Wer zu viel wünscht, wird auch nicht glücklich

Alle haben Weihnachtswünsche. Wenn sie erfüllt werden, sind wir glücklich - oder? Irrtum, sagt ein Hamburger Psychologe: Erfüllte Wünsche erzeugen bloß neue Wünsche. Und wie vermeidet man nun solche vertrackten Wunschspiralen?

In den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat . . ." Ja, das war schön, damals. Die Brüder Grimm haben mit dieser berühmten Wendung ihr "Märchen vom Froschkönig" eingeleitet. Wann denn das Wünschen geholfen habe, wollte ein junger Philosoph wissen, wie lange das her sei? Er hieß Arthur Schopenhauer.

"Keiner von uns hat es miterlebt", antwortete ihm Jacob Grimm kurz und melancholisch.

Damals wurde Weihnachten noch mit einem Apfel und einer Handvoll Nüsse gefeiert. Das hat sich geändert. Inzwischen wissen wir, wann das Wünschen hilft: zu Weihnachten. Natürlich nicht immer. Manchmal wünschen wir uns von unserer Erbtante, dass sie uns Geld für ein Cabrio schenkt. Und dann überreicht sie nur ranzige Weinbrandbohnen oder ein Parfum, von dem wir glaubten, es sei längst verboten.

"Geschenke", frohlockte Peter Ustinov, "sind die einzige Form von Rache, die kultivierten Menschen noch bleibt." Wir alle haben diese Art Rache kennengelernt. Bedankt haben wir uns trotzdem. Unser Wunsch war zwar nicht erfüllt worden, aber er ist uns geblieben. Wir können ihn weiter hegen. Und das ist gut.

Denn im Leben, sagt die Volksweisheit, gibt es immer zwei Tragödien: Die eine ist die Nichterfüllung eines Herzenswunsches. Die andere ist seine Erfüllung. Erfüllte Wünsche, so sonderbar es klingt, machen nicht glücklich.

Jedenfalls nicht auf Dauer. Kinder jubeln, wenn sie ihre Autorennbahn bekommen oder das Fahrrad oder den kleinen Hund. Sie fangen sofort an zu spielen. Sie sind überglücklich, jedenfalls am Weihnachtsabend; in den Tagen danach aber schon mit abnehmender Tendenz. Irgendwann landet die Rennbahn in der Ecke. Dem Fahrrad fehlen, das zeigt der Vergleich mit Klassenkameraden, ein paar entscheidende Features. Und den kleinen Hund soll die Mutter bürsten und ausführen.

Erwachsenen geht es bei der Wunscherfüllung nicht besser. Vielleicht erwarten wir schon gar nichts mehr. Wir sind so oft enttäuscht worden, dass wir einen Geschenkestopp ausgerufen haben. Wir erfüllen unsere Wünsche lieber selbst. Doch sogar das klappt nicht. Die CD, die wir uns unter den Weihnachtsbaum legen, verliert nach mehrmaligem Hören ihren Zauber. Der ipod offenbart Mängel. Und beim Cabrio, ohne Erbtantes Beitrag gekauft, wären gewisse Extras doch sinnvoll gewesen.

Der Wunsch ist erfüllt, aber was er eigentlich bringen sollte - Freude, Glück, Entspannung -, hat nicht lange gehalten. Wilhelm Busch reimte:

"Wonach du sehnlich ausgeschaut, es wurde dir beschieden. Du triumphierst und jubelst laut: Jetzt hab ich endlich Frieden! Ach, Freundchen, rede nicht so wild, bezähme deine Zunge!

Ein jeder Wunsch, wenn er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge."

Das Gedicht heißt "Niemals".

Niemals? Was soll der Titel bedeuten? Dass Wunscherfüllung niemals Frieden bringt? Ja, genau das. Der Hamburger Psychologe Torsten Brügge ist dem Zusammenhang von Wünschen und Glück pünktlich zum Gabenfest mit Wissenschaft und Weisheit auf den Grund gegangen. "Wunschlos glücklich" heißt sein Buch (Theseus Verlag; 18,95 Euro ).

