Deutsche Bahn

Der ganz normale Bahnsinn: Hamburger lebt drei Tage im Zug

Alle meckern über die Deutsche Bahn – aber wie ist sie wirklich? Sören Sieg hat es drei Tage protokolliert. Eine Multimedia-Reportage.

Als ich 18 war, machte ich keinen Führerschein, sondern fuhr mit dem Zug von Hamburg nach Istanbul, drei Tage und Nächte. Durch Deutschland, Österreich, Jugoslawien und Bulgarien. Stundenlang stand ich im Gang am heruntergeschobenen Fenster, hielt meinen Kopf in den Fahrtwind, guckte nach draußen und genoss ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit.

31 Jahre später fahre ich wieder drei Tage und Nächte mit der Bahn – kreuz und quer durch Deutschland. Um zu erfahren: Wie überfüllt und unpünktlich ist die Bahn wirklich? Wie unfreundlich sind die Mitarbeiter, wie entnervt die Passagiere? Worüber reden sie am dritten Adventswochenende? Reden sie überhaupt miteinander?

Die Bahn spaltet. Das merke ich schon, als ich von meinem Plan erzähle. „Oh, Papa, ich bin so neidisch!“, seufzt meine Tochter, „das würd ich auch gerne machen. Bahnfahren ist doch so meditativ!“ Meine französische Freundin Mathilde dagegen: „Was für ein Horror! Wer hat dich denn dazu gezwungen?“ Und meine Mutter: „Oh, Gott, wie furchtbar! Pack dir bloß dicke Strümpfe und Ohrwärmer ein! Falls wir doch noch ’n Wintereinbruch kriegen. Und Tee, denn der ist in der Bahn auch nur lauwarm und schmeckt furchtbar. Und wo schläfst du?“ In drei Nachtzügen. Mein Sohn: „Papa, aber wo willst du DUSCHEN?“ Na ja, sage ich, man muss sich ja nicht jeden Tag duschen, man kann sich ja auch mal waschen. „Papa! Du willst drei Tage nicht duschen? Das geht gar nicht. Und wunder dich bitte nicht, wenn dann niemand mit dir reden will.“

Sonnabend früh um fünf klingelt der Wecker. Bis zwei Uhr nachts habe ich gepackt. Macht genau drei Stunden Schlaf. Kein Wunder, dass ich zehn Minuten hektisch mein Portemonnaie suche, obwohl ich es bereits in den Koffer getan habe, zu den Büchern „100 legendäre Bahnstrecken“, „Legendäre Luxuszüge“ und „Legendäre Eisenbahnreisen“. Lauter Legenden, von denen noch nie jemand gehört hat.

Kurz vor sechs bin ich zu Fuß mit Koffer und Rucksack am Dammtor und hole mir drei Brezeln beim Bäcker, der schon seit fünf Uhr aufhat. Der Dammtorbahnhof hat den vermutlich einzigen Fahrstuhl der Welt, der einen regulären Halt auf einem Treppenabsatz hat. Überdies müssen sich die kofferbepackten Fahrgäste, Rollstuhlfahrer und Radfahrer den Aufzug mit den Mitarbeitern von McDonald’s teilen. Wie oft bin ich mit meinen LaLeLu-Koffern in den Fahrstuhl gestiegen, drückte auf „Bahnsteig“ und erlebte, wie der Fahrstuhl stattdessen in den Keller fuhr, wo ein McDonald’s-Mann mit einem großen Küchenwagen mich hilflos anlächelte. Für uns beide war der Aufzug zu klein, also hatte niemand etwas von dem Umweg.

Ab Dammtor 6:05 Uhr, ICE 71 nach Basel

Mein Abteil ist leer, die Platzreservierung für 4,50 Euro hätte ich mir sparen können. Die anderen Plätze sind laut Anzeige „ggf. reserviert“. Das wäre ein schöner Wetterbericht: Morgen gibt es ggf. Sturm. Oder eine Konjunkturprognose: Nächstes Jahr gibt es ggf. Wachstum. Am Hauptbahnhof führt ein junger Mann eine sehr betrunkene Frau in Zeitlupe den Bahnsteig entlang. Der Mülleimer ist bereits überfüllt. Direkt vor meinem Fenster wartet eine junge Frau mit zwei sehr großen Hunden. Ich fürchte, dass sie einsteigt, sie bleibt aber sitzen.

Wir durchfahren den Hafen und queren die Elbbrücken. Schade, dass die Fenster sich nicht hinunterschieben lassen.

Ich schlendere durch die Wagen, die meisten Fahrgäste schlafen: sitzend, halb liegend, mit Schlafbrille, eingemummelt in eine Jacke, den Kopf zur Seite gedreht oder das Kinn auf der Brust, manche lang ausgestreckt über drei Sitze im abgedunkelten Abteil. Manche auch einfach mit Schuhen oder Stiefeln auf dem gegenüberliegenden Sitz. Ich ärgere mich, sage aber nichts. Und ärgere mich, dass ich nichts sage.

7:45 Uhr, Hannover

Ein Pärchen steigt zu. Sie – Ende 40, sportlich, Jeans, Kurzhaarschnitt – hat keine Minute Ruhe, tippt auf ihrem iPhone, scrollt, surft, hört Musik, fängt an zu tanzen, tanzt ihn an, springt auf, geht im Gang auf und ab, kommt zurück und erzählt, wie sehr sie das Seminar nervt, was sie geben muss: „Ich fühle mich total eingeengt dadurch!“ Er – Wollpullover, graue Schläfen – sitzt einfach nur da. Guckt. Und schweigt. Loriot pur.

Meine erste Zugstatistik: In der 2. Klasse plus Restaurant sind gerade mal 176 Fahrgäste (Sonnabend!) in sieben Waggons. 48 schlafen, 45 beschäftigen sich mit ihrem Smartphone, 31 mit Laptop oder Tablet, 28 lesen Zeitung oder Zeitschrift (die Hälfte löst Kreuzworträtsel), nur elf lesen ein Buch (gut, dass ich Autor geworden bin!). Einer spielt Schach. Die anderen gucken ins Leere. Sieben junge Fans stehen im Gang, trinken Bier und sind hellwach: „Olé Olé Olé – Hertha BSC!“ Als ich mich durchschlängele, fragt einer: „Kommscht durch? Kommscht durch?“ Und ruft mir hinterher: „Du muscht den Leitzins erhöhen! DEN LEITZINS!“ Ein junger, biertrinkender Fußballfan. Einer der letzten Abonnenten des „Handelsblatts“?

9:30 Uhr

Irgendwie schafft die Bahn es nicht mit dem WLAN. Es gibt eine Geschichte von Horst Evers, wo jemand behauptet, im Inneren seiner Sporttasche sei guter Empfang, und alle stecken nacheinander ihren Kopf in die Sporttasche, um dort zu telefonieren. Hier zeigt mein Laptop volles Signal, aber in Wahrheit gibt es keines. Dafür schirmt der Zug die Funkverbindung meines Smartphones ab.

Das Bahn-Magazin „mobil“ hat eine Titelstory über Barbara Schöneberger. Jeden Monat bekommt ein Promi die Gelegenheit zur Eigenwerbung. Über Veronica Ferres hieß es einmal, sie liebe ihre Kinder so sehr, dass sie sogar Ins-Bett-Bringen und Gute-Nacht-Lied-Vorsingen in ihren Kalender eintrage. Im nächsten Heft zwang Ferres „mobil“ zu einer Gegendarstellung: Es sei gänzlich unwahr, dass sie ihre Kinder wie Geschäftstermine behandele. Auch ohne Termin singe sie ihnen etwas vor.

