Ortstermin: Der Schneider der britischen Königin ist ein Deutscher

Auf Tuchfühlung mit der Queen

Sie nennt ihn "Karl". Wenn Elizabeth II. mal wieder neue Kleider braucht, lässt sich Karl-Ludwig Rehse mit dem Taxi zum Buckingham Palace chauffieren. Seit 20 Jahren ist der Modemacher aus Essen Königlicher Hofschneider Ihrer Majestät. Ihr Geschmack? Welche Frage! Klassisch natürlich.

Wenn sein Telefon klingelt, weiß Karl-Ludwig Rehse nie, ob nicht vielleicht die Queen am anderen Ende der Leitung ist. Zumindest einer ihrer Bediensteten, denn selbstredend ist, dass Queen Elizabeth II. nicht eigens zum Hörer greift, um ihren Schneider anzurufen. Wo käme sie denn da hin. "Karl", wie die Monarchin den Deutschen einfach nennt, hat sein kleines Geschäft in Marylebone, einem der gehobenen Stadtteile Londons. Sherlock Holmes' Baker Street ist nicht weit und auch sonst befindet sich der gebürtige Essener in bester Gesellschaft. Auch der Hutmacher der Queen residiert hier, ein paar Häuser weiter nur.

Her Majesty möchte "Karl" sehen, heißt es bei Telefonaten mit dem Buckingham Palace, sie wünsche neue Kleidung. Karl-Ludwig Rehse ist nach 20 Jahren, die er die Königin nun schon einkleidet, nicht mehr wirklich aufgeregt, wenn er sich auf den Weg zu ihr macht. Am Anfang konnte er nächtelang nicht schlafen, wenn ein Auftrag anstand.

Heute ordert der Schneider ein Taxi, wenn es so weit ist, packt Stoffmuster und Maßband ein und macht sich auf den Weg. "Buckingham Palace, Seiteneingang", sagt er knapp, und der Fahrer, der im Geschäft die "Royal Warrants" nicht übersehen kann, das königliche Wappen, erstarrt meist in Ehrfurcht. Er weiß, sein Fahrgast ist diesmal kein gewöhnlicher Tourist, sondern hat einen Termin im Palast.

Fünf- bis sechsmal im Jahr ist Rehse dort. In den Privatgemächern der Queen geht es zur Anprobe, man könnte sagen: auf Tuchfühlung. Nur wenige Normalsterbliche kommen der Königin so nahe wie der Deutsche.

"Die Queen weiß, dass wir heute miteinander reden", sagt der 71-Jährige lächelnd als er den Abendblatt-Reporter begrüßt. Rehse ist ganz Gentleman. Tadelloser Anzug, adrette Krawatte, dezente Diktion. Er könnte auch als Engländer durchgehen. Sein Deutsch ist nach mehr als 40 Jahren in London britischgefärbt. Gerade hat er wieder viel um die Ohren. Früher kreierte er zweimal im Jahr eine Kollektion für seine königliche Auftraggeberin, seit ein paar Jahren fertigt er für die Queen nur auf Anfrage: Kleider, Mäntel. Elegantes, Dezentes, Extravagantes. Für Staatsempfänge. Oder für die Freizeit, wenn Her Majesty mal gerade nicht offiziell präsentiert. Neu muss es sein, aber stets die klassische Linie, konservativ eben.

So gediegen wie die Chiltern Street im Zentrum Londons, an der sein Laden liegt: Viktorianische Häuser reihen sich aneinander wie Perlen auf einer Schnur. Kleine, aber edle Geschäfte mit hübschen Markisen. "Karl Ludwig Couture" steht auf der dunkelblauen Markise vor Haus Nummer 2. Der königliche Schneider sitzt in seinem schlauchförmigen Raum, gerade mal 25 Quadratmeter groß, auf einer Couch. Unten ist noch eine Werkstatt, hinten ein Atelier. Sand- und Champagnerfarben dominieren. Die Queen ist allgegenwärtig. Auf einem Foto lächelt sie, im himmelblauen Gewand. Auf einem Buchdeckel strahlt sie. In den Alben, die Rehse im Laufe der zwei Jahrzehnte angefertigt hat. Auf Fotos ist die Queen mal allein zu sehen, mal mit Rehse auf Empfängen, dazwischen Zeitungsausschnitte, die von Rehses Kreationen handeln. Und: Briefe der Königin an ihn, handgeschriebene persönliche Glückwünsche für "Karl" zum Geburtstag. Zu Weihnachten. "Jedes Jahr kommt ihr Chauffeur, hält vor dem Geschäft und bringt mir ein Weihnachtsgeschenk von ihr", sagt Rehse. Stolz schwingt in seiner Stimme mit.

Das alles hätte sich der Lehrling Karl vor mehr als einem halben Jahrhundert wohl nie träumen lassen, als er im Ruhrgebiet eine Schneiderlehre absolvierte. Damals war er 16 Jahre alt. Er lernte, schneiderte und wusste: "Ich wollte gleich nach England." Nach der Meisterprüfung ging er nach London. Dort arbeitete er in den 60er-Jahren in verschiedenen Modeateliers, die bisweilen auch schon für die königliche Familie lieferten. "Ich habe dort sehr viel gelernt, wollte immer kreativ sein", sagt der Sohn eines Diplomingenieurs und Enkel eines Bankdirektors. Nach einer kurzen Auszeit in Spanien und einer mehrjährigen Jobphase als Banker machte er sich mit einem Partner 1988 selbstständig; der hatte schon früher für die Königsfamilie geschneidert. "Endlich konnte ich kreativ sein", sagt Rehse "sogar selbst eine Kollektion machen." Die erste Modenschau mit eigenen Kollektionen "war sehr gut besucht", berichtet er. Vor allem der Adel war da, die feine britische Gesellschaft.