Seine wichtigste Beobachtung: Das Glück ist schon da, bevor die Wünsche kommen. Wünsche verdecken es sogar. "Wenn ein Wunsch erfüllt wird, sind wir glücklich nicht über den Gegenstand oder das Ereignis. Wir sind glücklich, weil unser rastloses Wunschdenken für einen Moment zur Ruhe kommt. In so einem Moment innerer Stille wird spürbar, was die ganze Zeit schon anwesend war: innerer Frieden. Und das ist unser natürlicher Zustand. Nur erkennen wir diesen Zusammenhang nicht. Deshalb läuft die Wunschmaschine schnell wieder an."

Der Glaube, erst müssten ein paar Bedingungen erfüllt sein, bevor wir glücklich und in Frieden leben können, ist ein Irrtum, erklärt Brügge, allerdings ein hartnäckiger.

Alle Werbung, die uns auf den Breitbildschirm flimmert (der auch ein Wunsch war und jetzt seine Macken zeigt), alle Reklamezettel, die in der Adventszeit den Briefkasten verstopfen, alle Bilder, die uns in Märchen, Büchern, Filmen vom glücklichen Leben vorgegaukelt werden, unterstützen den Irrtum: "Wenn ich genügend Geld hätte, wenn ich woanders sein würde, wenn ich mehr Energie hätte, wenn ich den richtigen Partner kennenlernen würde, wenn ich gesund wäre, wenn ich mehr Selbstbewusstsein hätte . . ."

Was nie zum Erfolg geführt hat, das Wunschdenken - es beherrscht uns. Edlere Naturen nennen es Suche. Wir sind immer auf der Suche nach etwas, das laut Brügge schon da ist. Diese Erkenntnis ist nicht radikal neu. Die Weisen aller Zeiten haben darauf hingewiesen. Glückseligkeit sei die wahre Natur des Menschen, behauptete Buddha. Es gehe darum, diese Tatsache zu erkennen, am besten in Stille.

Sokrates erklärte, der innere Frieden sei verborgen unter Scheinwissen und falschen Vorstellungen; er entwickelte eine spezielle Fragetechnik, um Schülern zur Wiedererinnerung an den inneren Frieden zu verhelfen. Und der Weisheitslehrer, dessen Geburt wir gerade feiern, sprach schlicht und schön: "Das Himmelreich ist in euch" (Lukas 17, 21).

Na schön. Abgehakt. Das haben wir alles schon mal gehört, klingt auch gut, glauben wir gern, aber das ändert nichts daran, das unsere innere Wunschmaschine weiterrattert. Nicht nur zur Weihnachtszeit. Wir sind der Ansicht, dass sich erst einiges ändern müsste, bevor wir zufrieden relaxen können.

Natürlich sind wir nicht so dumm wie die Frau im "Märchen vun Fischer und siner Fru". Dieser Frau werden bekanntlich alle Wünsche erfüllt, von einem zaubermächtigen Fisch. Zuerst möchte sie ein geräumiges Häuschen mit Hühnerhof und Garten. Das findet sie bald zu eng; dann soll es eine Villa sein und so weiter. Jeder Wunsch wird erfüllt. Als sie schließlich - weil alles nicht zu ihrem Glück geführt hat - über die ganze Welt herrschen will, stürzt sie zurück in den Pisspott, in dem sie zu Anfang gewohnt hat.

Klarer Fall von überzogenen Forderungen! Wir hätten bei der Villa mit Elbblick "Stopp" gesagt! Oder etwa nicht? Vermutlich nicht, meint Torsten Brügge. Das Märchen ist ein Paradebeispiel für das, was vor ein paar Jahren als "Bestellungen beim Universum" populär wurde: den Glauben, Wünsche würden erfüllt, wenn sie nur richtig formuliert und an die richtige Adresse gesandt würden.

