Expedition nach Toten Island

Für viele Menschen ist ihre Familien-geschichte spannender als jeder Fernseh-Krimi. Der Hamburger Internist Ekkehard Schnieber suchte in Tansania den Ort, an dem sein Urgroßvater seine letzte Ruhestätte fand - vor 108 Jahren.

Dort, wo die drei großen Affenbrotbäume stehen!" Das war der einzige Hinweis, den die kleine Expedition im Dschungel von Toten Island bekommen hatte. Macheten und Spaten bahnen den Weg durch das grüne Dickicht. Ein Helfer ruft. Teile eines Grabsteins schimmern zwischen Blättern hervor: "Max Wulff aus Walsrode." Dann noch ein umgestürzter Stein, schließlich vier weitere Gräber. Und da ist es: Im Schatten, zugewachsen von Bäumen, ist auf schwarzem Marmor deutlich der Name Adolph Walter Schleicher zu lesen. Meter um Meter wird die vergessene Grabstätte freigehauen. Ekkehard Schnieber (57), Internist aus Hamburg, und seine Tochter Anne (24), Medizinstudentin, sind am Ziel. Sie stehen am Grab seines Urgroßvaters. 7000 Kilometer von Hamburg entfernt. Auf dem Kreuz steht: Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Und auf dem Stein heißt es: Hier ruht in Gott Mein geliebter Mann Unser teurer Vater und Sohn Dr. Adolph Walter Schleicher Geb. 31/5/1854 in Antwerpen Gest. 2/5/1894 in Tanga. Wer war dieser Mann? Zeitgenössische Quellen beschreiben diesen Adolph (richtig: Adolf) Walter Schleicher als gedrungene Gestalt mit "fast zierlichen Gliedern", klaren, hellen Augen, einer "edel geschwungenen Nase" und zarten Händen "wie die eines kleinen Kindes". Heute würde man ihn so etwas wie ein Multitalent nennen. Er machte mit 17 Abitur, war mit 22 Ingenieur, leitete eine Motorenfabrik, versuchte sich als Mediziner und fand seine Berufung als Forschungsreisender zwischen Afrika, Australien und Hawaii. Er war neugierig auf Sprachen, ob Chinesisch, Arabisch oder Kisuaheli. Den Entdeckerdrang hat er während seiner nicht einmal 40 Lebensjahre niemals richtig stillen können. Seine letzte Fahrt sollte ihn mit der "MS Reichstag" von Brindisi durch den Suezkanal nach Sansibar führen, er musste aber wegen schwerer Fieberschübe vorzeitig von Bord. Nach dem Krankheitsbild litt er vermutlich an Malaria. Schleicher starb im Haus seines Freundes, des Sisalfabrikanten Carl Perrot in Tanga (damals Deutsch-Ostafrika). Von dort erhielt seine Frau Anna, Mutter von fünf Kindern, am 5. Mai 1894 in Berlin ein Telegramm: ". . . wurde im Kreise aller Deutschen auf der vor Tanga gelegenen Insel Toten Island beigesetzt . . ." Leben und Tod dieses ungewöhnlichen Mannes waren im Kreis seiner Nachfahren (Schleicher hat 28 Urenkel) bekannt. Nie ist aber jemand auf den Gedanken gekommen, das unbekannte Grab im fernen Afrika zu suchen. Da musste der Zufall helfen. Bei einer Reise in die US-Hauptstadt Washington stieß Schnieber im Smithsonian Museum of National History in der Abteilung Power Machinery zufällig auf die ersten in den USA hergestellten "Otto-Langen-Gasmotoren". Otto? Genau: der deutsche Motorenerfinder. Und Langen? Nun, Ottos Partner Eugen Langen war der Onkel eben jenes Adolf Schleicher. So kam die Erinnerung zurück. "Es kann nicht sein, dass man in den USA mehr über unsere Familie weiß als wir selbst", dachte Schnieber, forschte nach - und bastelte an einer Reise in die Geschichte. Honorarkonsul Jürgen Gotthardt und die Freunde vom Rotary Club halfen bei der detaillierten Planung. Weil ein Freund, der mitfahren sollte, kurz vor der Reise schwer erkrankte, sprang Schniebers Tochter Anne ein. Tansania. So groß wie Deutschland, Frankreich und die Niederlande zusammen. Reich an faszinierender Natur, bekannte Kulisse ungezählter Tierfilme: Kilimandscharo, Ngorongoro-Krater, Serengeti, Victoria-See. Wilde Elefanten, Löwen oder Büffel sind das größte Kapital des ostafrikanischen Staates. Tansania ist auch nach dem Ende des "sozialistischen Experiments" des populären Präsidenten Julius Nyerere ein stabiler Staat - trotz der Armut