10 Uhr, Frankfurt

Das Paar steigt aus, es kommt ein Endzwanziger mit schickem Mantel, Bart, Hornbrille. Er schreibt in Mannheim seine Doktorarbeit über die Griechenlandkrise. „Entweder wir gehen komplett raus und lassen sie pleitegehen, dann müssen sie sich selbst erholen. Oder wir pumpen noch mal richtig Geld rein. Ob das was bringt, versuchen wir gerade auszurechnen.“ Der Fehler sei aber viel früher passiert: „Man hätte 1996 einen Pleitefonds einrichten müssen, in den alle hätten einzahlen müssen, auch die Griechen, dann wären sie vielleicht etwas vorsichtiger mit dem Geldausgeben gewesen.“ Wie konnte es denn passieren, frage ich, dass wir für die griechischen Schulden aufkommen, obwohl der Euro gegründet wurde mit der Auflage, dass genau dies verboten sei? Er lacht. „Unter Ökonomen war von Anfang an klar, dass die No-Bail­out-Klausel nicht durchsetzbar ist. So eine Regel ist zeitinkonsistent. In dem Moment, wo man sie anwenden müsste, will niemand sie mehr anwenden.“

11:05 Uhr, Zugrestaurant

Einen Tisch weiter sitzt eine Mutter mit einem kleinen Mädchen, das eine dicke Brille trägt und ganz langsam und genüsslich die Speisekarte zerknüllt. Die Mutter lächelt und sagt nichts, die Kellnerin sagt auch nichts, bringt dem Mädchen sogar noch ein Ausmalbuch und Stifte.

Ich lobe die Kellnerin über den grünen Klee, dass die Bahn ihr veganes Angebot von null im März über eins im April (Spaghetti mit Tomatensoße) auf drei gesteigert hat, und bestelle Süßkartoffeln mit buntem Getreide und Tofu. Schlimm, wenn man nicht mal mehr über das Zugrestaurant lästern kann. Ob Comedy oder Kabarett, Bahnpointen sind ebenso unverzichtbar wie Scherze über Dicke, die FDP, Blockflöten und Bankster.

„Sie leben vegan? Darf ich fragen, warum?“, fragt ein Mann über zwei Tische hinweg und gesellt sich zu mir. Ende 50, Glatze, buntes Hemd. Er liest gerade ein Buch über „Paläopower“, also Steinzeitdiät: Nur noch essen, was es schon in der Steinzeit gab. Der menschliche Organismus könne nicht in einer Generation ändern, was er sich in 100.000 Jahren angewöhnt habe, erklärt er. Das gelte für vieles. „Was mich besonders belastet, ist dieser Elektrosmog. Und wirklich brutal“, flüstert er, „ist dieses WLAN. Das macht mich ganz nervös und matschig.“

Auch Beton sei gefährlich. „Betonhäuser saugen Energie. Kennen Sie Schuster-Häuser? Reine Holzhäuser. Er baut sie von der Wurzel bis zur Krone. Pure Energie!“ Es gebe so viele Gefahren, von denen wir gar nichts wüssten. Ich dürfe zum Beispiel mein Handy nie dabei haben, höchstens in strahlungssicherem Alubeutel. In seinem Reihenhaus stelle er nachts komplett Strom und WLAN ab. „Aber ich habe immer Sorge, dass da noch was vom Nachbarn rüberkommt!“ Deshalb, trägt er todernst vor, schlafe er am liebsten in seiner Holzhütte. „Auf die Schwingung kommt es an!“ Er ist Hörgeräteakustiker. Und im Nebenberuf Clown. Ich kann’s nicht glauben. Ich habe nie einen ernsteren Menschen getroffen.

An Basel Badischer Bahnhof 12:45 Uhr

Pünktlich auf die Minute. Ein deutscher Bahnhof auf Schweizer Boden. In der Nazizeit hängten die Deutschen eine riesige Hakenkreuzfahne draußen auf, die die Schweizer nachts abrissen. Erzählt mir die Schweizer Freundin, die mir in den zwei Stunden Aufenthalt Gesellschaft leistet. Wir sitzen auf den Stufen am Rhein, essen veganes Hagebuttensorbet, lassen uns von der Sonne wärmen und reden über Claude Lanzmanns „Shoah“.

Ab Basel Badischer Bahnhof 14:41 Uhr,IRE 3369 nach Friedrichshafen

In meinem InterregioExpress gibt es keine Steckdose, dafür eine „Kinderspielecke“, die daraus besteht, dass am Fenster, an der Wand und auf dem Tisch lustige Figuren aufgeklebt sind. Und ein Schild: „Achtung, klimatisiertes Fahrzeug!“ Die meisten Gäste behalten ihre Jacken an. Der Zug ist viel lauter als der ICE, obwohl er viel langsamer fährt. Schräg gegenüber sitzt jemand, der genauso aussieht wie Rocko Schamoni und mich ansieht, als denke er darüber nach, dass ich genauso aussehe wie Sören Sieg.

In Bad Säckingen erschreckt mich ein Schweizer mit einer lässig auf Schwyzerdütsch hingeworfenen Ansage: „Alle aussteigen bitte!“

Die Strecke führt direkt am Rhein entlang, vorbei am größten Wasserfall Europas. Die Sonne und die Bäume am Ufer spiegeln sich im Wasser, abwechselnd mit den schönen, alten, vom Krieg unberührten Schweizer Städtchen. Die Schweiz gilt als Eldorado des Bahnfahrens: pünktlich, dicht, hochgetaktet. Allerdings ist sie auch nicht mal so groß wie Niedersachsen. Und die Schweizer selbst finden ihre Bahn viel zu teuer.

Bei Radolfzell erreichen wir den Bodensee und umrunden ihn, ich möchte immerzu fotografieren, für mich ist es die schönste Gegend Deutschlands. Schade, dass man die Fenster nicht öffnen kann. Und dass mir ständig die Augen zufallen (drei Stunden Schlaf!)

An Friedrichshafen Stadt 16:42 Uhr - Ab 16:50 Uhr, RB 22729

Vier aufgebrezelte 17-Jährige setzen sich auf die Nachbarplätze. Sie machen Selfies und schwärmen von Daniel. „Das ist mal ’n Ritter auf’m Pferd. Der kann reiten! Solche Schultern, solche Arme – der ist einfach perfekt!“ Deprimierend, was Frauen attraktiv finden. Zum Glück widerspricht eine: „Ach, der Dani. Der schaut immer nur auf sei Image. Dem kannst net traue.“

An Lindau Hbf 17:22 Uhr

Löwe und Leuchtturm bewachen den Eingang zum einzigen bayerischen Hafen. Der Bahnhof ist praktisch direkt am Wasser, ich gehe ein paar Schritte und höre die Wellen. Es ist schon dunkel, umso stärker leuchten die Lichter von den Bergen auf der gegenüberliegenden Schweizer Seite. Sonnenuntergang von Konstanz her. Überfüllter Weihnachtsmarkt. Im türkischen Imbiss am Bahnhof bestelle ich eine Pommes und einen kleinen Chai. „Einen was?“, fragt der junge Verkäufer. „Einen Chai. Einen kleinen Tee.“ – „Ach so, Tee.“ – „Heißt Chai nicht Tee auf Türkisch?“, frage ich. „Wir sind keine Türken“, sagt der türkisch aussehende Mann, „wir sind aus Bulgarien.“ – „Ah“, sage ich jovial, „was heißt Tee denn auf Bulgarisch?“ – „Ich kann kein Bulgarisch, ich bin hier in Lindau aufgewachsen. Ich mag Bulgarien auch nicht.“ – „Oh“, sage ich, „Sie waren also schon öfter mal da, Familie besuchen?“ – „Nee, ich war noch nie da.“ Merkwürdiges Gespräch. „Doch, einmal“, fällt ihm ein, „eine Woche am Goldstrand. Aber das hat ja nichts mit Bulgarien zu tun.“ Sein Akzent klingt türkisch.

Ab Lindau Hbf 17:58 Uhr, ALX 29315

Der vierte Zug ohne Steckdose. Der Akku des Smartphones gibt auf. Keine Mail, keine SMS, keine WhatsApp mehr. Der Zug ist überfüllt, drei Frauen stehen im Gang, ich bekomme aber noch einen Einzelplatz in einem Abteil mit fünf weißhaarigen Pfundskerlen, die aussehen wie für eine Niederbayern-Serie gecastet: Almöhi-Vollbart oder altbayerischer Schnauzer, Plauze, dicke Wollpullover, Glatze oder Halbglatze, misstrauischer Gesichtsausdruck („Grantler“). Der Schnauzbart liest etwas in einem Kindle, ich frage ihn, was. „Der Gotteswahn“, gibt er zurück. „Von Richard Dawkins. Saugut.“ Danach sah er nicht gerade aus.

