Kolumne Single Mom

In der Notaufnahme sind alle Eltern gleich

In der Notaufnahme stapeln sich am Wochenende schon mal Eltern mit ihren Kindern. Doch der Ort hält interessante Erkenntnisse bereit.

In der Notaufnahme stapeln sich am Wochenende schon mal Eltern mit ihren Kindern. Doch der Ort hält interessante Erkenntnisse bereit.

Foto: dpa/Werner

Einen Tag mit der Tochter in einem überfüllten Wartezimmer der Kinderrettungsstelle bedeutet Digital Detox, Geduld und Demut – gut so.

Berlin. Der Samstag ist perfekt geplant. Treffen mit den Freundinnen, ein Abendkleid bei einer Bekannten abholen, danach vielleicht gefühlt entspannt etwas Schönes kochen (Champignons, Lauch und Lachs säumen den Kühlschrank) – doch plötzlich humpelt die fünfjährige Tochter. Erster Reflex: komisch.

Zweiter: die gewöhnliche Panik. Beinbruch, Zerrung, Blinddarm, Not-OP. Dritter: Entspannung. Nicht die Helikopter-Mutter sein. Einen Keks essen. Den eingemotteten Kinderwagen aus dem Keller holen. Die Kellertreppe hochschleppen. Die Tochter aus dem dritten Stock runterschleppen. Babypuppe vergessen.

Wieder hoch, wieder runter. Und den Tag wie geplant durchziehen. Am Nachmittag dann aber die Erkenntnis an einer überfüllten Kreuzung in der Innenstadt, gerade auf dem Weg zur Bekannten mit dem Kleid: Es geht nicht. Sie weint, mein armes Kind, sie kann nicht laufen, sie klagt über Beinschmerzen.

Und – wie sollte es auch anders sein – es ist Feiertag. Also fahren wir in die Kinderrettungsstelle. Fünf Kilometer in die falsche Richtung. Die BVG-App zeigt drei Mal umsteigen an. Wir fahren dorthin, wo sich Eltern und Kinder an solchen Tagen gewöhnlich stapeln. Ich fühle telefonisch aus der Bahn kurz vor: „Momentan beträgt die Wartezeit vier Stunden“, sagt die Schwester ohne Betonung in der Stimme. „Danke“, sage ich tapfer. „Wir sind unterwegs.“

„Drei Stunden Wartezeit mindestens“

Dort angekommen entfaltet das Wartezimmer des Grauens das Spektrum seiner tristen Energie. PVC-Boden, Stuhlreihen an der Wand, Bilder, die ohne ersichtlichen Zusammenhang aufgehängt wurden. Und mindestens 50 Elternpaare. Einige wiegen ihr Kind tröstend im Arm, blicken fast apathisch Richtung Anmeldung, von welcher der Nächste aufgerufen wird, andere weisen die herumlaufenden Geschwisterkinder zurecht.

„Beide sind auf dem Bett gesprungen“, erzählt mir die Mutter, die neben mir sitzt, resigniert und deutet auf ihre beiden kleinen Söhne. Beide haben Mullbinden um die Stirn gewickelt. „Ich habe auch einen Sohn“, sage ich zu ihr. Mehr müssen wir nicht sagen, um uns zu verstehen. Meine Tochter wirkt okay, sie sitzt in ihrem Kinderwagen und isst die Kekse, die ich im Automaten für sie gezogen habe.

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Da sie bei Bewusstsein ist, so deutete es die Schwester bei der Anmeldung an, sind wir kein Notfall. „Bedeutet“, frage ich. „Drei Stunden Wartezeit mindestens“, antwortet sie. „Stand jetzt.“ Und so heißt es für mich, wieder tief auf den Hintern zurücksetzten.

Auch der Vater mit der Chef-Ansage vor mir hat bei ihr nicht den optimalen Erfolg. „Hier, hallo, wir sind privat versichert, wir zahlen gerne auch das Einzelzimmer“, ruft er ungelenk rein. „Es geht nach Dringlichkeit, wir rufen sie auf“, watscht ihn die Schwester ab.

Erkenntnis des Tages ist tief beruhigend

Und so sitzen wir da. Stundenlang. Mit Filterkaffee aus dem Automaten und starren in die Leere. Wichtige Erwähnung: Mein Smartphone (wie alle anderen) zeigt E statt 4G an – zu langsam, um News-Seiten zu lesen, geschweige denn Videos zu schauen, zu viel, um es nicht alle zwei Minuten doch noch mal zu versuchen. Wlan – Fehlanzeige.

Fragen traut sich eh keiner mehr. Und so habe ich an diesem Tag Zeit, mir Gedanken zu machen. Über eine Gesellschaft mit gerechter Teilhabe und absoluter Gleichheit. Auf eine Art ist angenehm und entspannend, dass es hier fair zugeht.

Niemand, der sich mit der Freiheit von Visa auf die Business Class und die Star-Alliance-Lounges reinkaufen kann. Keiner, der sich auf die erste Klasse, die Junior-Suite upgraden darf, während Dutzende andere Bänke zu Betten umfunktionieren müssen.

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Vor der Anmeldung in der Kinderrettungsstelle sind alle Eltern gleich. Kein Vater und keine Mutter, die durch unentgeltliche Elternarbeit den Kita-Platz bekommen, während andere dringend für Geld arbeiten müssen. Niemand, der sich seinen Status durch Schulwahl, Auslandssemester „sponsored by daddy“, Kontakte und freundliche Spenden Praktikumszusagen für sein Kind sichern kann.

Wer es in der Anmeldung der Rettungsstelle zu etwas bringen will, hält sich lieber zurück und wartet wie alle anderen. Auf eine Art empfinde ich diese Erkenntnis im Rückblick an diesem Tag als tief beruhigend.

Nachtrag: Sechs Stunden später waren die Tochter und ich wieder auf dem Rückweg. Sie hatte einen Hüftschnupfen. Völlig harmlos. Hüftschnupfen. Man lernt nie aus. (Caroline Rosales)