Und dann klingelte ein paar Monate später das Telefon. Eine Mitarbeiterin der Königin war am Apparat: "Die Queen möchte Ihre Kollektion sehen", hieß es. Rehse lächelt: "Es war ein unbeschreiblicher Moment. Damals haben wir erst mal Champagner aufgemacht." Seinen ersten Besuch im Palast, den vergisst er nie. Dann stand sie vor ihm, die Queen. "Ich habe eine Verbeugung gemacht und dann hat sie mir die Hand gereicht. Wir haben uns nett unterhalten."

Sein erster Auftrag war ein blau-weißes Seidenkleid mit passendem Mantel. Die Queen trug es 1988 bei ihrem Staatsbesuch in Spanien. Als sie in dem Outfit aus dem Flugzeug stieg, schwärmte König Juan Carlos. "Darling, you look wonderful", sagte er. Der schnelle Durchbruch für Rehse und seinen mittlerweile verstorbenen Geschäftspartner.

Die Prozedur bei der Queen ist stets die gleiche: "Ich lege der Königin Materialproben und Schnitte vor, und sie sucht sich aus, was sie haben möchte." Dann geht der Schneider ans Werk. Aus Skizzen werden allmählich Kleider, Kostüme, Mäntel. In Blau. Oder Zitronengelb. Oder mal in Pink. "Ich brüte meist lange darüber. Bevor etwas ausgeliefert wird, überprüfe ich noch mehrfach jedes Detail." Dann kommt die Anprobe.

Durch den Seiteneingang des Palastes, nach der Sicherheitskontrolle, wird Rehse zunächst in die Privatgemächer gebeten. Er wartet in einem Vorraum. Seine Assistentin Teresa ist meist mit dabei; sie begleitet die Königin als erstes in deren Ankleidezimmer. Wenig später darf Rehse zu ihr. "Die Queen weiß ganz genau, was sie möchte", sagt er. "Sie ist modebewusst. Sie sagt genau, wenn sie etwas länger oder kürzer haben möchte."

Zwischendurch unterhalten sich die Queen und der Schneider. Über Gott und die Welt? Rehse lächelt. Bleibt diskret, das muss er auch sein. "Kein Kommentar", sagt er höflich. Was ist die Queen für ein Mensch? "Die Königin ist sehr aufgeschlossen, freundlich, humorvoll, gesprächig", sagt er. Die Atmosphäre sei vertrauensvoll und im Lauf der Jahre immer entspannter geworden.

Manchmal kommen die Hunde der Monarchin in die Zimmer, auch sie haben sich an Karl gewöhnt. Wie die Queen. "Aber ich vergesse nie, dass mir eine Königin gegenüber steht", ergänzt der Schneider respektvoll.

Und wie ist er nun, ihr Modegeschmack? "Klassische Linie, aber im Laufe der Jahre ist er moderner geworden." Er kenne ihren Geschmack mittlerweile "ganz gut", sagt er bescheiden. Und wenn er doch mal unsicher ist, ob seine Kreation ankommt bei der Queen? "Dann würde ich das an ihrem Blick bemerken." Einige seiner Designerstücke für die Queen machten Furore. Zum Beispiel das farbenprächtige "Harlekin"-Kostüm. Selbst in Amerika, Südafrika und Australien sorgte das schrille Teil für Aufsehen. "Am nächsten Tag riefen bei mir die Reporter an", lacht der Maestro. Der auch diplomatisches Feingefühl zeigen muss. Für bestimmte Länder und andere Religionen muss er entsprechend dezente Kleider schaffen.

Manchmal zittert auch ein Schneider mit. Vor dem Fernsehen zum Beispiel. So beim 50. Thronjubiläum von Königin Elizabeth II. Als sie zu Beginn des großen Feiertages nicht ein Kleid aus seiner Kollektion trug, war Rehse zunächst betrübt. Schließlich trat sie in der Schlusszeremonie auf den Balkon des Palastes - im korallroten Kostüm. In Rehses Kostüm. "Da war ich tief bewegt, ein großer Moment." Früher konnten auch andere Kunden die Kostüme der Queen bei ihm kaufen. "Bei einem Empfang der Queen hatte eine Dame mal das gleiche Kleid an wie die Königin. Die Queen nahm es mit Humor." Mittlerweile sind die Stücke für Elizabeth II. Unikate.

Rehse und die Queen. "Es sind schon zwei Welten, in denen ich mich bewege", sagt der 71-Jährige. Hier der Alltag und das bürgerliche Leben, dort die Nähe zur Monarchin. "Ich weiß, welche Ehre das bedeutet", sagt er, "mir sind Türen geöffnet, die anderen ihr ganzes Leben verschlossen bleiben werden." Wie lange will er diese Aufgabe noch übernehmen? "So lange ich darf", sagt er. Dann führt er uns in den Hinterraum. Zeigt einen prallen Kleidersack. "Darin sind die neuesten Kleider für die Queen", sagt er. Und wie sehen die aus?

"Streng geheim", sagt Rehse lächelnd. Die Queen kennt sie auch noch nicht. Und wie auf Bestellung, als hätte sie es gehört; klingelt das Telefon: Die Königin lässt mitteilen, dass sie "Karl" sehen möchte, und ihre neuen Kleider. Gleich nächste Woche.

Irgendwie wirkt Karl-Ludwig Rehse nun doch ein wenig aufgeregt.

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