Die fünf sind in einem Gesangsverein. Ihre fünf Frauen sitzen im Abteil nebenan und kommen alle 30 Minuten mit Tee und Kaffee rein. Binnen zehn Minuten versuchen wir gemeinsam, das IS-Problem zu lösen. „Die Luftangriffe, des bringt alles nix“, weiß der Schnauzbart. Mer brauchen Bodentruppen.“ – „Aber wer soll des machen?“, fragt der Mann neben mir, der aussieht wie Harry Rowohlt. „I will mein Sohn da net runterschicken und verheizen. Was geht mi das an?“ – „Wieso?“, fragt der Schnauzbart, „mer ham doch die ganzen jungen Syrer jetzt hier. Die bilden mer aus und gebn ihn die besten Waffen, und dann schick’ mer sie z’rück, dass sie gegen die Barbaren kämpfen. Dös hob’n die Polen im Krieg auch so gemacht! Hob’n sich in England ausbilden und bewaffnen lassen, und dann sind sie z’rück, um die Nazis zu besiegen!“ – „Es gibt nur ein Problem“, sagt Harry Rowohlt düster. „Dafür wird es keine Mehrheit in der Regierung geben! Jo, des is scho schwierig.“

Der Mann mit Hosenträgern am Fenster will wissen, wo ich herkomme. Hamburg, sage ich. Ob er schon mal in Hamburg war? „Hamburg? Wo is’ ’n des? Nee, noch nie.“ Mein Gesichtsausdruck entgleist. Er lacht. „Schon sechsmal war i in Hamburg. Hob da ’n oalten Schulkollegen. Hab scho alles g’macht. Große Hafenrundfahrt. ,König der Löwen‘. Miniatureisenbahn.“ Es stellt sich heraus, dass alle regelmäßig Urlaub an der Nordsee machen: Föhr, Borkum, Spiekeroog, Sylt. „Ins Wasser gehn mer net. Aber der Wind, des is ja so herrlich!“

An München Hbf 20:41 Uhr

Ich habe 40 Minuten, um mein Smartphone aufzuladen. Starbucks rettet mich. Am Nachbartisch ein holländisches Pärchen. Die beiden auch schon in Hamburg. „Sie sind doch berühmt für die Elbphilharmonie!“, sagt der Mann aus Den Haag mit holländischem Akzent. „Wir haben auch so was. Unsere Stadt hat ein schönes altes Schiff gekauft und wollte es renovieren lassen für 25 Millionen Euro. Es wurden 250 Millionen Euro.“ Faktor zehn. Kommt mir bekannt vor. Der Holländer hat auch eine Erklärung: „So was bekommen nur Politiker hin: Ich lade euch alle ein! Und das Beste: Es kostet mich nichts!“

Ab München Hbf 21:24 Uhr, RE 4090

„Und? Wie viel Verspätung hast du schon?“, simst eine Freundin aus Kiel. „Noch gar keine“, simse ich zurück. „Hä? Hat die Bahn die Verbindung ausgesucht?“, spottet sie. „Praktisch alle meine Seminarteilnehmer waren zu spät wegen technischer Probleme, eine kam drei Stunden zu spät!“ – „Tut mir unendlich leid“, simse ich, „schon der fünfte Zug, alles auf die Minute pünktlich.“ – „Vielleicht keine repräsentative Strecke?“, antwortet sie. Sie ist leidenschaftliche Autofahrerin. Seit wir uns kennen, streiten wir uns über Auto vs. Zug. Für mich war Autofahren nie eine Alternative. Ich wuchs in Bokholt-Hanredder auf, an der B 5 zwischen Elmshorn und Barmstedt, in den 70er-Jahren, direkt hinter einer Kurve. Jedes Jahr ein tödlicher Unfall direkt vor unserem Haus. Damals brauchten die Rettungswagen länger, wir sahen die Fahrer in den Autos sterben. „Komm mal raus“, sagte mein Bruder einmal, „der verblutet gerade, da kann man das Gehirn sehen!“ In dem Moment war mir klar, dass ich nie einen Führerschein machen würde. Damals gab es bis zu 20.000 Autotote im Jahr. Und wogegen haben wir demonstriert? Gegen das AKW Brokdorf.

Ich lese das „Schwarzbuch Bahn“. Hauptkritik: Die Deutsche Bahn habe in einer Verschwendungsorgie lauter ICE-Hochgeschwindigkeitsstrecken gebaut: Nürnberg–München (3,6 Milliarden), Frankfurt–Köln (6,4 Mrd.), Nürnberg–Erfurt (5,1 Mrd.), Hannover–Würzburg (6 Mrd.), mit äußerst geringem Zeitgewinn. Dafür habe sie Tausende Kilometer von Gleisen und Ersatzgleisen stillgelegt, die Hälfte der Weichen und Kreuzungen abgebaut und die Wartung vernachlässigt, sodass es zu Verspätungen kommt, die den Zeitgewinn gleich wieder zunichtemachen. Reisezentren und Bahnhöfe in der Provinz wurden geschlossen, Fahrpläne ausgedünnt und ganze Regionen vom Fernverkehr abgehängt, um stattdessen für 1,2 Milliarden den neuen Berliner Hauptbahnhof zu bauen.

Klingt einleuchtend. Und doch muss ich die Bahn in Schutz nehmen. Ich bin mit LaLeLu 18 Jahre lang Bahn gefahren, zu über 1000 Auftritten, über 100.000 Kilometer. Wir haben nicht einen Auftritt verpasst, nicht mal einen Soundcheck. Einmal brach im schlimmsten Schneechaos alles zusammen, da mussten wir ein Taxi in Erfurt finden, das uns 100 Kilometer zum Auftrittsort bringt. Aber egal, wie viel Geld wir boten, keiner wollte uns fahren. „Och nö. Is mir zu weit.“ Der Veranstalter musste uns abholen. In Hagen wollte uns von zwölf Fahrern am Taxistand keiner zum Theater fahren: Zu kurze Strecke, zu viel Gepäck. In Hamburg guckte ein Taxifahrer während der gesamten Fahrt auf dem GPS-Display einen Porno. Ich kann 100 Taxi-Desaster erzählen. Aber kein Kabarettist macht Witze übers Taxifahren. Es muss die Bahn sein. Warum eigentlich?

Übrigens: Wieder keine Steckdose. Ich lade das Handy am Laptop auf. Ladestatus Smartphone: 100 Prozent. Ladestatus Laptop: 1 Prozent. Man kann nicht alles haben.

An Passau 23:41 Uhr

Nebel auf dem Bahnsteig. Das Bahnhofsgebäude bei meiner Ankunft völlig leer, alle Läden geschlossen. Ich gehe 15 Minuten in die Innenstadt. McDonald’s hat noch auf. Ich bestelle Pommes. Sie sind kalt. Ich reklamiere und bekomme neue Pommes. Sie sind wieder kalt. Ich gebe auf und gehe zum Bahnhof zurück. Jetzt ist auch das Bahnhofsgebäude abgeschlossen. Auf Gleis zwei warte ich in eisiger Kälte eine halbe Stunde auf den Nachtzug nach Köln, gemeinsam mit zwei jungen Männern. Einer will mit dem Zug zum Frankfurter Flughafen, um zum ersten Mal in seinem Leben zu fliegen, über Shanghai nach Australien. „Ich fahre sonst nie Bahn“, sagt er. „Ich komme ja mehr aus der IT.“ Sein Problem sei, er verdiene mit 23 schon so viel, er wisse gar nicht, wohin mit ganzen Geld.

Ab Passau 0:36 Uhr, EuroNight 420

Der Zug fährt in Zeitlupe ein. Vier schwer bewaffnete Polizisten sagen dem Schaffner, dass sie den Zug durchsuchen müssen. Das sei überflüssig, erklärt der Schaffner, bei ihm sei garantiert niemand. Die Polizisten beachten ihn gar nicht, gehen durch den Gang, klopfen an jede Tür. „Polizei! Aufmachen!“ Fünf illegale Einwanderer holen sie aus unserem Waggon. Ich spreche mit einem Polizisten. Allein heute seien 1500 Ankommende in Sonderzüge Richtung Hannover gesetzt worden. Die Strecke Salzburg–Kufstein sei wegen zu vieler Illegaler gesperrt worden. „Es gibt auch nur noch zwei Personen in Deutschland, die glauben, dass wir das schaffen“, sagt er: „Merkel und Altmaier.“

Wir fahren nicht los, die Polizisten durchkämmen Waggon für Waggon, es ist unheimlich. Passagiere geistern über den Flur und fragen sich, was los ist. Um 1.55 Uhr fahren wir endlich, mit 80 Minuten Verspätung.

