Berlin. In einem historischen Gemälde wurde ein Teil des Werks „vertuscht“. Restauratoren haben das verborgene Detail des Originals enthüllt.

Als es 1789 zum ersten Mal ausgestellt wurde, löste es mehr Kontroversen aus als jedes andere Ausstellungsstück: das Gemälde „Der Tod von Kardinal Beaufort“ des britischen Malers Joshua Reynolds. Warum eigentlich? Es zeigte lediglich eine Szene aus dem weltberühmten Theaterstück „Heinrich VI. Teil 2“ von William Shakespeare. Doch wie sich herausgestellt hat, hat Reynolds die Szene auf besondere Weise interpretiert und stieß damit auf heftige Kritik.

Der Teufel steckt im Detail – oder in diesem Fall der Dämon

Das Gemälde zeigt die Szene, in der der König am Sterbebett seines Großonkels steht, des Kardinals Beaufort. Er fleht Gott um ein friedliches Ende für seinen Verwandten an und sagt im Theaterstück: „Oh, schlagt den fleißigen, sich einmischenden Dämon fort.“ Reynolds hat diese Aussage wörtlich genommen.

In seinem Kunstwerk hat er einen Dämon gemalt, der sich aus dem Schatten über den im Bett liegenden Kardinal beugt. Im Theaterstück selbst wurde der Dämon jedoch nur erwähnt und nicht dargestellt. Heute würde es als künstlerische Freiheit bezeichnet werden, doch „die Darstellung des Unholds, der hinter dem sterbenden Kardinal auf dem Kissen lauert, war damals umstritten“, erklärt John Chu, der leitende nationale Kurator für Bilder und Skulpturen des National Trusts in Großbritannien.

Künstlerische Freiheit: Reynolds entschied sich, die Szene aus Shakespeare wörtlich zu nehmen, und malte einen Dämon am Sterbebett des Kardinals.
Künstlerische Freiheit: Reynolds entschied sich, die Szene aus Shakespeare wörtlich zu nehmen, und malte einen Dämon am Sterbebett des Kardinals. © National Trust | National Trust

Reynolds‘ künstlerische Freiheit war zu frei

Reynolds war vor allem als Porträtmaler für die Aristokratie bekannt. Dass er sich auch für historische Themen, einschließlich gotischer Themen, interessierte, schockierte einige seiner Bewunderer. Als das Gemälde zum ersten Mal in der Shakespeare-Ausstellung 1789 ausgestellt wurde, löste es einen Skandal aus. „Es passte nicht zu den künstlerischen Regeln der Zeit, eine poetische Redewendung so wörtlich in dieser monströsen Figur darzustellen“, sagt Chu. In der Literatur sei es akzeptabel gewesen, einen Dämon als etwas darzustellen, von dem ein Mensch besessen sei. Doch ein Gemälde verleihe dieser Idee eine zu physische Form.

Allen Regeln zum Trotz hat Reynolds dennoch seine Interpretation der Szene verewigt. Entsprechend schlecht war die Kritik:

  • Humphry Repton (Landschaftsgestalter und Kunstkritiker) war der Meinung, dass der Dämon nur dann Teil der Szene auf dem Gemälde hätte sein dürfen, wenn er auch als Figur in Shakespeares Stück aufgeführt worden wäre.
  • Ein Kritiker in der „Times“ schrieb laut National Trust damals: „Der Kobold an der Nackenrolle des Kardinals kann das Bild nicht verderben, aber er macht dem Urteilsvermögen des Malers keine Ehre. Wir befürchten eher, dass irgendein Unhold Sir Joshuas Geschmack belagert hat, als er beschloss, die Idee wörtlich zu nehmen. Die Freiheit der Poesie ist eine ganz andere als die der Malerei; aber das vorliegende Thema ist in sich selbst vollständig und bedarf keiner Hilfe von Maschinen aus Himmel oder Hölle. In dieser aufgeklärten Zeit warten Erstaunen und Mitleid auf ihn.“

Es gab aber auch Stimmen der Unterstützung für die bildliche Darstellung des Dämons. Der National Trust berichtet von Erasmus Darwin, der 1791 schrieb: „ ... warum sollte sich die Malerei nicht ebenso wie die Poesie in einer Metapher oder in einer undeutlichen Allegorie ausdrücken? Ein wahrhaft großer moderner Maler hat sich kürzlich bemüht, die Sphäre der Bildsprache zu erweitern, indem er einen Dämon hinter das Kissen eines bösen Mannes auf seinem Sterbebett legte. Was leider für den wissenschaftlichen Teil der Malerei die kalte Kritik des heutigen Tages abgewertet hat.“

Nach Reynolds‘ Tod verschwand der Dämon – ein Vertuschungsversuch?

