Karlsruhe/Berlin

BGH kippt Mordurteil gegen Raser

In Berlin lieferten sich junge Männer ein Rennen, ein Unbeteiligter starb. Richter: kein Vorsatz

Karlsruhe/Berlin. Sie lieferten sich ein Wettrennen mitten in Berlin. Mit 170 Stundenkilometern rasten sie über elf Kreuzungen mit mehreren roten Ampeln und fuhren einen 69-Jährigen tot. Als das Berliner Landgericht die beiden Raser wegen Mordes verurteilte, war das eine Sensation. Doch diese Entscheidung hat der Bundesgerichtshof (BGH) kassiert: Das deutschlandweit erste Mordurteil gegen Raser ist aufgehoben.

Er sei „jetzt sehr enttäuscht“, sagt Maximilian Warshitsky (37), der Sohn des Getöteten. Er hatte darauf gehofft, dass der Tod seines Vaters weiterhin als Mord eingestuft wird. Das Landgericht war der Ansicht, dass die Raser den Unfall billigend in Kauf genommen hätten, um das Rennen zu gewinnen. Die Autos waren in den Augen der Berliner Richter nichts anderes als Mordwaffen. Doch der BGH sieht keine Belege für einen Vorsatz – und der ist Voraussetzung für ein Mordurteil. Die Angeklagten hätten den tödlichen Ausgang des Rennens erst erkannt und billigend in Kauf genommen, als sie auf die Unfallkreuzung fuhren – zu diesem Zeitpunkt sei es zu spät gewesen.

Die beiden Raser werden das Urteil mit Erleichterung aufnehmen. Die damals 24 und 26 Jahre alten Männer waren in der Nacht zum 1. Februar 2016 viel zu schnell und unter Missachtung aller Verkehrsregeln auf der bekannten Einkaufsstraße Kurfürstendamm unterwegs, als einer von ihnen mit seinem Audi A6 gegen einen von rechts kommenden Jeep prallte. Der Geländewagen wurde mehr als 70 Meter weit geschleudert, Zeugen beschrieben die Szenerie damals als „Schlachtfeld“. Der unbeteiligte Fahrer starb noch an der Unfallstelle. Maximilian Warshitsky, der im Prozess als Nebenkläger auftrat, leidet noch immer am sinnlosen Tod seines Vaters.

Handelten die Raser fahrlässig, oder nahmen sie den Tod Unbeteiligter in Kauf? Um diese Frage drehte sich schon die Verhandlung am Landgericht. Die Kammer war überzeugt, dass sie vom Letzteren auszugehen hatte. Den beiden Angeklagten sei klar gewesen, wie gefährlich ihr Handeln ist. Ganz bewusst hätten sie alle Bedenken in den Wind geschlagen, sie „waren entweder mit dem Eintreten des möglichen Schadens einverstanden oder haben sich zumindest damit abgefunden, dass er eintreten könnte“, sagte Richter Ralph Ehestädt vor einem Jahr bei der Urteilsbegründung. In der Konsequenz wurden die jungen Männer zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt.

Der BGH verwies die Sache nun zur Neuverhandlung ans Landgericht zurück. Die beiden Raser können auf eine wesentlich mildere Strafe hoffen, weil im neuen Prozess mit hoher Wahrscheinlichkeit auf fahrlässige Tötung entschieden wird. Ihnen drohen nur noch höchstens fünf Jahre Haft. Maximilian Warshitsky will wieder als Nebenkläger teilnehmen. „Auch wenn da alle Emotionen wieder hochkommen und ich den Angeklagten wieder gegenübersitzen muss: Ich bin das meinem Vater schuldig.“

Entscheidendist der Einzelfall

Trotz des BGH-Urteils können Raser jedoch weiterhin als Mörder verurteilt werden. „Maßgeblich sind jeweils die Umstände des Einzelfalls“, sagte Richterin Beate Sost-Scheible. So verhandelte der BGH gestern ebenfalls den Fall eines jungen Frankfurter Rasers, der ebenfalls einen Autofahrer getötet hatte. Für diesen Raser könnte es eine schärfere Strafe geben: Der BGH gab der Revision der Staatsanwaltschaft statt, die auf vorsätzliche Tötung plädiert hatte.

Außerdem können Teilnehmer an illegalen Autorennen neuerdings mit bis zu zehn Jahren Haft bestraft werden. Das Strafgesetzbuch wurde nach dem Berliner Fall verschärft – die Regelung kann für die beiden Raser aber nicht mehr angewandt werden.