Ich übernachte in einem Soloabteil, wo es auf engstem Raum wirklich alles gibt: ein einklappbares Waschbecken, einen einklappbaren Spiegel, ein einklappbares Bett, Leseleuchte, Waschleuchte, Oberleuchte, Sekt, Smoothie, Brezeln, Bettwäsche, drei Bügel, sogar zwei Steckdosen, allerdings keine Dusche. Das Bett ist sehr eng, so eng, dass ich nur auf der Seite schlafen kann. Ich muss also auf einem Arm liegen. Der wird dann taub, und davon wache ich regelmäßig auf.

Morgens darf ich ausnahmsweise in einem leeren Deluxe-Abteil duschen, die engste Dusche meines Lebens, der Strahl kommt direkt von oben, erst eiskalt, dann zu heiß, die Glastür geht immerzu von selbst auf, aber ehrlich gesagt: Es ist fantastisch, im Zug morgens um sieben heiß zu duschen! Ich kriege veganes Frühstück, schwarzen Tee, Brötchen, Margarine und Marmelade. Im Gang treffe ich eine schwarzhaarige Frau Mitte 40, sie sieht sehr verschlafen aus, dann lächelt sie mich an und erzählt, dass sie die halbe Nacht gelesen habe. „Das war so spannend!“ – „Oh, welches Buch denn?“ – „Ach“, druckst sie, „kompliziert zu erklären. Also, es geht um Sterbebegleitung. Da war ja bisher die herrschende Meinung, dass es darum gehe, loszulassen. Aber so ein Psychologe, der Grachler, hat ein Kind verloren und eine ganz neue Form von Sterbebegleitung entwickelt, wo es darum geht, den Sterbenden in sich aufzunehmen.“ Es stellt sich heraus, dass sie regelmäßig von Wien nach Bonn fährt, um sich zur Sterbebegleiterin fortzubilden. Ob das ein regelrechter Beruf sei, frage ich verwundert. Nein, hauptberuflich sei sie Juristin, Prüferin am Landesrechnungshof. Sie lacht. „In Österreich“, sagt sie, „hab’n wir denselben Wahnsinn mit den teuren Hochgeschwindigkeitsstrecken wie in Deutschland, nur ein paar Jahre später. Aber noch sinnloser. Denn die Strecken sind ja alle viel zu kurz, das Land viel zu klein. Da macht es kaum einen Unterschied, ob der Zug 200 oder 300 km/h fährt.“ Beim Wort Hamburg fängt sie an zu strahlen. „Die Alster ist nett“, sagt sie, „aber die Elbe ist großartig!“ Sie besucht dort regelmäßig eine Freundin. Wie sie heißt, erfahre ich nicht. Selbst wenn Mitreisende einem ihr halbes Leben erzählen – fast nie verraten sie ihren Namen.

An Bonn Hbf 8:18 Uhr

Wie macht die Bahn das? Wir sind mit 80 Minuten Verspätung losgefahren, kommen aber auf die Minute pünktlich an. Ich suche den Bahnsteig drei, um nach Mainz weiterzufahren. Eine resolute, südländische Frau Ende 50 redet auf dem Bahnsteig auf eine junge deutsche Frau ein. „Waren Familie mit zwei Kinder und ein Baby und Onkel. Waren neun Leute insgesamt. Haben bei mir gewohnt zwei Wochen. Ich haben nur Zweizimmerwohnung. Haben auf Matratzen geschlafen. Haben drei Kinder auf eine Matratze geschlafen. Sind jetzt in Heim für Flüchtlinge, aber wir haben Kontakt telefonisch. Und andere Familie auch bei mir zwei Monate. Hatten ein Kind, die Frau schwanger. Aber die IS bringen um jeden Tag. Haben Neunjährige vergewaltigt und dann mit Holzkreuz in Mund und sie umgebracht. Jeden Tag. Müssen wir gegen sie kämpfen. Jetzt endlich schicken wir ein paar Soldaten und Waffen. Endlich! Wenn sie meine Kinder umbringen, ich gehe selbst und bombardiere ihre Moschee. Ist das Zug nach Koblenz?“ Ich schalte mich ein. „Genau, das ist die Mittelrheinbahn nach Koblenz.“ – „Mittelrheinbahn? Ist Scheißzug. Dauert ewig. Hält an jeder Toilette. Nee, ich nehm andern Zug.“

Ab Bonn Hbf 8:27 Uhr, MRB 25417

Eigentlich wollte ich über meine Liebe zum romantischen Mittelrhein schreiben, das Weltkulturerbe, über Mäuseturm und Burg Rheinstein, Festungsruine Rheinfels, Loreley und meine Fahrradtouren. Aber der MSV Duisburg spielt gegen Kaiserslautern. Die Bahn ist brechend voll, im ersten Waggon nur noch Stehplätze. Schlachtgesänge, Biergelage, Grölen, morgens um halb neun. Sie rauchen, kiffen und kleben überall Sticker hin: Proud Generation Duisburg – Duisburg till we die – Sektion Stadionverbot. Duisburg belegt den letzten Platz der Zweiten Liga.

Zugansage: „Bei der nächsten Station warten wir auf den ICE, der überholt uns. In der Zeit dürft ihr draußen rauchen. Wenn der vorbeigerast ist, steigt ihr bitte gleich wieder ein, sonst kriegt ihr euren Anschlusszug in Bingen NICHT.“

Halt in Boppard. Ein Fan geht auf den Bahnsteig, kotzt gegen eine Wand, geht ein paar Schritte zurück, kehrt um, kotzt weiter, reißt dann beide Hände zum Victory-Zeichen hoch wie früher Gerd Schröder und lässt sich von seinen Kollegen feiern. Plötzlich erscheinen Kaiserslautern-Fans auf dem Bahnsteig. Die MSVer drehen durch. „Kai-sers-lau-tern Hu-ren-Söh-ne!“, brüllen sie wie ein Mann. „Scheiß Kaiserslautern!“ Ein MSV-Fan reißt einem Lautern-Fan den Schal weg. Den Schal! Die Lauterner sind außer sich, die Gruppen gehen aufeinander los, schwer bewaffnete Polizisten mit Schäferhund gehen laut rufend dazwischen und trennen die Gruppen. Die Sprechchöre gehen weiter. Der Ton ist rau. „Halt’s Maul. Halt’s Maul, hab ich gesagt.“ Zwei eritreische Flüchtlinge betrachten fassungslos von ihren Sitzen, was vor sich geht. Deutsche Leitkultur?

Der Zug fährt weiter. Ich komme mit zwei älteren Fans ins Gespräch. Seit halb sieben Uhr morgens sind sie unterwegs. Ich frage, wo das enden soll, wenn so früh schon so gesoffen wird. „Dat kann ich dir sagen“, beginnt der eine. „Dies eine Spiel, wie MSV Rot-Weiß in die Dritte Liga geschossen hat – also, ich weiß noch, dass ich dabei war. Dat ich im Stadion saß. Aber sonst nix. Ich war so dicht! Waren wir vorher stundenlang in dieser Bahnhofskneipe“ – „ja, genau, die ist gut!“, fällt der andere ein – „und denn noch zwei Bier und zwei Kurze und noch wieder drei Bier, und denn willste ja auch mithalten, und die anderen – solche Schränke! Was die abkonnten. Da trinkt man halt mit. Wahnsinn.“

Es stellt sich heraus, früher waren sie Fans, heute sind sie Pressefotografen, der eine frei, der andere beim Verein. Er fotografiert auch die Bezirksliga, da gehe es am rauesten zu. Der freie Fotograf konkurriert mit mindestens 15 anderen Fotografen pro Spiel, bei größeren Spielen mit 50. Direkt nach dem Torjubel sendet er die Fotos schon beschriftet an „Bild“, „kicker“, „WAZ“. Der Schnellste gewinnt. Welche Bilder sich am besten verkauften, möchte ich wissen, Fouls oder Tore? Emotionen, sagen beide gleichzeitig. Entsetzte Trainer, jubelnde Spieler, weinende Fans. „Müssten die Schiedsrichter nicht viel strenger pfeifen?“, frage ich, „um die Gesundheit der Spieler zu schützen?“ – „Dat ist doch Berufsrisiko“, sagt der Vereinsfotograf. „Wenn ich am Hochofen arbeite, da ist es auch heiß. Da muss ich nicht am Hochofen arbeiten.“

