Corona-Reportage

Mallorca jetzt Geisterinsel – Reisewarnung gab ihr den Rest

Der Strand von Santa Ponsa am Sonntagnachmittag. Normalerweise wäre es hier jetzt zur Hochsaison brechend voll, doch außer ein paar Einheimischen ist niemand mehr da.

Der Strand von Santa Ponsa am Sonntagnachmittag. Normalerweise wäre es hier jetzt zur Hochsaison brechend voll, doch außer ein paar Einheimischen ist niemand mehr da.

Foto: Vanessa Kruse

Hubschrauber-Patrouillen über verwaisten Stränden, Jagd auf Partyboote, leere Restaurants: Mallorcas surreale Wirklichkeit.

Santa Ponsa. Westernhelden kämen hier auf ihre Kosten. Mitten am Tage sind alle Fenster und Türen geschlossen, niemand befindet sich auf der Straße. Fehlen nur noch die Heuballen, die von einer Seite zur anderen wehen. 12 Uhr mittags, man wartet auf den Showdown. Doch es passiert nichts. Gar nichts passiert hier mehr an diesem sonnigen Tag in Santa Ponsa.

Wie am Tag zuvor, wie morgen, wie übermorgen. „Ziemlich ausgestorben,“ sagt meine Schwester Vanessa, die mich per Handykamera mitnimmt zu einem Spaziergang durch ihren Ort, in dem sie seit 13 Jahren mit ihrer Familie lebt. Er liegt im Westen der Insel, 20 Minuten von der Hauptstadt Palma entfernt. Ich war sehr oft da, ich kenne die Läden, in denen es das beste Eis, die leckerste Paella, die salzigsten Pimientos de Padrón gibt.

Ich weiß, dass ich im Hochsommer um spätestens 9.30 Uhr am Strand sein müsste, wenn ich noch eine Liege mit Schirm mieten will. Wo man eine saubere Toilette findet, den Bootsausflug mit dem lustigen Kapitän bucht und am frühesten die deutschen Tageszeitungen bekommt. Bei wem der Aperol mit Sekt gemacht wird und bei wem mit Weißwein. Doch dieses Wissen ist von gestern. Wenn es schlecht läuft, dann benötige ich es nie wieder, denn all die Geschäfte, Restaurants und Bars könnten für immer schließen. Heruntergelassene Rollläden stellen das Sinnbild der mallorquinischen Krise dar.

„Guck mal, sogar Casa Pepe hat zu,“ sagt meine Schwester. Kein Mini-Supermarkt in Santa Ponsa macht an einem guten Strandtag mehr Umsatz, schätze ich. Bei Pepe werden die Baguettes vor deinen Augen belegt, es gibt Sonnencreme mit einem Abflaufdatum, das nicht nur bis nächste Woche reicht, pinke Flamingo-Schwimmringe und eine gigantische Auswahl gekühlter Cavas und Cervesa. Wenn Casa Pepe zu macht, dann ist das so, als würde Mercedes seine Produktion in Deutschland aufgeben.

Deutsche Reisewarnung gab Mallorca den Rest

Ein paar Läden bleiben noch tapfer geöffnet, aber der Café-Besitzer hat an diesem Tag zwei Cappuccino verkauft, der Taxifahrer fünf Euro verdient. Normalerweise nimmt er 300 Euro täglich ein. Eigentlich müsste er sofort das Auto verkaufen und sich einen neuen Job suchen, aber was soll man denn machen auf einer Insel, die in eine Art Koma gefallen scheint? Im Juli – und da war noch vieles möglich - kamen schon eine Millionen Urlauber weniger als im Juli 2019, als noch 1.295.968 Reisende in Hotels der Insel übernachteten. Normalerweise hat Mallorca eine Auslastung von 88 Prozent, jetzt waren es 41,5 Prozent, Tendenz krass fallend.

Die britische Quarantäne-Verordnung war der erste harte Schlag, die deutschen Reisewarnung gab der Insel den Rest. Denn wenn es darum geht, wirklich Geld auf der Insel zu lassen, dann kommt es auf diese beiden Nationalitäten an: Deutsche und Engländer. Alle anderen spielen in der untersten K(P)reisklasse. Die Entscheidung der deutschen Bundesregierung führte zwar nicht dazu, dass die Urlauber panisch abreisten. Im Gegenteil, die meisten fühlten sich extrem sicher vor Ort, doch es kamen halt keine neuen Gäste mehr an, und so war die Insel innerhalb von zwei Wochen quasi evakuiert. Adiós Amigos.

