Hamburger Geschichte(n)

Das Winterhuder Fährhaus

Dierk Strothmann über ein Fährhaus ist ein Fährhaus ist kein Fährhaus ...

Klar, man trauert nicht jeder Bruchbude nach, wenn sie abgerissen wird, besonders nicht in einer modernen, sich entwickelnden Stadt. Jedes Ding hat seine Zeit. Aber mit dem Winterhuder Fährhaus war das anders. Als vor 40 Jahren, genau am 7. August 1979, die Abrissbirne alles plattmachte, gab das den Hamburgern einen Stich ins Herz. Proteste brachten nichts, die staatliche Sprinkenhof AG, der das Gebäude zum Schluss gehörte, hatte bewusst den Zahn der Zeit an dem aus der Kaiserzeit stammenden Gebäude nagen lassen, ein Feuer im Jahre 1977 als willkommene Gelegenheit begrüßt und nichts unternommen, um das historisch nicht unbedeutende Haus zu retten. Das attraktive Gelände ließ sich profitabler nutzen -mit einem Büro- und Geschäftszentrum, dem Theater Komödie Winterhuder Fährhaus und dem Restaurant Cocco, dem Nachfolger des Alegria.

Ganz so schick war es nie gewesen am Winterhuder Kai/Ecke Hudtwalkerstraße. Im Gegenteil. Helmut Alter schildert die Geschichte des Hauses in seinem Buch "Eppendorf" sehr detailliert. Als 1854 der Eppendorfer Kohlenhändler Carl Friedrich Jacobs auf der an dieser Stelle liegenden Wiese ein Wohnhaus mit Kohlenschuppen baute, hatte er nicht im Sinn, so etwas wie ein Gasthaus zu eröffnen. Aber auf der anderen Straßenseite, am Leinpfad, warteten oft Gäste auf den Alsterdampfer. Dort gab es nur einen ziemlich primitiven Steg ohne Unterstellmöglichkeit, und oft fragte man bei Jacobs nach, ob man sich in seinen Räumen vor Wind und Wetter schützen könnte, bis das Schiff anlegte. Jacobs beantragte eine Konzession für eine "feine Wirtschaft", hatte aber nach zwei Jahren bereits die Nase voll von der Gastronomie. 1867 übernahm der Verwalter des Logenhauses an der Drehbahn, und Schritt für Schritt entwickelte sich das "Fährhaus" zu einem attraktiven Ausflugsziel - seit 1876 mit Tanzerlaubnis. Es war auch ein wichtiger Versammlungsort. So wurde hier 1872 auf Initiative des Wirtes Friedrich Hencke der Winterhuder Bürgerverein gegründet.

Das vielen Hamburgern noch bekannte Gebäude mit dem Türmchen entstand 1895, und es gab nun viel Platz für Veranstaltungen - im Saal und im großen Garten. Aber das war 1914 auch wieder vorbei. Die Alster wurde reguliert, die Stadt übernahm das Fährhaus, und da die Hudtwalkerstraße verbreitert und erhöht wurde, verschwand ein großer Teil des Vorgartens. Und aus dem Erdgeschoss wurde der Keller.

In den 20ern und Anfang der 30er-Jahre erlebte das Fährhaus seine goldene Zeit: Berühmte Tanzkapellen spielten auf, aus ganz Hamburg strömten die Menschen herbei, um zu feiern. Vor allem der Pfingstsonntag war ein Pflichttermin, da ging man ins Fährhaus und hopste sich die Seele aus dem Leib.

Es kam die Zeit, als französische Kriegsgefangene in die Säle zogen, danach eine Theaterwerkstatt und schließlich, ab 1946, wieder Tanzlokal und Gaststätte. Der Mann, der das bewerkstelligte, hieß Otto Friedrich Behnke, der übrigens auch der "Vater" des Willkomm-Höfts am Schulauer Fährhaus ist.

Das Winterhuder Fährhaus war also alles Mögliche: Kohlenhandlung, Wärmestube, Gaststätte, Tanzlokal, Theater, Restaurant, Gefangenenlager, Kulissenmalatelier und Tagungsort. Nur eines war es nie - Fährhaus.

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