Ein Fan will sich eine Zigarette anzünden. Sein Kollege ist sauer. „Du rauchst hier nich’.“ – „Ich kann nich’ mehr. Sind jetzt drei Stunden.“ – „Natürlich kannst du noch.“ – „Nein! Sind jetzt drei Stunden! Ich rauch jetzt.“ – „Dann steigst du aus und rauchst draußen.“ – „Quatsch, ich rauch jetzt.“ – „Mann, das geht gar nicht! Lass et!“ Der andere steckt sich seine Zigarette an. „Sind drei Stunden. Ich kann nich’ mehr!“ In Bingen steigen sie aus. „Wir sind noch harmlos“, sagt der Vereinsfotograf. „Da müssten Sie mal sehen, Dynamo Dresden oder Hansa Rostock, wie die die Züge auseinandernehmen, da bleibt nichts übrig.“

Ich besichtige das Schlachtfeld: Bier- und Kornflaschen, Bierlachen, Kippen, Sticker, Bieruntersetzer, Scherben. Zugdurchsage: Wir sollen zwecks Beweisaufnahme nichts aufräumen. „Natürlich, dat gibt ne Anzeige“, sagt das Mädchen vor mir. „Sieht aus wie Rotze!“ Die verbliebenen Fahrgäste wirken wie Überfall-Opfer. Still haben sie das Treiben über sich ergehen lassen, jetzt empören sie sich. „Guck dir das mal an. Sind Sie von der Presse? Hier, alles vollgeklebt. Haben geraucht, gekifft, gesoffen. Alles voll. Müssen Sie mal fotografieren! Schlimm ist das.“

Ein älteres Ehepaar steigt zu. „Das ist doch ’n Proletensport! ’N Proletensport ist das!“, schimpft der Mann. „Nu reg dich doch nicht auf“, sagt seine Frau. „Dadurch wird ’s doch auch nicht besser.“

Eine ältere schwarze Frau mit Fahrrad steht mitten im Müll und in den Bierlachen. „Ist eklig! Alles voll! Und das Schlimmste“, flüstert sie: „Iste alles auf unsere Koste!“ Sie hilft heute ihrer Freundin beim Umzug nach Ingelheim. „Und morgen iche wieder aufstehn um halb drei. Iche putzen.“ – „Oh, Sie Arme“, sage ich. „Aber nein, ich stehe gerne frühe auf! Mache Kopf frei! Putze ich und träume! Und schicke Geld nach Domrep, habe die Leute nichte so viele Geld, sinde arm.“ Ihr ganzer Stolz sind ihre drei Kinder. „Sinde halb deutsch und mache sehr gut. Jüngste Tochter iste Zahntechnikerin, und größere Sohn machte Master in Ernährungwissenschafte. Und dann ich verdiene Geld nur noch für mich alleine, mache mehr Spaß!“ Sie lacht. „Habe ich geputzt in Gymasium von meine Tochter, und sie hatte nicht geschämt für mich, habe ich da geputzt, hat sie gesagt, ist meine Mama!“

An Mainz 11:26 Uhr - Ab Mainz 12:13 Uhr, RE 4477

Ein junger Araber fragt mich, ob er diesen Zug mit dem Schönes-Wochenende-Ticket benutzen dürfe, der sehe so schick aus. Eine Schülerin schaltet sich ein und bejaht, sie kenne den Zug, sie fahre die Strecke öfter. Oh, frage ich, pendeln Sie? Aus dem Nichts fängt sie an zu weinen. Sie habe gerade, schluchzt sie, ihren Freund in Mainz besucht. Und nun werde er wieder einen oder zwei Monate nichts von sich hören lassen. So sei das immer. Er habe halt so viel zu tun. „Und er besucht Sie nie?“ frage ich. Nein, sie wohne im Frankenthal, das sei ja viel zu weit. Ich deute an, es könnte unter Umständen besser sein, sich in Frankenthal einen neuen Freund zu suchen, der auch mehr Zeit habe. „Das hab ich ja schon versucht. Da finde ich einfach niemanden!“ stößt sie hervor. Ich überlege. „Das mit der Zeit“, sage ich, „ist bei Männern manchmal nur eine Ausrede.“ Sie guckt mich entsetzt an. In dem Moment strömen 16 Frauen mit weihnachtlichem Kopfputz in den Waggon – Haarreifen mit wackelnden Weih-nachtsmännern, Tannenbäumen, Schneemännern. Sie fahren zum Weihnachtsmarkt in Heidelberg, verteilen Sekt, Wurst- und Käsestücke, hören Brahms’ „Ungarische Tänze“ aus einem Tablet und plaudern laut auf Pfälzisch.

12:47 Uhr, Frankenthal

Das Mädchen steigt aus. Eine halbe Stunde von Mainz. Von Hallerstraße bis Farmsen fährt die U 1 auch eine halbe Stunde. Würde irgendjemand die Ausrede akzeptieren: „Du, das ist ne halbe Stunde mit der U 1, und ich hab echt viel zu tun; lass mal im Februar wiedersehen“?

An Karlsruhe 13:52 Uhr - Ab Karlsruhe 14:09 Uhr

Von Karlsruhe bis Offenburg fährt Tom mit, ein alter Freund, Nachhaltigkeitsbeauftragter eines Chemiekonzerns. „Die Mischung aus Unkenntnis und Paranoia ist manchmal atemberaubend“, sagt er. „Zum Beispiel TTIP. Da heißt es immer, die Amerikaner machen uns die Umweltstandards kaputt. Dabei haben die die mächtigste und strengste Umweltbehörde der Welt. Ich meine, DIE haben den VW-Skandal aufgedeckt! Oder Nanotechnologie. Da gibts zwei Behörden in Deutschland, die wollten das am liebsten komplett verbieten. Nach zehn Jahren mussten sie jetzt zugeben, dass sie nichts gefunden haben, gar nichts. Völlig ungefährlich!“ – „Müsste man nicht einfach mal ’ne Imagekampagne für Chemie machen in Deutschland?“, frage ich, „das liegt vom Image her ja kurz vor Waterboarding, obwohl unser ganzer Alltag darauf beruht.“ – „Bringt überhaupt nichts“, winkt er ab. „Dow Chemical wollte Goldsponsor werden der Olympische Spiele in London. Da gab’s riesige Unterschriftenlisten der Sportler dagegen, das wäre greenwashing, die mussten sich offiziell zurückziehen, ein unglaubliches PR-Desaster, nachher stand die Chemie noch schlechter da als vorher. Da kommt man überhaupt nicht dagegen an.“

Die Strecke von Offenburg bis Singen ist die Schwarzwaldbahn, eine der ältesten Bahnstrecken Deutschlands: 149 Kilometer, gebaut in nur acht Jahren, von 1865 bis 1873. Bei der Eröffnung war Bismarck Reichskanzler. 39 Tunnel, 650 Meter Höhenunterschied, bis heute atemberaubende Aussichten, und das ohne Computersimulation. Das Eisenbahnnetz war schon fast komplett, als es noch keine Autos gab.