Doch weder durch positives Denken noch durch wiederholte Glaubenssätze oder ausgeklügelte Strategien ist das Glück herzustellen. Keine Glücksformel funktioniert. Solange wir die Täuschungen der inneren Wunschmaschine nicht durchschauen, wird sie endlos neue Bedürfnisse produzieren und das Mangelgefühl aufrecht erhalten. Auf die Weise nimmt die Bestellliste beim Universum oder beim Buttje in der See kein Ende.

Okay, aber wie nimmt sie denn ein Ende? Wenn wir am ersten Weihnachtstag den Kater bekommen - wie werden wir wunschlos glücklich? Indem wir unsere Glücksvorstellungen untersuchen und uns die Leitbilder ansehen, denen wir nacheifern.

Brügge leitet in seinem Buch dazu an. Und er erzählt das Beispiel des griechischen Eroberers Pyrrhus. Den fragte sein Hofnarr: "Herr, wenn ihr Rom eingenommen habt, was werdet ihr als Nächstes tun?" - Pyrrhus antwortet: "Sizilien liegt in der Nähe und wird leicht zu erobern sein." - "Und nach Sizilien, was wollt ihr dann tun?", fragt der Narr. - "Dann gehen wir nach Afrika und plündern Karthago." - "Und nach Karthago, Herr?" - "Griechenland." Der Narr erkundigt sich: "Und was erwartet ihr als Belohnung für all eure Siege?" - "Dann", sagt Pyrrhus, "setzen wir uns nieder und machen uns ein schönes Leben." Der Narr: "Können wir uns nicht jetzt schon ein schönes Leben machen?"

Könnten wir. Tun wir aber nicht. Weil wir glauben, vorher müsste sich noch einiges ändern. Pyrrhus errang auf dem Weg seiner Wunscherfüllung seinen berühmten Pyrrhussieg: Er verlor mehr, als er gewann.

Anderen Koryphäen geht es auch so. Superstars, die sich alle Wünsche erfüllen können, kauen ängstlich an ihren Fingernägeln oder lassen sich dreimal im Jahr operieren, um schöner zu werden. Lottogewinner, so zeigt eine Untersuchung, stürzen mehrheitlich ab in Depression und Sucht. Warum nur? "Weil sich ihre Glücksvorstellungen als Irrtum herausgestellt haben", meint Brügge. "Weil sie nie hinterfragten Leitbildern nachgeeifert haben." Das geht nicht nur Superstars so. "Die Leute, die deprimiert im Altersheim sitzen, am Ende eines Lebens voll Glück verheißender Ziele, die haben immer noch mindestens einen Wunsch, den Grundwunsch: Es sollte anders sein, als es ist."

Das ist der frustrierendste aller Wünsche. Das Wetter, die Verwandtschaft, die finanzielle Lage, der Gesundheitszustand: Es sollte anders sein, als es ist. Dieser Wunsch geht nie in Erfüllung.

"Er ist verbunden mit einem Gebet, das wir ebenso unablässig wie meist unbewusst wiederholen: Mein Wille geschehe. Erst die Wendung zu , Dein Wille geschehe' beendet das Leiden. Das wirkt zunächst wie ein Opfer. In Wahrheit ist es die Entspannung ins Glück."

Anstrengung ist dazu nicht einmal nötig. Denn wir kennen ja dieses Glücksgefühl. Aus Momenten, in denen alles stimmt, nichts falsch ist, wir nichts anderes mehr erreichen wollen, nicht vergleichen, nicht mehr urteilen, keine Bedingungen stellen; nichts muss anders sein, wir selbst müssen nicht anders sein, es ist gut so, wie es ist, wir sind angekommen, wir sind da.

Diese Momente stellen sich ganz plötzlich ein. Und wann sind sie vorüber? Sobald wir uns wünschen, dass sie bleiben . . . Und tschüs. Glücklich waren wir und sind wir nur ohne den Wunsch.

Mal sehen, wie oft es am Heiligabend klappt.

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