Das zweite Leben der Tipp-Kicker

Klauen tu' ich nicht, betteln ist meine Stärke", sagt Margit Tabel-Gerster , und das ist eine der Folgen: Ihr Schlafzimmer - eine strikt geordnete Ansammlung von Regalen, Schachteln, Kisten und Kästchen, in denen es beim Schütteln klappert. Daneben ein Ständer voller Ketten, Armbänder, Ringe. Alles Ausdruck und Aufbewahrung ihrer Leidenschaft: Die gebürtige Heilbronnerin stellt Schmuck her. Den Anstoß dafür gab ihr heftiges Gefühl des Bedauerns.

"Ich bin ein großer Recycling-Fan und finde es so schade, daß vieles weggeworfen wird", sagt sie. "Daran haben doch Leute lange und mit Liebe gearbeitet." Also will sie "das Gefühl für die Dinge wieder aufleben lassen, die mal schön waren. Mit Liebe einen Wert wiederbingen, den sie irgendwann im Laufe ihrer Existenz verloren haben."

So entstehen Ketten aus verbeulten Sieben, Ringe aus uralten Schreibmaschinenbuchstaben oder Klappaugen von Puppen, Colliers aus abgebrochenen Porzellanteilen und Tausenderlei für unmöglich gehaltene Schmuckstücke mit ironischer Note. Margot Tabel-Gerster benutzt sie alle. "Ich trage fast immer Schwarz, denn darauf sieht mein Schmuck gut aus", erzählt sie und will damit "ja nur etwas Phantasie und Heiterkeit ins Leben bringen".

In diesen Dienst stellt die studierte Foto-Designerin fast ihre ganze Freizeit und sicher 70 Prozent ihrer Wohnung: das "Heimatmuseum". So nennen es jedenfalls Freunde. Kaum eine Stelle, die nicht belegt ist mit Andenken. Mit Scherben, ertaucht in Griechenland, aufgehoben auf einem brasilianischen Friedhof, mitgenommen in China oder gefunden in Castrop-Rauxel.

Wenn sie mal wieder Platz für einen Neuzugang schafft, bringt es einer ihrer Freunde immer wieder auf den Punkt: "Du meinst, du optimierst die Packungsdichte."

Genau, denn irgendwie paßt immer noch einer rein.

Margit Tabel-Gersters Beruf ist es seit 1993, das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe in der Öffentlichkeit darzustellen. Wer einmal bei ihr zu Hause war, stellt fest: Ihre Berufung ist es, die Phantasie spielen zu lassen und in einer Art glückhaftem Verschmelzungsprozeß alles Unmögliche zusammenzustecken und -zuschrauben, zu kleben, aufzufädeln oder zusammenzuschweißen.

Und weil sie keine gewöhnliche Gold- oder Silberschmiedin ist, keine Perlengräfin oder Gemmenfräserin, macht sie es anders: Sie sucht, findet, erbettelt, kauft und sammelt kleine, ausgediente Dinge, bewahrt sie in Kartons auf, bis sie die zündende Idee hat, wie sie die Sachen, und das nicht allzu ernst, zusammenfügen kann. Alles wird in Serien eingeordnet, denen sie Namen wie "Heart attack", "Kitchen stuff" oder "Office" gibt.

Am besten beschreibt wohl die Serie "Beauty talk", was ihr am Herzen liegt: "Der tägliche Kampf um die Schönheit erfordert ein umfangreiches Waffenarsenal. Was bleibt nach geschlagener Schlacht um das dauerhafte Ziel ewiger Jugend, verdient eine Würdigung. Lippenstifte, Duftwasserflaschen, Pinsel oder Kämme - was nicht direkte Wirkung auf Haut und Haar zeigt, bekommt eine zweite Chance an vorderster Front auf dem Rollkragenpullover."

Ihre aktuellste Kollektion heißt "The kick", ist zeitgerecht Fußballschmuck und hat selbst in ihr, der Fußball-Abstinenzlerin, eine Ader für das Leder erweckt. "The kick" ist gerade auf Reisen in Halle an der Saale, als Beitrag zum offiziellen Kunst- und Kulturprogramm der Bundesregierung zur Fußballweltmeisterschaft.

Margit Tabel-Gerster macht übrigens auch für andere Schmuck, zum Selbstkostenpreis aus eigenem oder mitgebrachtem Material, für Handwerkerlohn (45 Euro/Stunde, www.margittabelgerster.de).