An Donaueschingen 16:15Uhr - Ab Donaueschingen 16:48 Uhr, IRE 3210

Wieder eine Eisenbahnlegende: die Höllentalbahn. Leider sehe ich nichts mehr, nur noch Nebel und Dunkelheit. Dafür höre ich einem jungen Mann mit Fusselbart zu, der mit seinem Bruder telefoniert: „Wenn Mama sagt, dass sie Harmonie braucht, dann liegt es daran, dass du immer Disharmonie reinbringst. Sei einfach ’n bisschen friedlicher! – – – Stefan, du kennst dich doch! – – – Ja, weil du Probleme machst! – – – Gerade eben hast du gesagt, du hättest die Gedichte schon gelernt! Kannst du dir vorstellen, dass die Mama enttäuscht ist? Wenn du nix für die Schule lernst, ist sie enttäuscht. Hallo? Hallo? Stefan? Ich glaub, die Verbindung ist nicht gut ... Mama ist halt enttäuscht, wenn du schlechte Noten hast ... Du schreibst doch die Geschichtsarbeit, warum lernst du dann nicht dafür? Da ist die Mama natürlich enttäuscht! Du musst ab und zu mal Sachen wiederholen ... Kannst du Mama gar nicht verstehen? Hallo? Stefan?“

An Neustadt (Schwarzwald) 17:25 Uhr - Ab Neustadt 17:31 Uhr, RB 17234

Ich werde kontrolliert und finde mein Quer-durchs-Land-Ticket nicht. Ich durchwühle Manteltaschen, Hosentaschen, die Vordertasche meines Rucksacks, ich leere den gesamten Rucksack, und wieder von vorn. Das Schaffnerduo wartet geduldig, sagt, sie kämen später noch mal, da finde ich die Karte noch: ganz unten, zusammengefaltet, in meiner Jackett-Innentasche. Der Übergang vom Fahrkartenverlierer zum Schwarzfahrer ist klein.

An Freiburg 18:18 Uhr

Der Bahnhof Freiburg wirkt wie eine italienische Piazza, viel moderner, edler, eleganter als unsere Wandelhalle. Es gibt Tapas, Rotwein und Quiche, alle Stühle und Tische sind besetzt. Ich esse beim Chinesen ein veganes Wokgericht mit Morcheln und Tofu.

Ab Freiburg 19:15 Uhr, RE 17037

Ich spreche einen sportlich-drahtigen Typen auf sein Klapprad an. „Ja, das ist Gepäck, dafür brauch ich keine Fahrradkarte lösen und kann es in jeden Zug mitnehmen.“ Nur zwölf Kilo, und er braucht 20 Sekunden, um es aufzubauen. Ein pensionierter Polizist, der jetzt in Nachtschichten für eine Sicherheitsfirma arbeitet und heute Nacht das Eis in einer Eissporthalle erneuert. Er hat als Rennradfahrer schon die Alpen überquert und 30 Jahre lang Polizisten ausgebildet. Die jungen Leute, klagt er, würden immer skrupelloser und brutaler. Einer Kollegin, die einen Streit schlichten wollte, habe man das Gesicht zertreten, sie könne kaum noch sehen, riechen, schmecken.

„Und das ein Leben lang. Es werden nur 1,5 Polizisten pro Jahr getötet“, erzählt er, „das ist nicht viel, und tot ist tot. Die schweren Verletzungen sind viel schlimmer. Ein Kollege ist im letzten Jahr dreimal angegriffen worden. Und die werden auch immer dreister. Ich hab einen Zwölfjährigen in einer Waldorfschule erwischt, wie er eine Geige geklaut hat. Der log mir spontan ins Gesicht, dass sei seine Geige, und er müsse jetzt zum Unterricht. Das können wir ja überprüfen, hab ich gesagt, in jeder Geige sind innen persönliche Daten hinterlegt. Da hat er die Geige fallen lassen und ist gerannt. Ein Asylbewerber hat mir fast das Auto zerschlagen. Man kann nur ruhig bleiben. Schießen darf man ohnehin nicht. Aber auch die neuen Teleskopschlagstöcke sind viel zu gefährlich. Und wenn das solche Schränke sind, da komme ich gar nicht gegen an. Die sind dann auch noch betrunken, die spüren gar keinen Schmerz, selbst wenn man denen den Arm auf den Rücken dreht. Letztens hatte ich so einen auf dem Eis, der randaliert hat, dem habe ich sehr scharf gesagt, dass er die Halle jetzt verlassen muss. Körperlich hätte ich gegen den keine Chance gehabt. Der sah mich an und meinte, ich sei ein cooler Typ, deswegen würde er jetzt freiwillig gehen.“

An Basel 20:11 Uhr

Bei Wasabi-Erdnüssen und heißem Apfelsaft mit Ingwer lese ich Schweizer Zeitungen. Das Bild von Deutschland ist beängstigend und skurril: Überall gebe es Nazis, maskiert als Islamkritiker, Eurokritiker, Tierschützer und Öko-Bauern. AfD, Pegida und NPD seien nur die Spitze des Eisbergs. Ein Land, das eine Million Flüchtlinge in einem Jahr aufgenommen hat – alles Nazis?

Ab Basel Bad Bf 21:22 Uhr, CNL 470

Ich schlafe im Sechser-Abteil eines Liegewagens: drei Liegen auf jeder Seite, unten, Mitte, oben, alles auf engstem Raum, die Koffer kann man nur unters unterste Bett schieben. Ich bin allein mit einer gut aussehenden Rothaarigen, und wir möchten vom Schaffner wissen, ob noch jemand dazukommt und wann. „Det kann ich ihnen nich sagen“, berlinert er, „uns is hier alles zusammenjebrochen, Fahrplanumstellung. Heut morgen sind wa schon an Heidelberg und Bruchsal vorbeigefahren. Det war nich so jut.“

In Freiburg steigt ein Neo-Hippie dazu, mit Rastafrisur, Drahtbrille und sanfter Stimme. Ein Jahr lang ist er mit einem Wohnmobil durch die Bretagne gezogen, hat von Gelegenheitsjobs gelebt, für Kost und Logis. Jetzt lebt er in einem kleinen Dorf in der Nähe von Leipzig, wo immer mehr Künstler und Kreative hinziehen, denen es in Leipzig zu teuer geworden ist. „Bei uns war es fast entvölkert, nur noch paar Alte, Behinderte, Arbeitslose, und jetzt kommen die ganzen Künstler, ein total spannender Prozess.“ Ich merke an, dass die Mietpreise im Osten immer noch spektakulär niedrig sind und dass die Mietpreisbremse alles noch schlimmer macht. „Na ja“, sagt der Rastamann, „aber Kapitalismus ist ja wohl auch nicht die Lösung, oder wie?“

Einschlafen ist schwierig. In Offenburg steigt jemand dazu, in Karlsruhe klopft der Schaffner und fragt, ob jemand dazugestiegen sei, und leuchtet alle Liegen mit der Taschenlampe ab, in Frankfurt kommt ein älterer Herr im Anzug, muss auf die Liege über mir, klettert im Dunkeln ächzend an mir vorbei. Um fünf Uhr morgens muss der Antikapitalist in Leipzig schon wieder aussteigen. Fünf Menschen auf fünf Quadratmetern, von zweien weiß ich gar nichts, höre sie nur direkt neben meinen Ohren husten und räuspern.

Der Schaffner hatte versprochen, uns mit Kaffee und Tee zu wecken. Stattdessen weckt uns seine Ansage, der Zug habe wegen „Störungen im Betriebsablauf“ 35 Minuten Verspätung. Ich plaudere noch mit der Rothaarigen. Sie ist Altenpflegerin im Burn-out („ich weiß, das ist keine Diagnose, aber ich konnte nicht mehr“), bekommt Geld aus der Schweizer Taggeldversicherung („da muss ich mich nicht vom Arbeitsamt mit schlechten Jobangeboten stalken lassen“), möchte aus dem Schichtdienst raus und stattdessen coachen, betreuen, beraten.