und krasser Glaubensunterschiede: 35 Prozent Muslime, 33 Prozent Katholiken, dazu eine hinduistische Minderheit. Tanga, fünf Stunden von Daressalam entfernt. Tropisch warm, hohe Luftfeuchtigkeit, die Kleidung klebt am Körper. Die Stadt hat knapp unter 200 000 Einwohner, ein paar erhaltene Gebäude aus der Kolonialzeit verraten den einstigen Reichtum. Die deutsche Kolonie beutete hier noch Anfang des 20. Jahrhunderts wertvolle Rohstoffe wie Sisal, Kautschuk, Baumwolle, Kaffee, Tee und tropische Hölzer aus. Bis zum Zweiten Weltkrieg war Tanga der größte Sisal-Exporthafen der Welt. Eine Hauptstraße heißt tatsächlich nach der deutschen Partnerstadt "Eckernförder Avenue", obwohl kaum jemand weiß, was das bedeutet. Immer noch leben einige Deutsche in Tanga. Der städtische Friedhof mit englischen und deutschen Gräbern ist völlig verkommen. Der Soldatenfriedhof, auf dem seit der Schlacht im November 1915 gemeinsam deutsche Soldaten und Askari-Krieger liegen, wird gepflegt. Die gemeinsame Geschichte wird heute, ungeachtet aller kolonialen Arroganz, liebevoll verklärt. Bürgermeister Kassim Kisauji kümmerte sich drei Tage lang intensiv um seine Gäste. Die Menschen in Tanga nannten Schniebers Besuch in ihrem kisuaheli-gefärbten Englisch "das Ereignis des Jahres". Die Deutschen erlebten eine rührende Betreuung mit vielen Gastgeschenken, darunter eine spendierte Fahrt zum Naturwunder des Ngorongoro-Kraters ("Muss man gesehen haben"). Vom "Mkonge" ( Sisal ) -Hotel aus konnte Schnieber die Insel, vielleicht einen Kilometer von der Küste entfernt, schon sehen. Toten Island, eine unbewohnte Dschungelinsel, gerade 500 Meter mal einen Kilometer groß. Der Name stammt tatsächlich noch aus der deutschen Zeit, als die Insel Quarantänestation und - angeblich - auch Hinrichtungsstätte war. Kaum jemand hat sie je betreten, der Aberglauben schreckte die meisten ab. Vom heruntergekommenen Hafen aus ging eine bunt zusammengewürfelte Delegation auf die Reise, unterwegs in drei Schiffen: die deutschen Gäste, der Bürgermeister, Verwaltungsangestellte, Mitglieder des Rotary Clubs und ein Kamerateam des tansanischen Fernsehens. Die letzten Meter legten sie wegen der Untiefen entweder mit kleinen Speedbooten oder zu Fuß, bis zu den Knien im Wasser, zurück. Ein aufregender Ausflug. Auf den Resten eines alten Anlegers ging es an Land. Der erste Versuch, ins Innere der Insel zu gelangen, endete im Nichts, weil auch die Macheten nicht mehr weiterhalfen. "Zurück zum Strand, einen neuen Weg gesucht, erst einmal um die Insel herumgewandert", beschreibt Schnieber die Ungewissheit. An Spuren einer vorkolonialen Moschee vorbei ging es diesmal. Dieser Weg führte zum Ziel, zum wiederentdeckten Gräberfeld. Bürgermeister Kassim Kisauji deutete auf den Grabstein und sagte: "Your property!" (Bitteschön, Ihr Besitz). So werden die Reste des einst sozialistischen Staatsbesitzes verteilt. Die Reise hatte insgesamt elf Tage gedauert, davon ein Tag auf der Insel, vielleicht eine Stunde vor dem Grab. Gefühle? "Es war eines der aufregendsten Erlebnisse meines Lebens", sagt Schnieber. "Die emotionale Ebene ist nicht so stark - das war schließlich mein Urgroßvater! Aber es ist schon bemerkenswert, so ein Abenteuer zu einem guten Abschluss zu bringen." Schnieber will der Poliklinik der medizinisch unterversorgten Stadt Tanga aus eigenen Mitteln ein Ultraschallgerät schenken. Sein Rotary Club Lauenburg/Mölln hat eine zusätzliche Spende geplant. Die Hilfe ist lebensnotwendig: Tansania ist von Aids geschüttelt - schon mehr als eine Million Opfer senkten die Lebenserwartung auf unter 50 Jahre. Der Hamburger Arzt hat neue Pläne: "Ich werde sicher noch einmal mit meinem Sohn dort hin fahren." Im Familienverband will er die Urenkel Adolf Schleichers "in die Pflicht nehmen, das Grab zurechtzumachen - ich denke, das wird klappen". Es sind schließlich 28 an der Zahl.

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