"Wir waren doch noch Kinder"

Die letzten Stunden des Zweiten Welt- kriegs: Ein paar Jungen sollen eine Brücke verteidigen. Nur einer überlebt - und schreibt dar- über den Roman "Die Brücke". Wir besuchten Manfred Gregor Dorfmeister in Bad Tölz.

In Bad Tölz regnet es an diesem Mittwoch im Frühjahr 2005. Manfred Gregor Dorfmeister steht auf der Tölzer Isar-Brücke. Ein tristes und häßliches Bauwerk, das in den 60er Jahren noch einmal umgebaut wurde. Routiniert erträgt der Schriftsteller das Posieren vor der Kamera. Er ist 76 Jahre alt, wirkt aber sportlich und hemdsärmlig, trägt Kappe und Lederjacke. Hinter ihm sieht man das Redaktionsgebäude des Tölzer Kuriers , der Zeitung, bei der er 34 Jahre lang Chefredakteur war. Der Pensionär ist neben dem "Bullen von Tölz" wohl der berühmteste Bürger seiner Stadt. Er trägt das Bundesverdienstkreuz und ist unter dem Autorennamen "Manfred Gregor" weltberühmt geworden. Wie aber wurde er zu dem, was er ist - ein Pazifist?

Dorfmeister ist einer, der erklärt. Schreibend, wer er ist und wer seine Kameraden waren. Warum sie in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs noch gegen die Amerikaner gekämpft haben und den Befehlen der Nationalsozialisten gefolgt sind. In den 60 Jahren seit Kriegsende wollte er verstehen, warum zwei seiner Kameraden noch im Tod von einer alten Frau bespuckt wurden. Und warum er, der Gymnasiast Manfred Gregor Dorfmeister, diese beiden Kameraden in der Nacht zum 2. Mai 1945 an der Isar-Brücke in Bad Tölz alleingelassen hat.

Seine Einberufung bekam er an seinem 16. Geburtstag, dem 7. März 1945. Zehn Tage später sah er sich in der SS-Junkerschule in Bad Tölz "einem wahnsinnigen Drill" ausgesetzt. Die Jüngsten auf seiner Bude in der Kaserne waren gerade mal 14 Jahre alt. Napola-Schüler, die wie er und seine Klassenkameraden im "Volkssturm" gegen die vorrückenden Alliierten kämpfen sollten. In der Nacht des 30. April war es soweit.

An diesem Nachmittag, 60 Jahre danach, hat Dorfmeister in sein Haus im Tölzer Viertel Hintersberg eingeladen. Dort lebt er mit seiner Frau Franziska, die beiden sind seit 55 Jahren verheiratet. Ihr Sohn ist Arzt in Bad Tölz. Ein Beruf, den Dorfmeister selbst gern ausgeübt hätte, aber nach dem Krieg hieß es, er solle erst einmal die 40jährigen zu Ende studieren lassen. Statt dessen wählte er in München Zeitungs- und Theaterwissenschaft. "Ich wollte Doktor werden, weil ich statt Menschen umzubringen Menschenleben erhalten wollte." Ein Wunsch, den er vielleicht auf seinen Sohn übertragen hat. Geweckt haben diesen Wunsch die Erlebnisse der Nacht zum 1. Mai 1945.

Was genau in jener Nacht passierte, erinnert er nur noch in Szenen. "Die Bilder verblassen schon", sagt er, dabei blickt er angestrengt. Das zu erzählen fällt ihm nicht leicht. Er macht es dennoch, weil er es für wichtig hält.

Seine Version des Grauens hat er literarisch im Roman "Die Brücke" verarbeitet: sieben Jungs, die eine strategisch bedeutungslose Brücke verteidigen. Nur einer überlebt: Albert Mutz, die Figur, mit der sich Dorfmeister identifiziert. In der Wirklichkeit gab es zwei Brücken, eine etwa 20 Kilometer von Bad Tölz entfernt im Wald und die Isar-Brücke in der Tölzer Innenstadt. Die Brücke im Wald hat Dorfmeister nie wiedergesehen. "Ich will da nicht mehr hin. Was ich dort erlebt habe, ist zu schrecklich." Er faltet beim Erzählen die Hände und reibt seine Daumen aneinander. Es sind alte, kräftige Hände. Und es dauert ein bißchen, bis man sich ihn als 16jährigen vorstellen kann.

Acht Jungs waren es also in der Nacht zum 1. Mai 1945, die an der Brücke im Wald vom Lkw sprangen. "Wir waren keine Freunde wie im Buch. Ich kannte nur zwei, den Knut und einen Napola-Schüler." Knut war Dorfmeisters Freund, mit der Kinderlandverschickung aus Berlin nach Tölz gekommen. Gemeinsam warteten sie auf die Amerikaner.