Laut National Trust liegen Aufzeichnungen von Gesprächen vor, die Reynolds vor der Präsentation des Gemäldes geführt haben soll. Darin hatten Leute verlangt, dass der Dämon entfernt werden soll. Doch Reynolds blieb standhaft. Er wehrte sich laut Chu gegen die Versuche, das Original zu verändern. Die ersten Drucke des Reynolds-Gemäldes enthielten die Abbildung des Dämons. Nach dem Tod des Künstlers 1792 wurde jedoch in einer zweiten Auflage versucht, das Monster im Hintergrund zu entfernen.

Joshua Reynolds: Der Künstler war bekannt dafür, dass er experimentell arbeitete und seine Malmittel mit weiteren Materialien anreicherte.
Joshua Reynolds: Der Künstler war bekannt dafür, dass er experimentell arbeitete und seine Malmittel mit weiteren Materialien anreicherte. © Rob Matheson | National Trust Images/Rob Matheson

Tatsächlich sei der Dämon im Originalgemälde so „degradiert, dass es den Anschein hatte, als wäre er auch von dort entfernt worden“, erklärt der National Trust. Ist Reynolds‘ Interpretation der Shakespeare-Szene also buchstäblich „vertuscht“ worden? Der National Trust berichtet, dass sich bei der Untersuchung durch die Gemäldeexperten gezeigt hat, „dass das Gemälde von mehreren Händen angegangen worden war, mit vielen Übermalungen, bei denen neue Farbe über das ursprüngliche Werk geschichtet wurde, sowie mit sechs Firnisschichten.“

Der Dämon ist nicht entfernt worden, er ist zerfallen

Grund dafür ist aber kein Vertuschungsversuch von einem Kritiker, sondern ein Missverständnis seitens früherer Restauratoren. Laut Chu ist es keine Überraschung, dass der Dämon wortwörtlich in den Schatten des Gemäldes verschwunden ist. „Einige Jahrzehnte nach der Entstehung des Gemäldes scheint dieser Bereich in kleine Farbinseln zerfallen zu sein und durch die Bestandteile der Farbe an Klarheit verloren zu haben“, erklärt der leitende nationale Kurator.

Durch die zusätzlichen Schichten früherer Restauratoren kam es zu Fehlinterpretationen. Doch der National Trust konnte das Original mit seinem dämonischen Detail wiederherstellen. „Es handelt sich um ein großes Gemälde, und wir wollten sicherstellen, dass es immer noch das darstellt, was Reynolds ursprünglich gemalt hat. Dazu gehörte, dass wir den Unhold freilegen konnten, indem wir alle nicht originalen verdunkelten Lacke entfernten und mit unserer Arbeit sicherstellten, dass es immer noch seine Form und Perspektive korrekt wiedergibt“, erklärt Becca Hellen, die leitende Konservatorin für Gemälde beim Trust.

Kunst: Vor und nach der Arbeit der Restauratoren. Der Dämon ist nun wieder zu erkennen.
Kunst: Vor und nach der Arbeit der Restauratoren. Der Dämon ist nun wieder zu erkennen. © National Trust | National Trust

„Der Tod von Kardinal Beaufort“ ist am Ende von Reynolds‘ Karriere im Auftrag der Shakespeare-Gallerie entstanden. 1805 wurde die Sammlung inklusive dem Skandalgemälde verkauft. Reynolds‘ Werk wurde damals für 530,5 Pfund (heute 38.000 Pfund oder 43.427,44 Euro) vom 3. Earl of Egremont in Petworth erworben.