Misshandlungen

Das Leid der Regensburger Domspatzen

Die Regensburger Domspatzen sind weltweit berühmt

Die Regensburger Domspatzen sind weltweit berühmt

Foto: dpa Picture-Alliance / Armin Weigel / picture alliance / dpa

Mindestens 231 Sängerknaben waren Opfer von Gewalt – Bruder des Papstes Georg Ratzinger wusste offenbar Bescheid.

Regensburg.  Bei den Regensburger Domspatzen haben Priester und Lehrer über Jahrzehnte mindestens 231 Kinder geschlagen, gequält oder sexuell missbraucht. Das gab der Rechtsanwalt Ulrich Weber am Freitag bekannt, der von der katholischen Kirche und dem weltberühmten Chor mit der Aufklärung des Skandals betraut wurde. Die in seinem Zwischenbericht genannte Zahl der Misshandlungsfälle ist wesentlich größer als bisher angenommen. Weber geht davon aus, dass die Dunkelziffer noch deutlich höher liegt. Er rechnet damit, dass etwa jeder dritte der rund 2100 Schüler der Spatzen zwischen 1953 bis 1992 unter körperlicher Gewalt litt.

Die Zahl der Missbrauchsopfer, die sich bei ihm melden, wächst derzeit noch täglich weiter an. Allein in dieser Woche meldeten sich sechs weitere bei ihm. Doch schon jetzt wird deutlich, dass es über Jahre zu massiver Gewalt an den Chormitgliedern und Schülern des Internats kam. „Es herrschte in diesen Jahren ein System der Angst“, sagt der Rechtsanwalt. Er könne auch nicht sagen, wann seine Recherche abgeschlossen sei. Auch die Opfer sollen in einem neu zu schaffenden Gremium daran mitbestimmen.

Es geht um jenen weltberühmten Chor, der vor über 1000 Jahren gegründet wurde, schon in Japan und im Vatikan auftrat. Wer ihn hören will, kann zum Beispiel bei den Domspatzen selbst in Regensburg anrufen. In der Warteschleife läuft ein schöner Choral der Spatzen. Doch wer dann eine Reaktion zu den Missbrauchsvorwürfen Webers möchte, bekommt ein wirsches „Moment“ zu hören – und landet auf einem Anrufbeantworter. Aus Bistumskreisen ist zu hören, dass in der Tat die Zahl der Anmeldungen für den Chor zurückgegangen sei.

Doch die Arbeit Ulrich Webers ist Teil einer Transparenzoffensive der katholischen Kirche und des Bistums Regensburg. Erstmals waren im März 2010 Meldungen über Missbrauchsfälle bekannt geworden, deren Täter waren schon damals gestorben. Vier Jahre später, im November 2014, erkennt das Bistum Regensburg offiziell 30 Opfer an, die durch Mitarbeiter der Kirche als Kinder sexuell missbraucht worden seien. Im Mai 2015 schließlich nahm der Anwalt mit Dutzenden Opfern, Verantwortlichen und dem Missbrauchsbeauftragten des Bistums Regensburg Kontakt auf.

Er bekam Einblick in Geheimarchive und Personalakten des Bistums und begann eine intensive Recherche, die noch immer nicht abgeschlossen ist. Der Jurist, der seit Jahren auch für die Opferorganisation Weisser Ring arbeitet, betont, dass die jetzige Zusammenarbeit mit dem Bistum konstruktiv und zielführend sei. „Das läuft alles transparent ab“, sagte er dieser Zeitung.

Mindestens 50 der 231 Kinder wurden sexuell missbraucht

Der Anwalt hat sich zum Ziel gesetzt, möglichst alle noch lebenden Opfer zu einer Aussage zu bewegen. Nach seinen Recherchen wurden 50 der 231 bislang ermittelten misshandelten Kinder auch Opfer sexueller Gewalt. Viele Kinder hätten von Prügeln, blutigen Schlägen mit Rohrstock, Schlüsselbund oder Siegelringen berichtet. „Bettnässern wurde die Flüssigkeitsaufnahme verweigert“, sagte Weber. Zudem seien Mitschüler bei Ermittlungen zu Falschaussagen gedrängt worden. Strafrechtlich sind die meisten Taten verjährt. Bischof Rudolf Voderholzer hatte erklärt, die Straftaten anzuerkennen und den Opfern ein Schmerzensgeld in Höhe von jeweils 2500 Euro zu zahlen.

Der inzwischen 91 Jahre alte Georg Ratzinger, Bruder des zurückgetretenen Papstes, war von 1964 bis 1994 Domkapellmeister der Spatzen. Auf die Frage, ob Ratzinger die Missstände bekannt gewesen seien, sagte Sonderermittler Weber: „Davon muss ich ausgehen.“ Ratzinger hält sich aktuell in Rom auf und war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. „Einer der gravierenden Fälle kam 1987 ans Licht“, sagt Weber. „Doch Ratzinger tadelte, ließ aber keine personellen Konsequenzen folgen.“

Dem widerspricht, was Georg Ratzinger in einem früheren Interview der „Passauer Neuen Presse“ vor fast sechs Jahren gesagt hatte. Darin bekräftigte er, dass er von den bekannt gewordenen Fällen sexuellen Missbrauchs bei den Domspatzen nichts gewusst habe – auch nicht gerüchteweise. Bis Ende der 70er-Jahre habe er aber selbst hin und wieder Ohrfeigen verteilt. Zur Begründung seiner damaligen Verhaltensweise sagte er: „Früher waren Ohrfeigen einfach die Reaktionsweise auf Verfehlungen oder bewusste Leistungsverweigerung.“ Doch sei er froh gewesen, als zu Anfang der 80er-Jahre körperliche Züchtigungen vom Gesetzgeber ganz verboten wurden: „Daran habe ich mich striktissime gehalten, und ich war innerlich erleichtert.“