Coronavirus

Wann ins Ausland? Urlaub wohl nur in Deutschland möglich

Urlaub und Coronavirus: Was jetzt wichtig ist

Wie wirkt sich das Coronavirus auf Ihre Urlaubsplanung aus? Alle Antworten auf Fragen rund um den geplanten Urlaub im In- und Ausland im Video.

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Das Auswärtige Amt hat die weltweite Reisewarnung bis Mitte Juni verlängert. Was bedeutet das jetzt für das Urlaubsgeschäft 2020?

Berlin. 
  • Das Auswärtige Amt gab am 29. April bekannt, dass die weltweite Reisewarnung mindestens bis zum 14. Juni verlängert wird
  • Hintergrund der Verlängerung ist die Tatsache, dass sich das Coronavirus weiter ausbreitet
  • Die Reisewarnung und weitere Einreisebeschränkungen treffen die Tourismusbranche hart
  • Viele Staaten haben aufgrund der Corona-Krise ihre Einreisebedingungen auch für Deutsche verschärft
  • Ob und wie Urlaub 2020 überhaupt möglich ist, beschäftigt derzeit Tausende Menschen in Deutschland
  • Bayerns Ministerpräsident hat für Urlaub im Inland plädiert, Ostsee und Nordsee sind begehrte Ziele
  • Wir haben uns umgehört, wie die Lage in deutschen Urlaubsregionen ist – und welche Pläne die Branche gerade verfolgt

Das altehrwürdige „Haus des Gasts“ ist nur 100 Meter von der Ostsee entfernt und ein Versprechen. „Viel. Meer. Flair.“ lautet der Slogan. Aber wenn Kurdirektor Kai Gardeja sein Büro verlässt, fühlt sich der Alltag gerade anders an. „Es ist eine wahnsinnige Ruhe.“

5500 Einwohner hat Binz. An einem guten Sommertag, wenn 20.000 Betten belegt und Tagestouristen auf die Insel Rügen strömen, sind es 70.000 Menschen. Die Ruhe, die Gardeja spürt, ist gespenstisch.

Dabei ist die Lust auf Urlaub groß. Die Buchungsquote für Pfingsten liegt in Binz bei 80 Prozent. „Die Leute haben immer noch Vertrauen.“ Nur dürfen sie nicht raus. Und fragen sich, was in Zeiten von Corona wohl aus dem Sommerurlaub wird. „Wir können leider zum heutigen Stand schwer abschätzen, wie sich die gesundheitliche Lage und damit die Reisebeschränkungen in den nächsten Monaten entwickeln werden“, sagt der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Thomas Bareiß (CDU).

Informiert bleiben: Alle aktuellen Infos rund um das Thema „Reisebeschränkungen in Zeiten von Corona“ lesen Sie in unserem Corona-Newsblog

Sommerurlaub 2020: Mehr Reisen im Inland wegen Corona-Krise?

Weiter östlich, auf Usedom, sind für Juli und August gerade mal drei Prozent der Buchungen storniert worden, erzählt Michael Steuer, Geschäftsführer der Usedom Tourismus GmbH. Die Reservierungen liegen unmerklich unter dem Niveau des Vorjahres. Auch er mag nicht glauben, dass die Deutschen auf Reisen verzichten.

Steuer geht davon aus, dass sie im Inland verreisen werden. Das ist sein „Silberstreif am Horizont“. Er denkt, dass „gerade Flächenländer aus dieser Krise verstärkt hervorgehen können“. Sie hätten was zu bieten in Zeiten von „social distancing“: „Da ist Platz, da ist Weite.“ Wer jetzt umbuchen wolle, „der findet auch noch genügend Angebote“.

Steuer ist überzeugt, dass die Gäste zum Selbstschutz mit dem eigenen Auto anreisen und sich vorzugsweise in einem Ferienhaus- oder Wohnung einquartieren werden. Urlaub in Zeiten von Corona – mehr denn je nur ein Tapetenwechsel.

Deutsche verbringen Urlaub für gewöhnlich zu zwei Dritteln im Ausland

Vieles wird sich ändern. In Binz wird man zum Schutz vor dem Virus auf größere Abstände zwischen den Strandkörben und darauf achten, dass die Badegäste sich über den 14 Kilometerlangen Strand verteilen. Geräumte Zimmer wird man erst desinfizieren müssen, bevor der nächste Gast einzieht.

Frühstück wird am Tisch serviert, ein Drängeln am Buffet gilt es zu vermeiden. Die Menschen, die Risikogruppen zumal, sollen sich beim Reisen, dem Restaurantbesuch oder im Wellnesshotel sicher fühlen, sagt Tourismusbeauftragter Bareiß. Lesen Sie auch: So gefährlich ist das Coronavirus für jüngere Menschen

Gewöhnlich verbringen die Deutschen ihren Urlaub zu einem Drittel im Inland, zu zwei Dritteln im Ausland, in Spanien, Italien oder in der Türkei. Gegen Auslandsreisen spricht die hohen Ansteckungsgefahr, die Reisewarnung des Auswärtigen Amts, die Grenzkontrollen und die 14-tägige Quarantäne nach der Rückkehr nach Deutschland. Mittlerweile beschränken viele Länder außerdem die Einreise, sodass Deutsche in viele Ländern nicht einreisen können.

