Los Angeles

Nackte Haut und viel Gefühl

Foto: Frazer Harrison / Getty Images

Los Angeles. Es ist eine der wichtigsten Musik-Preisverleihungen: Die MTV Video Music Awards, kurz VMAs. Nicht nur, weil an diesem Abend die weltweit erfolgreichsten Musiker gekürt werden, sondern auch weil ihre Performances ihren Bekanntheitsgrad und damit auch ihre Verkäufe erhöhen. Die Rechnung ist simpel, je auffälliger, skandalöser der Auftritt, umso mehr wird getwittert, gelikt und geteilt. Das ist kostenlose Werbung. Die diesjährige Verleihung in Los Angeles ist wieder einmal ein Meisterwerk der Inszenierung gewesen. In ihrem Mittelpunkt zwei Frauen: Miley Cyrus und Taylor Swift.

Erstere ist 22 Jahre jung und hatte einst ein sehr, sehr braves Image. Das sie inzwischen aber vollkommen abgelegt hat. Genauso wie ihre Kleidung. Und so brillierte Miley Cyrus als Moderatorin des Abends in elf verschiedenen Roben. Wobei Robe? Eher Fähnchen, Mini, Bikinivariationen, die nichts verhüllten. Mit der Disney-Serie „Hannah Montana“ wurde sie bekannt als Sängerin in weißer Unterwäsche schwingend auf einer Abrissbirne im Video zu ihrem weltweiten Hit „Wrecking Ball“ ein Megastar und Ikone für eine ganze Generation. Schon 2013 sorgte sie für einen Skandal. Damals tanzte sie auf der Bühne mit Sänger Robin Thicke, „Twerking“ nennt man den Tanzstil, den sie mit ihrem Hinterteil an der Hüfte des Sängers auf der Bühne vor Millionen von TV-Zuschauern vorführte.

Hinter der Bühne entblößte sie vor laufender Kamera ihre Brust

Dieses Mal sang sie zwar auch ihre neue Single „Do it“, aber daran wird sich kaum einer erinnern. Vielleicht nur an ihr pinkfarbenes Latexkleid oder ihre silberne Hosenträger-BH-Konstruktion oder ihre Version eines Nipplegates. Hinter der Bühne entblößte sie vor laufender Kamera ihre Brust. Mit einer ähnlichen Aktion sorgte schon einmal eine andere Sängerin für erhöhte Aufmerksamkeit: Janet Jackson performte beim Superbowl, es zog an ihrem Oberteil und da war sie, ihr gepiercte Brust. Für ähnlich viel Aufruhr sorgten nur noch Madonna, Christina Aguilera und Britney Spears mit ihrer Knutscherei bei früheren VMAs.

Sängerin Taylor Swift hatte bisher so eine Entblößungs- und Skandalshow nicht nötig. Für neun Preise war sie nominiert, vier nahm sie mit nach Hause. Unter anderem erhielt die 25-Jährige die Trophäe in der wichtigen Kategorie „Video des Jahres“ für „Bad Blood“, ihrer Song-Kollaboration mit Kendrick Lamar. „Ich möchte den Fans danken, dass sie das Video milliardenfach angesehen haben“, sagte sie. Dabei setzte sie in ihrem Video nicht nur auf nackte Haut, sondern auf Co-Stars wie Cara Delevingne, Selena Gomez und Jessica Alba. Ihr Konzept geht irgendwie auch auf. Mit 62,8 Millionen Followern bei Twitter hängt sie Miley Cyrus locker ab. Die hat trotz immer mal wieder Blankziehen nur 22,1 Millionen.

Weil weibliche Popstars die Sache mit dem Ausziehen irgendwie besser beherrschen, musste Musiker Kanye West mit Worten für Nachrichten sorgen. Zwar ging er in der Kategorie „Michael Jackson Video Vanguard Award“ als Sieger hervor, aber wen interessierte das eigentlich wirklich noch, nachdem er folgende Ankündigung machte: „Ihr ahnt es, ich habe mich entschieden: Ich werde im Jahr 2020 als Präsident der Vereinigten Staaten kandidieren.“ Stand der 38-Jährige unter Drogen? Er sagte selbst: „Ihr fragt Euch jetzt vielleicht: Hat er was geraucht vor dem Auftritt? Die Antwort ist: Ja, ich habe mir eine gedreht, um ein bisschen Spannung abzubauen.“

Damit könnte Gattin Kim Karda­shian in fünf Jahren zur First Lady aufsteigen – eine interessante Vorstellung. Wie ernst seine Absichten jedoch sind, bleibt abzuwarten.

Er erklärte allerdings nicht nur seine politischen Absichten, sondern entschuldigte sich auch bei Preisüberbringerin Taylor Swift. Ihr hatte er vor sechs Jahren, bei den VMAs 2009, noch wütend das Mikrofon entrissen, als sie auf der Bühne ihren Fans dankte. Als kleine Erinnerungsstütze für den Rest der Welt: West hatte sich damals die Sängerin Beyoncé als Gewinnerin gewünscht und machte seiner Enttäuschung deutlich Luft.

Für die damalige Aktion erntete Kanye West mächtig Kritik. Selbst Präsident Barack Obama äußerte sich harsch und bezeichnete Kanye West als „Idioten“.

Vor versöhnlichen Gesten konnte sich Taylor Swift an diesem Abend kaum retten. Auch mit Musikerin Nicki Minaj wurde ihre Twitter-Fehde beigelegt. Stattdessen rückte nun Gastgeberin Miley Cyrus in die Schusslinie der wortgewaltigen Rapperin. Sie beschimpfte die Moderatorin als „Bitch“ (zu deutsch: Schlampe), nachdem sie sich vor wenigen Tagen unschön in der Presse über Nicki Minaj geäußert hatte.

Justin Bieber sorgt für einen tränenreichen Auftritt

Für den emotionalen Moment in der Show sorgte Justin Bieber. Er präsentierte seine neue Single „What Do You Mean“ und feierte damit auch gleichzeitig eine Premiere, denn zum ersten Mal nach einer mehrjährigen Pause trat der Teenie-Liebling wieder vor einem Publikum auf.

Noch auf der Bühne brach der Sänger nach den positiven Reaktionen seiner Fans in Tränen aus, ging in die Knie und bekam sich nur äußerst schwer wieder in den Griff. Ein absolut gelungenes Comeback des erst 21-Jährigen. Und dafür musste er sich nicht einmal seiner Kleider entledugen oder gar knutschen.