"Wenn bis zum Mittag des nächsten Tages nichts passiert wäre, wären wir nach Hause gegangen", glaubt er heute. Niemand von ihnen sei "scharf darauf gewesen, Krieg zu machen". Wann genau nun die Panzer der Amerikaner kamen, kann er nicht mehr sagen. Das Gefühl für die Zeit ist im Laufe der Jahre abhanden gekommen, Sekunden können Stunden gewesen sein. Nur die Witterung ist ihm im Gedächtnis geblieben, Schneetreiben, Kälte und Nässe. Im Buch schreibt er: " In gleichmäßigen langen Fäden fiel er (der Regen) vom Himmel. Die Zeltplanen und Tarnjacken der sieben stießen das Wasser längst nicht mehr ab. Im Gegenteil, der Stoff saugte das Wasser jetzt auf, und alle waren bis auf die Haut durchnäßt. (. . .) Ganze Bäche grüngelber Brühe patschten auf das Pflaster des Brückengehsteigs." In ihren Schützengräben vor und neben der Brücke standen sie im Wasser. Dorfmeister will in dieser Nacht sogar geschlafen haben.

Dann irgendwann kamen die Panzer. Zwei oder drei. Das hat sie elektrisiert. "Auf einmal war der Krieg da. Wir hatten entsetzliche Angst, vor allem, weil wir den Gegner nicht sahen, sondern nur hörten."

Dorfmeister erzählt das in seiner Wohnstube. Es ist gemütlich, trocken und sicher. Von seiner Eckbank aus kann er durchs Fenster auf den Blomberg sehen, den Tölzer Hausberg, 1248 Meter hoch. Auf den Blomberg wandert er jeden Montag. "Davon kann ihn niemand abhalten", sagt seine Frau Franziska. Heimatverbunden sei er, wohl deshalb hat er das Angebot, für ein großes Wochenmagazin in Hamburg zu schreiben, oder auch eine Anstellung als Drehbuchschreiber in Berlin ausgeschlagen.

Im Buch hatte einer der Jungs das Kommando, in der Wirklichkeit brauchte der Krieg keine Worte. Alle schossen gleichzeitig, ohne Zeichen, sechs oder sieben Panzerfäuste flogen auf einmal. Ohne Absprache. Zwei trafen den Panzer an der "idealen" Stelle, zwischen Turm und Untergestell. Dann war Ruhe. Eine Zeitlang bewegte sich nichts - bis sich der Deckel eines Panzers knirschend bewegte. Ein GI kletterte hinaus und fiel auf den Bauch. Sein Rücken qualmte.

"Das war schrecklich", sagt Dorfmeister. "Das war der Moment, in dem ich Pazifist wurde." Da sei dem 16jährigen klargeworden, daß er nie wieder auf einen Menschen schießen würde.

"Sekunden später brach die Hölle los", erzählt er weiter. Blitze aus dem Wald, Schüsse aus dem Hinterhalt, lautes Krachen. Etwas später liefen sie weg, "da waren wir nur noch zu fünft", über ein schneeweißes Feld. Von oben bombardierte sie ein Flugzeug. "Die jagten uns wie die Hasen. Als wir in einem Waldstück ankamen, waren wir nur noch zu dritt. Knut, der Napola aus Sonthofen und ich."

Nur noch nach Hause, hat Dorfmeister gedacht. Am Fuße des Buchbergs haben sie sich dann in Richtung Tölz durchgeschlagen. Als sie die Tölzer Isar-Brücke passierten, kamen aus der Markstraße zwei Feldgendarmen. Ein neuer Auftrag: Mit Sandsäcken und einem Maschinengewehr sollten sie nun diese Isar-Brücke verteidigen. "Als die weg waren, habe ich zu Knut und dem Napola gesagt: ,Jetzt ist die Luft rein, wir gehen nach Hause.'" Zu seinem Entsetzen wollten sie bleiben. Der Napola hielt sich an den "eindeutigen Auftrag", und Knut unterwarf sich dem. Das war für Dorfmeister das schlimmste. "Vielleicht waren beide so entschlossen, weil sie kein Zuhause in der Nähe hatten, niemanden, der sie erwartet hätte", so versucht er es sich zu erklären. Die Erklärung schmerzt auch noch nach 60 Jahren. Auf seiner Eckbank ist er nicht mehr der Junge, er ist der alte Mann, der es bereut, daß er damals nicht die Worte fand, um das Leben seiner Freunde zu retten. Er ging nach Hause. Während sie blieben und an der Brücke starben, entschied sich Dorfmeister für das Leben.

Am nächsten Tag kehrte er zur Brücke zurück, in Zivil. Da stand ein amerikanischer Soldat an das Geländer gelehnt. Am Rande der Brücke lagen Knut und der Napola, tot. Eine alte Frau ging vorbei und bespuckte die beiden. Ein Bild, das sich eingebrannt hat. "Ich kann das bis heute nicht verstehen", sagt er. "Wir waren doch noch Kinder. Wir wurden von den Nazis als Kanonenfutter benutzt."

Dorfmeister blickt auf die bestickte Tischdecke. Irgendwann sei ihm klargeworden, daß er eine Form finden muß, das Erlebte zu verarbeiten. Er wählte den Roman. Vom Büro im Tölzer Kurier blickte er täglich auf die Isar-Brücke.

Aber nur eine Zeitungsreportage, das wäre immer zu kurz, zu wenig gewesen. "Ich wollte verständlich machen, warum wir so blöd gewesen sind."