Amoklauf in Oregon

Verzweifelt, erschüttert, frustriert: Obamas Hilferuf

15 Mal musste Barack Obama zu tödlicher Waffengewalt bereits Stellung nehmen. Kein Thema frustriere ihn mehr, gestand er in einem Interview ein

15 Mal musste Barack Obama zu tödlicher Waffengewalt bereits Stellung nehmen. Kein Thema frustriere ihn mehr, gestand er in einem Interview ein

Foto: JOSHUA ROBERTS / REUTERS

Nach einem weiteren blutigen Amoklauf in den USA scheint selbst US-Präsident Obama die Hoffnung verloren zu haben.

Portland/Washington.  Eigentlich sollte ein Präsident nach tragischen Vorfällen Trost spenden. Er muss die Fassung bewahren, wenn bei Naturkatastrophen oder Schießereien in seinem Land Menschen getötet werden, muss ermutigen, wenn alle Hoffnung verloren scheint. Und eigentlich gelingt das Barack Obama häufig, dem volksnahen US-Präsidenten und brillanten Redner, der mit seiner lockeren Art oft zugänglich, kumpelhaft und sympathisch erscheint. Doch an diesem Donnerstagabend, nach einem weiteren blutigen Amoklauf in den USA, scheint selbst der mächtigste Mann der Welt die Hoffnung verloren zu haben.

Erschüttert, sichtlich frustriert und wütend tritt Obama in Washington vor die Kameras, als die Nachrichten aus dem bald 4000 Kilometer entfernten Roseburg sich über das Land verbreitet haben. Zehn Menschen sind tot und sieben weitere verletzt, weil ein 26-Jähriger am Umpqua Community College in einem Unterrichtsraum - möglicherweise aus religiösen Motiven - das Feuer eröffnet hat. Wieder heulen die Sirenen, wieder kommt die Hilfe für viele zu spät, wieder sterben unschuldige Menschen.

Obama: „Wir sind taub geworden“

„Irgendwie ist es Routine geworden“, sagt der verzweifelt wirkende Weltpolitiker über die wiederkehrenden Bluttaten. „Wir sind taub geworden.“ Er selbst scheint fassungslos über den Umstand, dass die Vereinigten Staaten als „einziges fortschrittliches Land der Erde diese Massen-Schießereien alle paar Monate erleben“. Es ist eine Abrechnung mit seinem eigenen Land, das nicht aus Fehlern lernt.

Unermüdlich hatte Obama eine Verschärfung der laxen Waffengesetze gefordert, etwa ein Verbot der bei Amokläufen häufig genutzten halbautomatischen Sturmgewehre und eine bessere Überprüfung der Käufer von Waffen. Vergeblich, er scheiterte an der harten Blockade der Republikaner im Kongress, seine Gesetzesvorhaben wurden verschleppt. Mit ein Grund ist die in den USA mächtige Waffenlobby, vertreten durch die National Rifle Association (NRA).

Viele Amerikaner beharren auf ihrem in der Verfassung garantierten Recht, Waffen zu besitzen und zu tragen. Und viele glauben trotz eindeutiger Statistiken - etwa aus Europa - schlicht nicht daran, dass strengere Regelungen der Waffengewalt ein Ende bereiten können. Im Gegenteil: Ihrer Ansicht nach sind sogar mehr Waffen nötig. Um es mit den Worten von NRA-Vizechef Wayne LaPierre nach dem Amoklauf an einer Grundschule in Newtown (Connecticut) mit 27 Toten zu sagen: „Der einzige Weg, einen bösen Typen mit einer Waffe zu stoppen, ist ein guter Typ mit einer Waffe.“

Obama braucht Rückendeckung für Reformen

Allein, so viel steht fest, kann Obama die Reform nicht umsetzen. Er braucht den Kongress, er braucht die Parlamente der 50 Bundesstaaten. Und er braucht die Rückendeckung der Amerikaner, die mit Waffen legal jagen, Sport betreiben oder sich und ihre Familien vor Einbrechern und Angreifern schützen wollen. Mehr als eine Billion US-Dollar geben die USA für den Schutz vor Terrorangriffen aus - dabei kommen auf ein amerikanisches Terroropfer laut CNN im Schnitt gut 1000 Opfer von Waffeneinsätzen in den USA. Die 22.000 Einwohner zählende Kleinstadt Roseburg wird sich nach der Tragödie zusammenraufen, nachdem Gebete gesprochen und der Opfer gedacht wurde. Vergessen werden sie die Tat nicht. Jeder kennt hier jeden, nicht verwandte Menschen bezeichnen sich als Familie. „Wir gemeinsam sind verantwortlich für diese Familien, die ihre Geliebten verlieren“, sagt Obama.

Und dann, bevor der Staatsmann mit etwas zittriger Stimme ein Gebet liest, will er doch noch ein bisschen Mut machen. Er könne nicht garantieren, in seinen 15 verbleibenden Monaten Amtszeit nicht noch einmal ans Rednerpult treten zu müssen, um Angehörigen sein Beileid auszusprechen. „Und es ist schrecklich, das zu sagen“, weiß Obama - und fügt hinzu: „Und es kann sich ändern.“ Doch an diesem dunklen Donnerstagabend glaubt man ihm diesen Satz irgendwie nicht.