Berlin. Heinrich VIII. tötete zwei seiner Frauen, gilt als “Englands Nero“. Nun geben neue Funde den Blick in die Seele des Herrschers frei.

Der englische König Heinrich VIII. (1491–1547) hat nicht gerade einen guten Ruf: Insgesamt sechs Mal war er verheiratet, zwei seiner Frauen bezahlten mit dem Leben für ihre Ehe mit dem Tudor-König. Um die von ihm zuerst sehnsüchtig begehrte und später auf sein Geheiß hingerichtete Anne Boleyn zu ehelichen, nahm er den Bruch mit der römisch-katholischen Kirche in Kauf – einer Scheidung wollte der Papst nicht zustimmen.

Klöster ließ Heinrich VIII. auflösen, wer dem Widerstand leistete, fand sich am Galgen wieder und wer am katholischen Glauben festhielt, den erwartete ein ähnliches Schicksal, mitunter im Eilverfahren.

Mit voranschreitendem Alter zunehmend paranoid geworden, quälte Heinrich VIII. seinen Hof mit unberechenbaren Ausbrüchen. Wen der cholerische König der Intrige verdächtigte, der durfte seine Angelegenheiten regeln.

Krank und fettleibig, angeblich hätten drei stattliche Herren das Wams des Königs ausfüllen können, starb Heinrich VIII. am 28. Januar 1547 in London. Alles sei verloren, klagte er auf dem Sterbebett: "Reich, Leib und Seele!"

Marginalien Heinrichs VIII.: Forscherin "sprachlos"

Es zeigt sich: Am Ende seiner Tage scheint der König wohl nicht mehr ganz im Reinen mit sich gewesen zu sein. Nicht nur sein Äußeres quälte den virilen Potentaten. Auch seine Taten schienen den König zu beschäftigen. Darauf deuten sogenannte Marginalien hin, die der sehr belesene Tudor in einer Kopie eines prächtig verzierten Gebetsbuch "Psalms and Prayers" hinterlassen hat, ein Geschenk seiner letzten Ehefrau, Catherine Parr (1512–1548).

Das Gebetsbuch
Das Gebetsbuch "Psalms and Prayers" von Heinrich VIII. Die Rückseite des Titelblatts trägt das königliche Wappen. © © The Trustees of The Wormsley Fund and reproduced with permission from The Wormsley Estate

Zuletzt hat die kanadische Forscherin Micheline White von der Carleton Universität solche "Renaissance-Post-its" untersucht – und ist dabei prompt über bislang unbekannte Einmerkungen gestolpert, die sie der Hand Heinrichs VIII. zuschreibt. Eine reine Zufallsentdeckung seien die Marginalien gewesen, sie sei "sprachlos" gewesen, als sie beim Durchblättern erst auf eine, dann zwei und dann viele weitere der Zeichnungen gestoßen sei.

Marginalien in einem Gebetsbuch Heinrichs VIII. Mit den Zeichnungen in Form einer Hand oder dreier Punkte mit einer geschwungenen Linie markierte der Tudor-König spannende Textpassagen.
Marginalien in einem Gebetsbuch Heinrichs VIII. Mit den Zeichnungen in Form einer Hand oder dreier Punkte mit einer geschwungenen Linie markierte der Tudor-König spannende Textpassagen. © © The Trustees of The Wormsley Fund and reproduced with permission from The Wormsley Estate / Photo by Andrew Smart, A. C. Cooper, London

"Die Menschen haben damals kleine Hände mit ausgestrecktem Zeigefinger in ihre Bücher gemalt", erklärt White unserer Redaktion, "um damit für sie wichtige Passagen hervorzuheben." Sie sind als Anmerkungen oder Unterstreichungen zu verstehen. Für die Leser des 21. Jahrhunderts bieten sie die Chance, in das Innenleben ihrer Urheber zu blicken. "Marginalien sind etwas persönliches, er markiert hier natürlich Textstellen, die bei ihm etwas auslösen", so White.

Heinrich VIII.: In Furcht vor Gottes Zorn

In ihrer im Verlag der Universität Cambridge veröffentlichten Arbeit beschreibt White die Marginalien Heinrichs: Viele seien gelehrter Natur, bezögen sich auf politische Themen. Manche aber seien eher andächtig und selbst-reflektierend. Dazu analysiert die Forscherin: "Heinrich hat Gebetsverse kommentiert, in denen der Sprecher Gott um ein Ende seiner physischen Leiden anfleht, in denen er um Vergebung bittet und göttliche Eingabe."

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White zieht Verbindungen zu Heinrichs Leben zwischen 1544 und seinem Tod, Jahre, in denen er nicht nur mit inneren und äußeren Feinden im Krieg lag, sondern auch mit seiner Gesundheit. Seit einem Turnierunfall im Jahr 1536 verschlechterte die sich zusehends, bereitete dem täglich Dutzende Portionen Fleisch verzehrenden Tudor Kopfzerbrechen.

Ein eitriges Geschwüre am Bein etwa verunstalteten den in jungen Jahren als gutaussehend geltenden König derart, dass der Botschafter des Heiligen Römischen Reiches seinem Kaiser schrieb, Heinrich habe "neben seinem Alter und Gewicht auch die schlimmsten Beine der Welt". Niemand aber wage es, dies auszusprechen.