„Das Jahr ist gelaufen“, meint Jürgen Schmude, Professor für Wirtschaftsgeografie und Tourismusforschung an der Universität München. Nach dem Tsunami in Thailand oder Terroranschlägen ist der Tourismus wieder angelaufen. Das Gedächtnis der Urlauber war meist kurz. „Aber das waren einmalige Ereignisse. Der Unterschied ist, dass wir jetzt über Wochen und Monaten mit schlimmen Nachrichten konfrontiert werden.“

Schlechte Zeiten für Bettenburgen

Auch für Bareiß spricht viel dafür, „dass die Fernreisen dieses Jahr ausfallen müssen, was für viele Reisebüros und Reiseveranstalter einen enormen Einschnitt mit sich bringen würde.“ Wissenschaftler Schmude ist überzeugt, „wenn es mit dem Tourismus wieder aufwärts geht, dann zuerst im Inland“.

Die Lage in Nachbarländern: Wird Sommerurlaub in den Niederlanden und Beglien möglich sein?

Die größten Probleme werden nach seinen Worten die „Bettenburgen“ haben. Die Ferienhäuser- und Wohnungen seien im Vorteil. Geschäfts- und Städtereisen (Messen, Tagungen) sowie die Kreuzfahrten werden abnehmen. Wenn alle ihre Auslandsreise stornieren und im Inland urlauben, kann es zu einem Ansturm und Überbelastungen kommen. Doch gebe es Möglichkeiten, um zu reglementieren. „Den Zugang zu den Inseln kann man dosieren, schwerer zu beherrschen wäre der Ansturm von Tagesausflügen.

Die Nachfrage richtig zu kalkulieren, ist schwer. Die Zeit ist knapp. Die meisten Arbeitgeber pochen darauf, dass beantragte und genehmigte Urlaube nicht verschoben werden. Schon deswegen wird es bei den Buchungen kaum „Nachzieheffekte“ geben.

Auch die Schulferien stehen zur Diskussion. „Es wäre sinnvoll, wenn die Bundesländer berücksichtigen, dass nicht alle Länder gleichzeitig Ferien machen können“, mahnt der Tourismusbeauftragte. Das Geld ist ebenfalls knapp. Millionen Deutsche sind in Kurzarbeit – sie werden womöglich gezwungen sein, am Urlaubsbudget zu sparen. Das knappste Gut von allen: politische Sicherheit.

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Als die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten erste Lockerungen verabredeten, aber dem Fremdenverkehr keine Hoffnungen machten, „war das für uns eine große Enttäuschung“, klagt Michael Rabe, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft.

„Es gibt aus unserer Sicht keinen Grund mehr, uns kategorisch herauszuhalten, wenn andere Bereiche des öffentlichen Lebens gelockert werden.“ Er sehe nicht, dass die Politik auslote, was für die Tourismuswirtschaft möglich ist. „Wir brauchen kleine Schritte der Öffnung auch als Signal an unsere Unternehmer, dass sich Investitionen lohnen.“

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Umsatzeinbußen von bis zu 95 Prozent befürchtet

Wenn das Sommergeschäft komplett ausfalle, „werden wir ein Unternehmenssterben erleben“, so Schmude.

„Wir sind die Branche, die als erste in die Krise hineingerutscht ist und als letzte herauskommen wird“, sagt Rabe. Er befürchtet Umsatzeinbußen von bis zu 95 Prozent und macht klar, was auf dem Spiel steht: „Wir machen vier Prozent des Bruttosozialprodukts aus und beschäftigen allein in Deutschland drei Millionen Menschen.“

Hoffnungen wecken nun die Lockerungen. Vom 9. bis zum 22. Mai soll das Gastgewerbe kontrolliert geöffnet werden. Den Auftakt machen die Restaurants, Hotels folgen zumeist etwas später. In einigen Bundesländern nehmen Hotels bereits ab Mitte Mai wieder Gäste auf. Urlaub im Hotel – was demnächst möglich ist.

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Die drei Szenarien der Tourismusbranche

Es gibt vom „Kompetenzzentrum Tourismus eine Analyse in drei Varianten:

  • ein optimistisches,
  • ein realistisches und
  • ein pessimistisches Szenario.

Die optimistische Variante sah ein Ende des Lockdowns bis Ende April vor. Beim realistischen Szenario macht die Branche bis September 35 Prozent des Umsatzes von 2019, in der pessimistischen Variante 20 Prozent.

Der Reiseriese Tui hängt am Tropf des Staates, die Lufthansa braucht Milliardenkredite. Zuletzt hatten die Wirtschaftsminister von Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern klar gemacht, dass sie die Sommersaison nicht abgeschrieben haben. „Wir brauchen schnellstmöglich einen verlässlichen, Plan, wie wir die schrittweise Lockerung der Einschränkung gestalten“, mahnt aber Bareiß.

Die Crews sind in die Kabinen der Passagiere umgezogen

Kapitän Boris Becker hätte sich nie träumen lassen, „dass ich einmal glücklich bin, keine Gäste an Bord zu haben.“ Nun hat er sie sicher und gesund nach Hause verabschiedet, und die „Aida Perla“ liegt mit weiteren zehn Kreuzfahrtschiffen vor Barbados vor Anker. Das Gros der Crew blieb an Bord und hält das Schiff in Schuss. Die Besatzung ist in die Kabinen der Passagiere eingezogen. „Alle haben Meerblick.“ Alle warten ab, warten auf Gäste.

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