„Reactions“

Wütende Facebook-Smileys bestimmen das Leseverhalten

| Lesedauer: 5 Minuten
Aaron Clamann
Die neuen Symbole bei Facebook wirken nett und lebendig, aber „Reactions“ könnte auch zu Eintönigkeit führen

Die neuen Symbole bei Facebook wirken nett und lebendig, aber „Reactions“ könnte auch zu Eintönigkeit führen

Foto: Screenshot / BM

Der Nutzer bei Facebook bestimmt stärker was er liest als die Rechenformeln des sozialen Netzwerks. Die neuen Smileys verstärken diesen Effekt.

Berlin.  Ein Herz und fünf Smileys sind die neuen Alternativen zum „Gefällt mir“-Button bei Facebook. Die runden Symbole sehen aus als würden sie das soziale Netzwerk bunter und vielfältiger machen, doch wahrscheinlich sind sie nur Zeichen, die uns vom Weg zu neuen Geschichten abhalten.

Am Donnerstag hat Facebook in einem Video die neue Funktion namens „Reactions“ vorgestellt. Mit sechs neuen Emojis, Symbolen, die Gefühle von Liebe bis Wut abbilden, können Nutzer in Zukunft Beiträge von Freunden, Unternehmen oder Prominenten markieren. In Irland und Spanien steht die Funktion den Nutzern schon zur Verfügung, im Rest der Welt wird die Einführung noch folgen.

Mit den Emojis reagiert Facebook auf die anhaltende Kritik an dem gestreckten Daumen, der für „Gefällt mir“ steht. Viele Nutzer hielten dieses Symbol für ungeeignet als Reaktion auf Hasskommentare oder Nachrichten über Katastrophen.

Wie kleine Smileys die Nachrichtenlage beeinflussen

Statt Gefallen kann man als Nutzer nun auch Wut, Erstaunen, Euphorie, Liebe und Trauer ausdrücken. Die Symbole bewegen sich bei der Auswahl, wirken lebendig und selbst das wütende Gesicht scheint auf den zweiten Blick nicht wirklich böse und ernst. Doch die kleinen Symbole sind mehr als nur niedlich. Wie in einem Blog-Beitrag des Facebook-Managers Chris Tosswill zu lesen ist, wird die Funktion „Reactions“ einen direkten Einfluss auf die Timeline der Nutzer haben und damit beeinflussen, welche Beiträge angezeigt werden. Tosswill führt nicht weiter aus, wie sich etwa die Nutzung des wütenden Smileys auswirkt. Experten gehen davon aus, dass Nutzern weniger Beiträge von Seiten oder Freunden angezeigt werden, deren Beiträge sie konstant mit der Emotion Wut markieren.

Der Nutzer ist selbst für die Blase verantwortlich

Ähnliche Effekte haben die Handlungen der Nutzer schon jetzt. Wer etwa Beiträge eines bestimmten Fußballvereins immer wieder mit „Gefällt mir“ markiert, dem zeigt Facebook auch häufiger Beiträge dieses Vereins oder Nachrichten zum Thema Fußball an. Auf der anderen Seite können Nutzer einzelne oder alle Beiträge von Freunden oder Organisationen aus der eigenen Timeline ausschließen. Dies geschieht über die Funktion „verbergen“ - der Absender dieser Beiträge müssen dabei nicht aus der eigenen Freundesliste entfernt werden.

Nur wenige Nutzer dürften wissen, dass auch der Zeitpunkt eine Rolle spielt, zu dem man den digitalen Daumen nach oben streckt oder einen Beitrag kommentiert. Facebook geht davon aus, dass derjenige, der zeitgleich zu einer Fernsehsendung einen Kommentar schreibt, sich mehr für die Sendung interessiert als jemand, der mehrere Stunden später seine Reaktionen auf Facebook veröffentlicht. Dementsprechend häufiger werden der ersten Nutzergruppe auch häufiger Beiträge zu dieser entsprechenden Sendung angezeigt.

Darum fühlen sich Nutzer so wohl in ihrer eigenen Blase

Den eigenen Nachrichtenfilter, den sich die Nutzer in sozialen Netzwerken so schaffen bezeichnet man auch als Filterblase. Lange hatten Kritiker Facebook vorgeworfen, dass die Algorithmen des Unternehmens diese Blase schaffen und immer enger werden lassen. Eine Studie der California State University aus dem vergangenen April zeigt, dass viele Nutzer von diesem Umstand nichts wissen. Das Magazin Spektrum der Wissenschaft vermutet, dass die Nutzer in ihrer eigenen Blase sogar am liebsten ungestört bleiben wollen.

Soziale Netzwerke verstärken Leitlinien

Diesen Befund bestätigt auch der Internetsoziologe Stephan Humer im Gespräch mit unserer Redaktion und zeigt einen Grund dafür auf: „der Verlust von Rollenbildern in der Gesellschaft führt dazu, dass sich die Menschen an das halten, was ihnen an Leitlinien geboten wird“. Besonders digitale Angebote wie Webseiten, Foren und soziale Netzwerke würden dabei wesentlich engere Grenzen setzen, als dies etwa das Medium Fernsehen könne. Das liegt auch an den Anbietern dieser Angebote. „Facebook und andere Anbieter wie Google versuchen, die Filterblase so eng wie möglich zu machen - auch wenn dem Nutzer dabei immer wieder ähnliche Beiträge angezeigt würden“, sagt der Soziologe, der an der Universität der Künste in Berlin forscht und lehrt.

„Eben weil Facebook eine solch große Rolle im Alltag der Nutzer und letztendlich in der Gesellschaft spielt, sollte das Unternehmen stärker kommunizieren, welche Funktionen, die Timeline der Nutzer beeinflussen“, sagt Humer. Den Nutzern sei nicht immer klar, dass sie zwar bei intensiver Nutzung mehr von dem Netzwerk haben, gleichzeitig aber auch mehr von sich preisgeben.