Wer keine Schwester vor Ort hat und sich dennoch ein Bild machen will, kann sich in der Facebook-Gruppe „Mallorca/Paguera Lifestyle“ Videos angucken. Die Mitglieder finden es „beklemmend“ und eine Teilnehmerin spricht davon, es sei „wie nach Tschernobyl“.

Nicht mal am Strand ist was los

Nicht mal am Strand ist was los. Dabei ist heute Sonntag, da gehen normalerweise sogar Einheimische gerne ans Meer. Doch die Liegen bleiben leer, die Tretboote mit den witzigen Rutschen fahren nicht hinaus, der Sand sieht auch nachmittags noch frisch gehakt aus. Diesen eigentlich traumhaften Anblick kenne ich nur aus der Vor-Saison. Eigentlich sieht es genauso aus, wie Urlaubskataloge es gerne versprechen, die Foto Shop-Welt scheint Wirklichkeit geworden zu sein. Doch freuen kann sich darüber niemand.

Bei einem Konzert in der ersten Reihe zu stehen, macht auch nur dann Spaß, wenn hinter einem noch viele, viele andere Fans stehen. Ist man der einzige, dann kommt es einem komisch vor. Das Meer hat jetzt übrigens auch Öffnungszeiten, gebadet werden darf von 7 bis 21 Uhr, danach wird der Strand geschlossen, ein Hubschrauber kreist über den wenigen Gästen und sagt ihnen, sie mögen jetzt bitte nach Hause gehen.

Im Vergleich zu den Balearen sind die Corona-Regeln bei uns in Hamburg „Einschränkung light“. Außerhalb der eigenen Wohnung herrscht überall Maskenpflicht, Rauchen im öffentlichen Raum ist verboten, im Bus dürfen keine Speisen verzehrt werden, auch im Büro und im Schulunterricht herrscht Maskenpflicht, Restaurants dürfen nur 50 Prozent der Plätze belegen, private Treffen unterliegen einem Limit von zehn Personen. Soldaten unterstützen das System zur Nachverfolgung der Infektionsketten.

Mit einem Boot, das eigentlich zum Aufspüren von Drogentransporten eingesetzt wird, macht die Guardia Civil Jagd auf sogenannte Partyboote. Alkohol und Feiern auf dem mallorquinischen Gewässer verstoßen nämlich gegen die aktuellen Coronaregeln zur See. Die Bürgermeister einiger kleinere Orte steigen nachts auf ihre Traktoren und versprühen Desinfektionsmittel in den Straßen, die Einheimischen reinigen regelmäßig ihre Haustüren. Keine Maske eines Mallorquiners sieht man je unter die Nase rutschen, sogar Skateboard Fahrer üben ihre Tricks mit Mundschutz.

So sicher war es auf Mallorca wahrscheinlich noch nie

So sicher war es auf Mallorca wahrscheinlich noch nie, glaubt Lluís Rullan von der Assosiacion Hotelera Soller. Der 41-Jährige hat wilde Monate hinter sich. Als die Hotels Ende Juni wieder öffneten, herrschte auf der Insel plötzlich wieder Full-House, dann änderte sich die Buchungslage je nach den Aktualisierungen der wichtigsten Märkte ihrer Covid-19-Regeln. „Corona ist für uns Hoteliers wie eine Achterbahnfahrt“, sagt der 41-Jährige. So zu arbeiten sei extrem kompliziert, weil keinerlei Planung möglich sei.

Erst kamen die großen Reiseveranstalter, dann sagte TUI, sie fliegen nicht mehr und viele Konkurrenten zogen nach. Erst buchten die Engländer, dann stornierten alle wieder, weil sie nach der Rückkehr in Quarantäne gemusst hätten. „Mental ist das sehr krass, von einer Stunde zur anderen kann sich die Lage für uns ändern“, sagt der Vertreter der Hotelvereinigung. Besonders die letzte Bestimmung der Bundesregierung, dass ab Mitte September alle Reiserückkehrer aus Risikogebieten 14 Tage zu Hause bleiben müssen (bislang reichte ein negatives Testergebnis) könne für die Tourismusindustrie der Balearen tragisch enden.