Eine der Marginalien etwa zeigt spezifisch auf eine Stelle im Text, in der es heißt: "Nimm mir deine Plagen, denn sie haben mit zugleich schwächlich und machtlos werden lassen."

Am rechten Rand zu erkennen: Eine Hand deutet mit ausgestrecktem Zeigefinger auf eine Textstelle, in der es heißt:
Am rechten Rand zu erkennen: Eine Hand deutet mit ausgestrecktem Zeigefinger auf eine Textstelle, in der es heißt: "Nimm deine Plagen von mir". © © The Trustees of The Wormsley Fund and reproduced with permission from The Wormsley Estate / Photo by Andrew Smart, A. C. Cooper, London

Für Heinrich VIII. "muss es sehr schwierig gewesen sein, seine Krankheit zu verstehen", sagt White. "Er ist König von Gottes Gnaden, warum straft ihn Gott dann mit einem faulenden Bein?"

Eine andere Marginalie hebt einen Textabschnitt hervor, in der der Sprecher bittet, Gott möge sich ihm gnädiger erweisen als er es im Angesicht seiner Sünden verdient habe. "Offensichtlich hat Heinrich auch etwas Hoffnung verspürt, das Gott ihm vergeben könnte", erklärt die Forscherin dazu.

"Er gesteht, ein Sünder zu sein und auf dem falschen Pfad." Dabei zeige er aber gleichzeitig, was für ein großartiger König er sei. "Was kann man im Angesicht der Sünde tun? Sich an Gott wenden, Buße tun."

Micheline White, Dozentin für englische Literatur an der Carleton University in Kanada.
Micheline White, Dozentin für englische Literatur an der Carleton University in Kanada. © Ainslie Coghill

Heinrich VIII.: Von Selbstzweifeln geplagt

Zu bereuen hätte Heinrich VIII. aus heutiger Sicht wohl viele Sünden. Quälte ihn ein schlechtes Gewissen ob der beiden getöteten Ehefrauen, Anne Boleyn und Catherine Howard? Wegen der vielen Toten Katholiken aus der englischen Reformation, der vielen Gefallenen aus seinen Kriegen?

Mit Sicherheit lasse sich das nicht sagen, so White. "Er machte schon den Eindruck, dass er der Meinung war, die Exekutierten hätten ihr Schicksal verdient." Zumal in der Renaissance die Menschen immer von der Erbsünde ausgegangen seien, also sündig in die Welt hineingeboren wurden. Wenn Heinrich VIII. an Sünde denkt, dann vermutlich eher an diese.

"Vermutlich trieben ihn mehr Gedanken um, wer die Regierungsgeschäfte in seiner Abwesenheit im Krieg gegen Frankreich führen soll, und wie es mit seinem Thronfolger, Sohn Edward, weitergeht, der ebenfalls kränklich war", glaubt die Forscherin. Oder die Abspaltung der englischen Kirche von Rom und die Hinrichtung von Protestanten. "Er stellt sich die Frage: War ich ein guter König?"

Heinrichs Antwort auf diese Frage dürfte wohl gemischt ausgefallen sein. Für White ergeben die markierten Stellen das Bild eines Herrschers, der gegen Ende seines Lebens von Selbstzweifeln geplagt ist, "von Sorgen und Verzweiflung". Die letzte Marginalie findet sich neben einer Textstelle, in der es heißt: "Oh Herr, verlass mich nicht, auch wenn ich in deinem Angesicht nichts Gutes hab vollbracht." "Das ist schon ziemlich finster", so White.

Catherine Parr: Nicht nur intellektuelles Kindermädchen

Für sie bedeutet die Entdeckung aber noch mehr. Schon die Existenz der Gebetsbücher zeigten, wie sehr der König und seine letzte Ehefrau, Catherine Parr, zusammengearbeitet hätten. Parr wird in der Forschung teils als intellektuelles Kindermädchen hingestellt, der Heinrich VIII. die Erziehung seiner Söhne in seiner Abwesenheit anvertraute und in einer Ecke fromme Bücher schreibt.

Zeitgenössische Darstellung von Catherine Parr (1512-1548), der letzten Ehefrau Heinrichs VIII.
Zeitgenössische Darstellung von Catherine Parr (1512-1548), der letzten Ehefrau Heinrichs VIII. © IMAGO / United Archives International

"Hier aber lässt der König seine Frau prächtig verzierte Bücher anfertigen, die sie aus dem Lateinischen übersetzt, die verteilt werden, die sein Wappen tragen, nicht ihres, die im Krieg gegen Frankreich als Propaganda dienten, die am Hof Unterstützung für den König beschwören sollten." Gebete seien im Krieg wichtig gewesen, man brauchte Gott auf der eigenen Seite, nicht der des Gegners.

White ist sicher: "Dieses Buch hat sie nicht ein einer Ecke verfasst, sondern in Zusammenarbeit mit dem König. Heinrich VIII. wollte Parr als Teil der Krone nutzen. Sie hat ihre eigene Geschichte."