Aber ihre Leidenschaft ist das Malen: Acryl auf handgeschöpftem Büttenpapier. Sie zeigt mir Bilder auf ihrem Windowsphone. Ich bin völlig baff. Eine Mischung aus Miró, Klee, Hundertwasser, könnte auf unserer Affordable Art Fair richtig einschlagen. „Wirklich?“, staunt sie. „Ja, ich hab wohl immer noch zu wenig Selbstwertgefühl.“ Allerdings. Mir fällt ein Zitat von Donald Trump aus seinem Buch „How to get rich“ ein: „Es reicht nicht, gut zu sein. Man muss auch ständig darüber reden.“

An Berlin Hbf 7:23 Uhr (7:55 Uhr)

Im Liegewagen wieder keine Dusche, auch nicht auf dem Gang. Ich gehe zu Rail & Fresh, ein Euro Eintritt, und frage die Cleaninglady, ob es eine Dusche gebe. „Ja, und wenn se mir sieben Euro jebn, denn lass ick se auch rin!“, schnauzt sie mich an. Das ist vermutlich freundlich gemeint. Oder witzig. Berlin halt. Sieben Euro. Mir fällt auf, dass ich noch nie im Leben nur fürs Duschen bezahlt habe. Ein geräumiger Raum, Waschbecken, Föhn, Handtücher, Dusche, Seife, alles da, blitzblank! Ich dusche, rasiere mich und bin glücklich. Plötzlich tauchen komische schwarze Flecken überall auf dem Boden auf, muss mit meinen Schuhen zusammenhängen. Ich wische sie mit einem Handtuch auf, weil ich der Putzfrau keine Sauerei hinterlassen will, und die Handtücher werden ja sowieso gewaschen, denke ich. Ich bin so dankbar, dass ich ihr zwei Euro Trinkgeld geben will. Ich gehe noch zur Toilette und suche sie dann, um ihr das Geld zu geben. „Sagense mal, könn’ se mir mal sagen, was Sie da für ne Riesensauerei mit diesem Handtuch gemacht haben?“, herrscht sie mich an. „Ich wollte die schwarzen Flecken wegwischen“, erkläre ich. „Das hätte ich schon gemacht!“, unterbricht sie mich. „Aber das is ja ne Riesensauerei, also nee!“

Keine Steckdose im Nachtzug. Mein Laptop ist bei 7 Prozent, mein Smartphone bei 6 Prozent. Ich klappere den Bahnhof ab, immerhin der größte der Republik. Die beiden Steckdosen bei McDonald’s sind vergeben, bei Dunkin’ Donuts gibt’s keine, die eine bei Coffee Fellows ist besetzt. Ich bettele in der DB Lounge, und man lässt mich ausnahmsweise eine Steckdose benutzen, aber nur die am Eingang neben der Deko-Tanne. Ein völlig übermüdeter Wolfgang Kubicki kommt mir entgegen. Ich blicke ihn an. Er blickt zurück und überlegt, ob er mich kennen und grüßen müsste, vielleicht sogar lächeln. Er kommt zu dem Schluss, dass er mich nicht kennen muss, und guckt noch übermüdeter an mir vorbei. Klaus von Dohnanyi bin ich vor einem Jahr an der Alster begegnet, aber er kam zu dem Schluss, er müsste mich kennen, und grüßte freundlich. Ich grüßte zurück. Es war unsere erste Begegnung.

Ab Berlin Hbf 9:35 Uhr, RE 63850

Eigentlich wollte ich nach Frankfurt/Oder, aber von dort geht es nur mit dem Bus weiter. Auf dem gegenüberliegenden Gleis wartet der Berlin-Warszawa-Express, über den Steffen Möller ein ganzes Buch geschrieben hat („Unterwegs zu den Polen“).

Die Strecke, die ich jetzt fahren werde, Berlin–Spremberg, bin ich 2007 mit meiner Tochter an der Spree entlanggeradelt. Unser Tagesrekord: 83 Kilometer (sie war neun!). Ich erinnere mich an die Seen um Cottbus, die Störche, den Fürst-Pückler-Park in Branitz, die Sorben, die herrlich selbstironischen Brandenburger, die Rentner, die sich bis zu acht (!) Stunden auf Kähnen durch den Spreewald schippern ließen, und die luxuriösen Erlebnisschwimmbäder. Kein Hamburger Schwimmbad reicht heran an die Spreewelten-Therme Lübbenau oder „Schwapp! Alles Wasser wollt“ in Fürstenwalde. Mit dem Rad haben wir eine Woche gebraucht. Mit dem Zug sind es 90 Minuten. Auf der Suche nach Steckdosen bin ich noch nicht zum Essen gekommen und frage den Schaffner, ob es ein Bis­tro im Zug gebe. Nein. Und eine Steckdose? „Auch nicht. Sie müssen jetzt sehr tapfer sein!“ Er grinst.

An Cottbus 10:59 Uhr Ab Cottbus 11.04 Uhr, OE 63971

Mit der Ostdeutschen Eisenbahn GmbH nach Görlitz. Die erste Privatbahn meiner Strecke. Panoramafenster. Platz für Fahrräder und Rollstuhlfahrer. Freundliche Schaffner, die Kaffee anbieten. Und unter jedem Fenster: eine Steckdose! Woher kommt nur diese Privatisierungsparanoia in Deutschland? Es ist doch völlig klar: Baut eine Privatbahn Mist, geht sie pleite. Baut die DB Mist, kriegt sie noch mehr Milliarden vom Staat.

Gegenüber eine weißblonde Mutter mit weißblondem Sohn. Wir kommen ins Gespräch. Sie ist beim Familienministerium in Berlin und lebt selbst in einer typischen Patchwork-Situation: zwei Kinder von zwei Ex-Männern. Sie arbeitet im Home-Office von Cottbus aus, wo sie aufgewachsen ist und jetzt – nach Studium in Berlin und München – wieder lebt. „Der Wald ist ganz nah, ich lauf doch so gern. Und mit den Kindern ist es auch viel besser in einer kleineren Stadt. Und wir haben ein Mehrspartentheater mit sehr guten Opern! Viel konventioneller als in Berlin, aber mir gefällt’s.“ Sie ist fürs Elterngeld zuständig und erklärt mir dessen Sinn: Es soll dafür sorgen, dass Väter und Mütter Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung 50:50 teilen. Ich frage, ob es nicht Sache der Eltern sei, wie sie das regeln. Im Prinzip ja, entgegnet sie, aber man verfolge eben das Ideal und setze dafür Anreize. Wir philosophieren darüber, warum sich Polen und Tschechien so viel besser entwickelt haben als die neuen Bundesländer und ob wir nicht das arabische Scheidungsmodell übernehmen sollten: Dort werden die Finanzen nämlich nicht nach der Trennung ausgehandelt, sondern vor der Heirat. Kinnlanges Haar, knielanges Kleid, schwarze Stiefel, große Augen – sie ist genau so, wie man sich eine attraktive Ost-Frau vorstellt: schnöselfrei selbstbewusst, unaufgebrezelt schick, unideologisch sexy.

An Görlitz 12:16 Uhr

Ein wunderschöner Gründerzeitbahnhof. Ich habe eine halbe Stunde und schlendere über die Berliner Straße Richtung Marktplatz. Görlitz gilt als Perle unter den deutschen Städten. Hier allerdings steht jedes zweite Haus leer, und die „Zu verkaufen“-Schilder sind bereits so verwittert und kaputt wie die Fenster und Fassaden. Über einem zugeklebten Eingang steht „Merkur Drogerie“ in einer Schrift, die aus der Weimarer Republik zu stammen scheint. Daneben zwei Dönerläden, ein AfD-Büro und das Consultingcenter Pohl, das Polen Hilfe anbietet, die in Deutschland Firmen gründen wollen. Dass hier eher Polen als Deutsche etwas starten, glaube ich sofort. „Fuck off Antifa“ hat jemand an die Hauswand gesprüht. Görlitz verliert wie Cottbus ständig Einwohner.

Ab Görlitz 12:44 Uhr, TLX 74808

Im Zug finde ich eine Zwickauer Zeitung und lese, dass ab sofort polnische Züge in den Görlitzer Bahnhof einfahren dürfen: „Bisher mussten Reisende zum Bahnhof ins polnische Zgorzelec laufen, um in polnische Züge umzusteigen. Der Fußweg dauerte etwa 45 Minuten. Auch das Taxi war keine Option: Laut MDR hatten polnische Taxiunternehmer ihren Fahrern auf deutscher Seite den Mindestlohn zusichern müssen. Für deutsche Taxifahrer war die polnische Steuernummer die Hürde.“ Es lebe die Bürokratie!

An Dresden 13:59 Uhr

Dresdner Hauptbahnhof. Ein wundervoller Prachtbau aus den goldenen Zeiten der deutschen Eisenbahn. Überall Werbeplakate: Dresden–Frankfurt: Eine Stunde schneller! In der Eingangshalle das Veganerparadies Marché in einem stimmungsvollen hohen Terrakottaziegel-Raum. Gebratene Kartoffeln und Champignons, hausgemachte Erdbeerlimonade und Soja Latte Macchiato – das Erste, was ich heute zu mir nehme. Glücklich ziehe ich mit Rucksack und Kamera zum Regionalexpress nach Hof und suche im oberen Abteil des Doppelstockzuges in Ruhe nach einem Platz, da frage ich mich plötzlich, wo eigentlich mein Koffer ist. Panik: noch im Marché! Ich rase zurück, da steht er noch, direkt bei der Steckdose, ich renne zum Zug zurück, schaffe es gerade noch vor der Abfahrt, falle in den Sitz. Alzheimer. Mit 49.

