Keine Romantik, nur ich selber!

Victoria Trauttmansdorff spielte sich von einer lebensbedrohlichen Krankheit frei: Die Zarte mit den Sommersprossen gehört zur jungen Garde am Thalia.

Victoria Trauttmansdorff . . . welche ist das noch gleich? Sie ist nicht die erste, die einem in den Sinn kommt, wenn man die Damen des Thalia-Ensembles im Kopf durchgeht. Da fällt einem Fritzi Haberlandt ein, die eckige Kleene, oder Maren Eggert, die Spröde, oder Judith Rosmair, die Schöne. Vielleicht auch Angelika Thomas, die Sängerin oder Katharina Matz, die Doyenne. Und Victoria Trauttmansdorff? Dabei gibt es zahlreiche Gründe, ihren Namen zu kennen. Sie ist diejenige, die in diesem Jahr - gemeinsam mit Fritzi Haberlandt - von der Jury des Fachblattes "Theater heute" auf den zweiten Platz zur "Schauspielerin des Jahres" gewählt wurde. Diejenige, die in Stephan Kimmigs "Nora" die Rolle der Christine Linde so grandios und ungewohnt anders spielte, dass sie an manchen Tagen mehr Applaus erntete als die (ebenfalls herausragende) Susanne Wolff in der Titelpartie. Und diejenige, deren ursprünglich adliger Familienname Pate für ein österreichisches Nationaldessert stand: "Reis Trauttmansdorff", eine süße Milchreis-Frucht-Zubereitung. Aber die gebürtige Wienerin ist keine, die mit solchen Geschichten hausieren geht. Victoria Trauttmansdorff ist stattdessen lieber "erstaunt", wenn ihr viel Aufmerksamkeit zuteil wird. "Erstaunt", dass sie in Salzburg an der Schauspielschule genommen wurde, "erstaunt", als ihr der Thalia-Dramaturg auf einer Probe von der Auszeichnung durch "Theater heute" erzählte. Man kann sich gut vorstellen, wie die zierliche Person verwundert die kurzen Haare geschüttelt und die braunen Augen aufgesperrt hat und wie ihre Sommersprossen dabei vielleicht noch ein bisschen mehr gefunkelt haben als sonst. "Das tut schon gut", sagt sie, "das kann ich wenigstens meinen Enkeln erzählen." Selbstverständlich ist es nämlich nicht, dass die Schauspielerin heute da steht, wo sie ist. Vor sechs Jahren erfuhr Trauttmansdorff, dass sie an einer schweren Lymphdrüsenerkrankung, dem so genannten "Morbus Hodgkin", litt und eine Chemotherapie ihre einzige Chance gegen den zehn mal 13 Zentimeter großen Tumor sein würde. Sie machte die Chemo, verlor die damals noch langen Haare - und stand während der gesamten Zeit auf der Bühne, in der poetisch komischen Tschechow-Collage "Das Haus Nr. 13" auf der damaligen Thalia-Zweitbühne "TiK". Eine Perücke verbarg die Glatze. Mit Jürgen Flimm gab es die Abmachung, dass sie jederzeit, "und sei es drei Minuten vor Vorhang", die Vorstellung hätte absagen können, wenn sie gewollt hätte. Sie wollte nicht: "Durch das Spielen hatte ich so viel Kraft, mir hat das extrem geholfen." Am Tag nach der letzten Bestrahlung flog sie mit dem Ensemble nach New York zum "Time Rocker"-Gastspiel: "Das war für mich wie ein Neuanschluss ans Leben." Die Haare aber blieben kurz. Als Symbol für den Übergang in eine neue Periode. "Kein Mädchen mehr, keine Romantik, nur noch ich selber", beschreibt die Mutter zweier Töchter ihre Wandlung. Sie verlor allmählich die Angst, die sie auch vor "Flimm, dem starken Übervater des Thalias" hatte, spielte sich frei und findet seit der Intendanz Ulrich Khuons immer mehr zu ihrer eigenen Form. Der starke Familienhalt im Hintergrund unterstützt sie, hat ihr Ehemann doch vollstes Verständnis für die oft wirre Theaterwelt: den Regisseur und Schauspieler Wolf-Dietrich Sprenger lernte Trauttmansdorff lange vor ihrer Hamburger Zeit, während der Proben zu "Kasimir und Karoline" am Schauspielhaus Stuttgart, kennen. Kurz vor der Premiere verliebten sich die beiden ineinander, verfuhren eine Nacht lang Sprengers gerade ausbezahlte Gage im Taxi - und waren nur vier Wochen später verheiratet. Manchmal braucht es so wenig für so viel. Das gilt auch und erst recht für das Theater. An diesem Sonnabend steht Victoria Trautt-mansdorff in Dea Lohers Uraufführung "Unschuld" auf der Thalia-Bühne. Und wer sie dort sieht, dem prägt sie sich ein. Jedesmal ein Stückchen mehr.

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