Berlin

Autofahrer greift Lebensretter an

23-Jähriger rastet aus, weil Rettungskräfte seinen Wagen zuparkten – um ein kleines Kind wiederzubeleben

Berlin. Das Verhalten des Mannes ist allen, die dabei waren, ein Rätsel. Wie kann jemand derart egoistisch sein? Ein wütender Autofahrer ist in Berlin ausgerastet, weil Sanitäter sein Auto zuparkten – während sie ein Kleinkind wiederbelebten. „Unfassbar und unmenschlich“, schimpft der schockierte Vater des Jungen.

Der Vorfall ereignete sich am Freitag vor einem Kindergarten unweit des bekannten Tiergartens. Beim Spielen in der Kita „Die Wilde 13“ bricht plötzlich ein 18 Monate altes Kind zusammen. Herzkammerflimmern, lautet später die Diagnose. Der Junge liegt regungslos auf dem Boden, er schwebt in höchster Gefahr. Die entsetzten Tagesmütter rufen den Notarzt. Die Sanitäter parken in zweiter Reihe auf der Straße, eilen ins Gebäude und tun alles, um das Kind zu reanimieren. Soweit ein trauriger, aber aus Sicht der Sanitäter normaler Einsatz. Doch draußen kommt es zum Eklat. Ein 23-Jähriger will seinem Wagen losfahren, kommt jedoch nicht weg, weil ihn der Rettungswagen blockiert. Der Autofahrer weigert sich, zu warten, bis das Kind ins Krankenhaus gebracht wird. Er steigt aus, brüllt herum und tritt in seiner Wut den Außenspiegel des Rettungswagens ab. Laut der Berliner Boulevardzeitung „B.Z.“ stellt er sich einem der Helfer in den Weg, als der gerade den Notfallkoffer mit der Beatmungsmaske holen will. „Verpisst euch, ich muss zur Arbeit“, habe der 23-Jährige geschrien. „Ich habe ihm erklärt, dass wir gerade ein Kind reanimieren und den Rettungswagen jetzt nicht wegfahren können“, sagte der Sanitäter zur „B.Z.“. „Doch der hat sich drohend vor mir aufgebaut, als ob er gleich zuschlagen will.“ Schließlich habe der Autofahrer getobt: „Mir egal, wer hier gerade reanimiert wird!“

Die Rettungskräfte rufen in ihrer Not die Polizei. Erst als die Beamten anrücken, können Sanitäter und Notarzt ihren Einsatz zum Ende bringen. Mit Herzdruckmassage und Sauerstoff gelingt es ihnen, den Jungen zurück ins Leben zu holen.

Psychologe registriert zunehmenden Egozentrismus

Die Sanitäter haben eine Anzeige wegen Sachbeschädigung erstattet. Der Junge liegt nach Informationen der „Bild am Sonntag“ seit dem Vorfall im künstlichen Koma. Der Vater (40) sagte über den Pöbler zu der Zeitung: „Es ging um das Leben meines Sohnes, und er dachte nur an sich.“

Der Vorfall reiht sich ein in eine ganze Liste ähnlicher Ereignisse. Im September etwa hinderte eine Gruppe von bis zu 60 Personen Rettungskräfte in Frankfurt daran, einen jungen Mann wiederzubeleben, der in der Innenstadt kollabiert war. Die Polizei musste mit einem Großaufgebot gegen die Gruppe vorgehen. Der 19-Jährige war Drogenkonsument, unter den Störern befanden sich offenbar einige Dealer – was die Gruppe dazu bewogen hat, die Rettungskräfte zu behindern, ist Gegenstand polizeilicher Ermittlungen.

Sanitäter klagen, dass Pöbeleien und Gewalt gegen Rettungskräfte zugenommen hätten. Häufig seien Alkohol und Drogen im Spiel, heißt es vom Deutschen Roten Kreuz (DRK). Die Hamburger Kriminologin Lara Dressler hat zu diesem Thema geforscht. In ihrer Doktorarbeit stellte sie fest, dass innerhalb der Branche ein erheblicher Wunsch nach zusätzlichen Schulungen besteht. Die Gewaltbelastung für Rettungskräfte sei noch stärker als angenommen, denn häufig würden strafrechtlich relevante Fälle gar nicht erst zur Anzeige gebracht.

Eskalationen wie in Berlin sind jedoch selbst für abgeklärte Rettungskräfte eine Seltenheit. Unabhängig vom aktuellen Fall sagt der Frankfurter Verkehrspsychologe Peter Fiesel: „Ich beobachte einen zunehmenden Egozentrismus in der Gesellschaft, während Mitgefühl und Rücksichtnahme schwinden.“