Hamburger Ansichten

Die Frau aus dem Seemannsheim, der Imbissbesitzer, der Kleingärtner - es sind bodenständige Menschen, die Mona Wolfs auf ihren Bildern präsentiert. Vom 29. März bis 6. April auf der Kunsttreppe.

Haarscharf beobachtet Mona Wolfs die Menschen ihrer Umgebung, um sie dann mit einer raffinierten Aquarelltechnik zu porträtieren. Ein Bild heißt "Ich bin scholle" und zeigt den Ehemann Thomas schmutzig und völlig erledigt von der Schufterei im Schrebergarten. Nun ist er gefragt, ihr beim Hängen der 99 Bilder auf der Kunsttreppe zu helfen. Mona hatte ihren Mann Silvester 2001 in der Hafenkneipe "Zum Elbblick" kennen gelernt. Beide wollten nie heiraten. "Familie? Oh nee!" Doch nun teilen sie als Ehepaar eine Wohnung mit Blick auf den Gänsemarkt und die Gartenparzelle am Wochenende. Im "Elbblick" fand Mona auch Kuno, "den singenden Wirt vom Hafen", der Modell wurde für ein Porträt in der Werkgruppe "Bodenständige Menschen von der Waterkant". Diese großformatigen Aquarelle werden zum ersten Mal gezeigt und sind der praktische Teil der Diplomprüfung, die Wolfs in diesen Tagen an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (ehemals Fachhochschule für Gestaltung) in der Armgartstraße ablegt. Wolfs nennt ihre Ausstellung "Hamburger Ansichten", denn es interessieren sie nicht nur die Gesichter, sondern auch, was ihre Modelle bei den Sitzungen erzählen. Und deswegen arbeitet Wolfs in jedem Bildnis das Individuelle und ganz Persönliche heraus. Zu den Hamburger "Originalen" gehören auch Hermann, der blinde Akkordeonspieler, Beate, die im Seemannsheim lebt, der Imbissbesitzer Rolf Färber, Herr Uhl im Kleingartenverein, der Schuster von der Rambachstraße, ein Jugendherbergskoch, Matrosen und viele andere "Typen", die Mona Wolfs liebevoll und respektvoll ins Licht zieht. "Ich möchte, dass diese Menschen von anderen gesehen werden", sagt sie, denn sie versteht ihre Malerei als Reportage. Sie hofft, dass ihre "Modelle" alle der Einladung zur Kunsttreppe folgen. Eine zweite umfangreiche Bildgruppe ist der "Fries schlafender Frauen", der seit 1998 entsteht und an dem Wolfs immer weiterarbeitet. Freundinnen und Kolleginnen liegen entspannt als Modell (nicht selten schlafen sie dabei wirklich ein). Die so entstandenen Blätter im schmalen Hochformat frappieren durch kühne Verkürzungen, ungewohnte Anschnitte, harmonische Farben und eine ruhige, intime Atmosphäre. Die Werke auf der Kunsttreppe erscheinen in allen Formaten von winzig bis monumental. Fast zwei Meter hoch sind zwei Blätter mit der üppigen Gestalt der Carmen. Virtuos gemalt ist die nackte Haut samt blauer Flecken - eine schillernde Erscheinung, blasiert und zugleich verletzlich. Oft lässt die Künstlerin viel weißes Papier stehen, so bei Angelika in schwarzem Leder oder bei Frau Dold, einer Teilnehmerin eines der vielen Mal- und Zeichenkurse, die Mona Wolfs an der Volkshochschule erteilt. Wenn die Strapazen der Ausstellung und des Diploms überstanden sind, verlassen die Wolfs für zehn Tage ihren Garten und fahren nach Venedig. Buon Viaggio!

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