzogens und natürlich Goethe gehörten dazu. Freundschaft hieß für Schiller, im anderen das zu sehen, was jener noch zu entwickeln hatte und auch sollte. Die Freiheit, sich selbst zu vervollkommnen - für ihn das heiligste Recht jedes Menschen und höchste Aufgabe. Seine Theaterstücke zeigen durchgängig Menschen, die gehindert werden, sich zu entwickeln. Das ist für Schiller das größte Verbrechen am Menschen und gleichzeitig an der Menschheit, das er immer wieder anprangert - daraus wirken seine Stücke. Die aktuelle Inszenierung der "Räuber" am Hamburger Thalia-Theater zeigt, wie sehr Schillers Ideen selbst heute noch zünden.

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