Ganz Spanien gilt nun als Corona-Risikogebiet

  • Wegen der gestiegenen Zahl von Neuinfektionen auf den Kanarischen Inseln stuften die Bundesministerien für Innen und Gesundheit auch die Region im Atlantik als Risikogebiet ein.
  • Das Auswärtige Amt sprach eine Reisewarnung aus. Die Inselgruppe vor der Westküste Afrikas war die letzte Region Spaniens, die noch nicht als Risikogebiet galt.
  • Vor Reisen in den Rest des Landes samt der beliebten Ferieninsel Mallorca warnt das Auswärtige Amt bereits seit Mitte August.

Der einzige Vorteil sei, dass nun alle verstanden hätten, wie wichtig die Urlauber für die Insel sind. 40 Prozent der Einwohner leben direkt vom Tourismus – und der Rest indirekt. Ein Fischer kann seine Ware nicht verkaufen, wenn die Hotels und Restaurants keine Gäste mehr haben. Eine Friseurin nicht frisieren, ein Wanderführer verdient allein auf weiter Flur keinen Cent.

Rullans Frau führt einen Kindergarten. Da kommen nun morgens nur noch 30 anstatt 90 Kinder, weil sich viele Mallorquiner die Gebühren nicht mehr leisten können. Der Hotel-Sprecher, der eigentlich ein Optimist ist, rechnet auch für 2021 maximal mit einer halben Saison. Bis alle geimpft sind und das Vertrauen wieder da sei, brauche es eine Weile. „Für uns alle geht es ums Überleben, gesundheitlich und wirtschaftlich.“

Corona-Zentrale ging an den Start

Vanessas Nachbarn sind Artisten und leben von Shows in Hotels. Das Paar kann Salti schlagen, jonglieren und Einrad fahren, doch eine große Krise händeln, das kann es nicht. Sie geht jetzt putzen bei einer Deutschen, er hat es auf dem Bau probiert, doch nun probiert es der Alkohol mit ihm. Vanessas Mann José ist als Kellner angestellt in einem Hotel in Peguera, dem wahrscheinlich deutschesten Urlaubsort der Insel. Vor gut zwei Wochen wurde das Hotel geschlossen, zu wenig Gäste, jeden Tag verbrannte das Unternehmen Geld.

José stellte die letzten Teller in den Schrank und hörte auf zu rauchen. Spart Geld. Er bekommt zwar ERTE, eine Art spanisches Kurzarbeitergeld, doch die Verluste betragen Tausende Euro allein in dieser Saison. José verlegt jetzt Fliesen. Wer sich nicht neu erfindet, der könnte auf der Strecke bleiben. Schließlich weiß niemand, wann und ob die Reisenden zurückkommen; und das Kurzarbeitergeld wird nur bis Ende Oktober gezahlt.

Ende Juni war die Stimmung nach dem langen Lockdown (Vanessas 6-jährige Tochter Emma durfte sieben Wochen die Wohnung nicht verlassen und hat seit März keine Schule mehr) noch eine ganz andere. Als die ersten Flieger wieder Streifen in den Himmel malten, waren es Zeichnungen der Hoffnung. Manche Mallorquiner applaudierten, einige weinten vor Erleichterung. Die meisten hatten mit der zweiten Welle erst Ende Oktober, Anfang November gerechnet. Doch sie kam viel früher, mitten in der Hochsaison.

Die Zahlen stiegen im August stark an, an einem Tag meldete die Gesundheitsbehörde sogar einen Wert von 908 Fällen in den vergangenen 24 Stunden. „Wir waren geschockt“, sagt meine Schwester. Die Restriktionen im öffentlichen Raum wurden sofort verschärft, neue Teststationen wurden in Palmas Kongresszentrum sowie in Inca und Manacor eröffnet, und eine Corona-Zentrale ging an den Start, bei der allein 190 Mitarbeiter die Kontaktpersonen von positiv getesteten Patienten abtelefonieren. Die Krankenhäuser eröffneten ihre Covid-Stationen wieder. Mittlerweile pendelte sich die Zahl der Neuinfizierten zwischen 250 und 300 am Tag ein.

Rauchverbot für Gastronomie besonders fatal

„Wir hätten verantwortlicher handeln müssen. Anstatt die Insel einfach wieder komplett zu öffnen, wären beispielsweise Temperaturkontrollen am Flughafen eine gute Idee gewesen“, sagt Melanie Burinkow. Die Deutsche führt gemeinsam mit ihrem Vater ein Restaurant im Norden der Insel. Das Nautilus liegt hoch auf einer Klippe, von hier aus sieht man perfekte Sonnenuntergänge. Wer Romantik nicht schätzt, der wäre hier falsch, alle anderen erinnern sich in der Umgebung plötzlich wieder daran, wie das so geht: verliebt sein.