Ab Dresden 14:53 Uhr, RE 4790

In der „Freien Presse“ lese ich, dass in Leipzig 1000 Linksautonome die Polizei angegriffen haben. Sie warfen mit Flaschen, Steinen, Feuerwerkskörpern, beschädigten 50 Dienstfahrzeuge, verletzten 69 Polizisten, zwei davon schwer. Der Polizeipräsident hatte es kommen sehen, hatte aber viel zu wenig Einsatzkräfte. Die meisten waren für Fußballspiele eingesetzt.

15:40 Uhr

Ich suche verzweifelt mein Handy. Es ist auf den Boden gefallen. Trotz Schutzhülle ist das Display gesplittert. Nicht mein Tag.

An Hof 17:32 Uhr - Ab Hof 17:40 Uhr, ALX 84121

In einem gemütlichen Sechser-Abteil der 2. Klasse. Sechs breite, blau-gelb gestreifte Sitze, darüber zwei Gepäckablagen. Direkt daneben die Abteile der 1. Klasse: sechs breite, blau-gelb gestreifte Sitze, darüber zwei Gepäckablagen. Wundert sich die Bahn, dass die 1. Klasse immer leer ist? Aber nicht nur mein Abteil und mein Waggon, der gesamte Zug ist leer. Ich zähle durch: Wir sind 28 Passagiere. Auf 329 Plätzen. In einem Zug mit Restaurant, Behindertentoiletten, Kinderwagen- und Fahrradabteil. Das ist so, als ob mein Verlag von meinem neuen Buch hoffnungsfroh 10.000 druckt, aber nur 851 verkauft. Wie hoch wäre wohl die Auflage meines nächsten Buches? Die steuerfinanzierte Bahn habe den Auftrag, den Steuerzahler von A nach B zu transportieren, daher dürfe sie keine Verbindungen streichen oder ausdünnen, schreibt das „Schwarzbuch Bahn“. Was aber, wenn der Steuerzahler partout lieber Auto fährt? Und darf man Bürger, die null Interesse am Bahnfahren haben, dazu zwingen, anderen das Bahnfahren zu finanzieren? Ich frage die Schaffnerin, ob der Zug immer so leer sei. Klar, sagt sie. Wochenanfang!

In der „Frankenpost“ lese ich, dass am Sonntag feierlich die grenzüberschreitende Strecke Selb–Asch (in Tschechien) wieder eingeweiht wurde. Damit wurde die Bahnlinie Hof–Eger nach 70 Jahren (!) reaktiviert. Der Andrang war so groß, dass die Züge Gäste am Bahnsteig zurücklassen mussten. Wegen einer defekten Lok gab es am Tag der Einweihung 50 Minuten Verspätung. Die deutschen Gäste seien außer sich gewesen: „Typisch Bahn“ – „Kann nicht mal an so einem Tag etwas funktionieren?“ Die Gäste aus Tschechien dagegen hätten die Verzögerungen „mit Gelassenheit“ aufgenommen.

In Regensburg will ich umsteigen, lese aber an der Anzeigetafel, dass der Zug nach Plattling 70 Minuten Verspätung hat. Wie durch ein Wunder steht mein ALX noch auf dem Gleis, ich steige schnell wieder ein und erst in Landshut um. Muss der Plattling-Zug jetzt in meine Verspätungsstatistik, obwohl ich ihn gar nicht genommen habe?

An Landshut 20:25 Uhr - Ab Landshut 21:11 Uhr, RE 4088

In der „FAZ“ ein langer Bericht über die Kriege in Syrien. Der bayerische Gesangsverein lag gar nicht so daneben: Viele Syrer lassen sich im Iran ausbilden, um in schiitischen Milizen gegen den IS zu kämpfen. Auch dieser Zug ist so gut wie leer: 50 Fahrgäste auf 285 Plätzen, Auslastung 17,5 Prozent.

An Passau Hbf 22:32 Uhr

Beim Warten auf den Nachtzug lerne ich einen bayerischen Schweißer kennen, der 20 Minuten auf mich einredet. Leider verstehe ich nur jedes zweite Wort. Ein ganzes Jahr habe er in Hamburg-Altona gearbeitet, als Schweißer für die Bahn. Die Stadt habe er leider gar nicht kennengelernt: „Wenn’s schweißen tust, denn sans abends so kaputt, da gehn’s nicht no weg.“ Später habe die Bahn umgestellt auf Subunternehmer und Subunternehmer von Subunternehmern, da habe er aufgehört. „Nur noch schnell, schnell. Des is keine deutsche Wertarbeit mehr! Und dann ruckelt’s und denn haut’s alles zusammen, die Räder und die Achsen und alles.“ Inzwischen unterrichtet er Schweißer. „Und mit’s derer Asylanten, do muss man mit der Zeit gehen!“, empfiehlt er mir. „Wenn i a Geld hätt’, i tät’ ‘n Hotel kaufen, a großes Hotel. Die zahln’s 30 Euro brutto pro Asylant pro Tag! Des hob i mal ausg’rechnet, des san 18 Euro netto für mi. Wenn i da 100 Asylanten in mei Hotel nehm, da mach’ i 1800 am Tag! Da schaff i ein Jahr, do muss i nie wieder schaffe!“ Warum er das denn nicht mache, frage ich ihn. „Jo, hab ja kei Geld im Moment. Aber wenn ich welches hätt’ ...!“

Ab Passau 23:28 Uhr, EuroNight 490

Im Viererabteil mit einer Frau, die sich als Auslandswienerin bezeichnet. „Dös is a Wienerin, die im Ausland lebt, aber natürlich Wienerin bleibt.“ Sie wohnt schon lange in Dänemark, in einem 3000-Seelen-Dorf in der Nähe von Aarhus, aber ohne die dänische Staatsbürgerschaft. „Die woll’n, wenn ich Dänin werden soll, dass ich nicht mehr Österreicherin bin, aber des moch ich net. Da bleib ich Österreicherin. Und immer diese Fahnen! Sogar an Geburtstagen hob’n die dänische Fahnengirlanden. De san doch verrückt! Und da hams a Fahnengesetz. Wenn’s mehrere Fahnen gibt, da muss die dänische ganz oben hängen! Da häng ich dann gar keine auf. Ich häng doch die österreichische net unter die dänische Fahne!“

Nachher schnarcht sie herzerbebend. Kurz nach eins schlafe ich ein. Und pünktlich um 7.51 Uhr rollen wir im Hamburger Hauptbahnhof ein.

Ich gebe zu, ich hätte das alles so nicht erwartet. In 20 Zügen 5266 Kilometer gefahren, für 461 Euro, und nur einmal 35 Minuten verspätet. Die meisten Züge leer. Zwei Steckdosen. Kein WLAN. Und kein einziger unfreundlicher Mitarbeiter.

Und irgendwie sieht die Welt anders aus. In Passau auf Gleis eins um Mitternacht war eine extrem lustige Anzeigetafel: das Wort „Leerbild“ vor leerem Hintergrund. Das Gleis ist aber nicht leer, nein, da steht ein schier ­endloser Zug. Und der Zug ist nicht leer, sondern voller Menschen. Ein Sonderzug nach Hannover. Arabische Männer mit Wollmützen haben die Fenster heruntergeschoben, es sind die alten Interregio-Züge, wo das noch geht, sie stehen am offenen Fenster und rauchen. Sie lachen und strahlen mich an, sie rufen „Hey!“ und winken, ich winke zurück und rufe auch „Hey!“ Da lachen sie noch mehr. Und ich glaube, ich weiß, was sie so glücklich macht: ein unbeschreibliches Gefühl von Freiheit.

Eine interaktive Karte mit den Stationen der Reise und Videos zum Anklicken finden Sie unter www.abendblatt.de/selbstversuch