Berlin

Hirntote Frau bringt Baby zur Welt

Schwangere war unheilbar an Hirnhautentzündung erkrankt. Fünf Tage hatten die Ärzte sie am Leben erhalten

Berlin. Am Sonnabend vor einer Woche haben sie eine Babyparty gefeiert, ein Fest, bei dem die Mutter Geschenke für ihr ungeborenes Kind bekommt. Am Tag danach klagte Franziska Lemcke über Nackenschmerzen. Eine Woche später war sie tot. Sie starb mit 25 Jahren an einer durch Pneumokokken ausgelösten Hirnhautentzündung im Klinikum Berlin-Neukölln. Fünf Tage lang hatten die Ärzte sie am Leben erhalten, um das Baby zu retten. Am Freitag kam Leonie-Franziska zur Welt, acht Wochen zu früh, aber gesund. Zwei Tage später wurden die Maschinen, die ihre Mutter am Leben erhielten, abgestellt.

„Ich bin jetzt alleinerziehender Vater von drei Kindern.“ Dominik Lemcke sagt diesen Satz, als müsse er sich selbst wieder und wieder bewusst machen, was das bedeutet. Die Familie hat zwei Söhne, Elias (3) und Louis (2). Vater Dominik hat gerade eine Ausbildung als Lokführer begonnen. Seine Frau habe in den letzten Monaten zwar unter Schwangerschaftsübelkeit gelitten, sagt Dominik Lemcke. Aber nichts habe auf eine schwere Erkrankung hingedeutet. Sie habe zwischenzeitlich Fieber bekommen und einen starken Husten. „Wie halt alle Grippe haben im Moment“, dachte Dominik Lemcke. Nach zwei, drei Wochen fühlte sie sich wieder fit. Der Familienvater freute sich, dass er die Überraschungsparty nicht absagen musste.

Der Vater sagt den Kindern: „Mama ist bei den Engeln“

Auch die Probleme mit dem Nacken am nächsten Morgen machten ihnen keine Sorgen. Sie habe wohl Zugluft abbekommen, mutmaßte Franziska Lemcke. Doch dann, am Dienstag, bekam sie extreme Kopfschmerzen – so stark, dass ihr Mann den Notarzt rief. „Eine Stunde später hat sie mich schon nicht mehr erkannt“, sagt Dominik Lemcke.

Pneumokokken sind Bakterien, die schwere Infektionen verursachen können, eine Mittelohr- oder Lungenentzündung. Oder eine Hirnhautentzündung, zu Beginn oft an typischen Symptomen wie einem steifen Nacken und starken Kopfschmerzen erkennbar. Im Verlauf trübt sich oft das Bewusstsein ein, bis hin zur Bewusstlosigkeit. Deshalb werden bei Verdacht auf bakterielle Hirnhautentzündung sofort Antibiotika gegeben, die aber bei Franziska Lemcke nicht anschlugen.

Dominik Lemckes Stimme bricht, als er von den Momenten am Bett seiner Frau erzählt. Die Ärzte hätten ihm schon zwölf Stunden nach der Einlieferung ins Krankenhaus gesagt, „dass in ihrem Gehirn nichts mehr funktioniert“, sagt er. Aber der 29-Jährige blieb neben seiner Frau sitzen, hielt ihre Hand und sprach mit ihr. „Ich weiß nicht, ob sie etwas mitbekommen hat“, sagt er. Wenn Familie und Freunde ihn danach fragten, sagte er einfach nur: „Ich hoffe, das etwas ankommt.“

Familie und Freunde sind es auch, die ihm jetzt Halt geben. Sie kümmern sich um die Kinder, wenn er Zeit braucht. Nach ein paar Stunden aber ist der Vater wieder bei Elias und Louis. „Sie brauchen mich jetzt ganz besonders“, sagt er und erzählt von einem Moment am Vortag, als sein Dreijähriger im Auto plötzlich „Mama Kussi geben!“ rief und der Vater ihm sagen musste: „Das geht jetzt nicht mehr.“ Die Kinder können noch nicht wirklich verstehen, was passiert ist, das weiß der Vater. „Die Mama ist jetzt bei den Engeln“, so habe er ihnen erklärt, dass ihre Mutter nicht mehr da ist.

Von diesem Mittwoch an sollen die beiden wieder in die Kita gehen. Dominik Lemcke hofft, dass der Alltag ihnen hilft. Er selbst hat im Moment kaum Zeit, darüber nachzudenken, wie es für die Familie weitergehen soll. Er muss so vieles organisieren, die Besuche beim Bestatter, die Vorbereitung der Trauerfeier. Und dazu noch die Gespräche mit der Arbeitsagentur: „Die Ausbildung zum Lokführer musste ich abbrechen“, sagt Dominik Lemcke. Sie nur zu unterbrechen, hatte keinen Sinn: „Lokführer arbeiten im Vierschichtsystem, das ist als alleinerziehender Vater mit drei Kindern nicht zu machen.“ Er hoffe auf das Verständnis der Arbeitsagentur, sagt er, „dass sie das Menschliche berücksichtigen“ und ihm Zeit geben, sich um seine Familie zu kümmern. Erst einmal wolle er in Elternzeit gehen.