Das Restaurant hat weiterhin viele Gäste, wer in der Vergangenheit nicht nur auf Touristen setzte, der liegt nun vorne. Die 28-Jährige erzählt, selbst wenn es ihr noch gut gehe, sei es schwierig, der Lage etwas Positives abzugewinnen: „Wir sind alle zusammengerückt, wenn die Konkurrenz leidet, dann leiden wir alle.“

Spanisches Festland und Balearen werden Corona-Risikogebiet:

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Rauchverbot für Gastronomie besonders fatal

Besonders fatal für die Gastronomie findet sie das Rauchverbot im öffentlichen Raum, denn Spanier rauchen relativ gerne. Jede neue Regel, und sei sie noch so unsinnig, werde sofort widerstandslos angenommen. Proteste und große Demonstrationen wie in Berlin würde es auf Mallorca nie geben. „Das liegt vielleicht an der Geschichte des Landes. Die Franco-Zeit hat die Leute geprägt“, so Burinkow. Ein Vorteil fällt ihr dann doch noch ein: Die Einheimischen haben die Insel zum ersten Mal seit den 60ern im Sommer für sich.

„Es ist nicht nur toll, die Ruhe an den Stränden zu genießen, sondern auch die Natur freut sich riesig, durchatmen zu können. Das Wasser ist deutlich klarer, weil es weniger Schiffsverkehr gibt, und in Palma hat sich die Luftqualität verbessert, da auch die Kreuzfahrtschiffe ausbleiben,“ schreibt Bruno Neuberger vom Bikini Island & Mountain Hotel. Dort bin ich schon gerne und häufig auf einen Drink in die Monkey Bar eingekehrt, weil ein Hamburger hinter dem Konzept steht – und die Stimmung dort echt entspannt ist. Sogar jetzt noch versucht man, das Laisser-faire-Gefühl aufrecht zu erhalten.

Neuberger hofft, die Krise könnte der perfekte Zeitpunkt sein, ein paar grundlegende Maßnahmen anzuschieben, um die Insel zukunftsfähig zu machen. Neben einer ökologischen Neuorientierung müsste man auch in puncto Gästeaufkommen weg von Quantität hin zur Qualität. „Magaluf und El Arenal braucht kein Mensch. Weder die Insulaner noch die zivilisierten Gäste,“ so Neuberger. Doch der Hotelier bleibt skeptisch. Ob sich wirklich etwas ändern werde?

Mallorca eignet sich gut als mediterranes Homeoffice

„Doch, unsere Insel kann und muss grüner werden“, sagt Hans Lenz, Geschäftsführer von Engel & Völkers Mallorca Südwest, am Telefon. Die Immobilien-Firma mit Sitz in Hamburg spürt die Krise bislang überhaupt nicht, im Gegenteil. Das Team von Hans Lenz (ein Einheimischer, auch wenn der Name es anders vermuten lässt) konnte in den letzten Wochen mehrere Objekte im Wert zwischen zehn und 15 Millionen Euro verkaufen. Manche davon nur durch Video-Besichtigungen.

Je unruhiger die Börse und die Weltlage, desto mehr setzen die Menschen auf Immobilien. Außerdem rechnen seit Corona viele Menschen damit, in Zukunft mehr Zeit zu Hause zu verbringen, und da das Glasfasernetz auf Mallorca teilweise wesentlich besser ausgebaut ist als in der norddeutschen Provinz, eignet sich die Insel als mediterranes Homeoffice.

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Lenz engagiert sich in einer Stiftung, um die Idylle und Gesundheit der Ökosysteme zu erhalten. Durch die Erfolge im Tourismus habe man einen wichtigen Wirtschaftszweig vernachlässigt, glaubt er: „Wir importieren 80 Prozent unserer Produkte, das kann doch nicht sein. Wir müssen unsere heimische Landwirtschaft stärken“, so Lenz. Der 44-Jährige plädiert außerdem dafür, Mallorca als führenden Markt für IT-Lösungen aufzubauen und mehr auf die Schuhfabrikation zu setzen: „Die Marke Mallorca ist nach wie vor stark.“

Meine Schwester schickt eine WhatsApp: Am 10.9. soll nun endlich die Schule wieder öffnen. Es geht weiter.