Lüneburg

Der Goldschatz aus der Nazizeit

Sondengänger fand historische Münzen in Lüneburg – in Geldsäcken der Reichsbank, versiegelt mit Hakenkreuz-Plomben

Lüneburg.  Es ist der größte Fund von Nazigold, der jemals in Norddeutschland gemacht wurde: 217 Münzen aus reinem Gold hat ein Hobbyarchäologe bei Lüneburg-Oedeme entdeckt. Am kommenden Sonntag wird der Schatz im Museum Lüneburg der Öffentlichkeit präsentiert.

Sieben Jahrzehnte waren die Geldstücke im Erdreich verborgen. Verpackt in Geldsäcken der Deutschen Reichsbank, versiegelt mit Plomben, die Reichsadler und Hakenkreuz tragen. Nun glitzern die Goldmünzen in einer Glasvitrine im Museum Lüneburg im Licht starker Scheinwerfer. Das Geld stammt aus Frankreich, Belgien, Italien und Österreich-Ungarn, wurde geprägt in der Zeit von 1831 bis 1910 und ist verziert mit den Häuptern von Herrschern längst vergangener Tage. Jedes Stück hat je 21 Millimeter Durchmesser und exakt 6,45 Gramm Gewicht. Der Materialwert des 1,4 Kilogramm schweren Schatzes lässt sich bestimmen: etwa 45.000 Euro. Unschätzbar dagegen ist der wissenschaftliche Wert des Horts. „Er wirft ein Schlaglicht auf die Wirren des Krieges“, sagt Dr. Annette Schwandner vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur.

Wer hat den Hort vergraben? War es ein hochrangiger Nazi in den letzten Kriegstagen? War es ein Besatzungssoldat in der Nachkriegszeit? Noch sind diese Fragen ungeklärt. „Sicher scheint, dass es sich um geraubtes Material handelt, das vergraben wurde, um es zu einem späteren Zeitpunkt zu bergen. Dies konnte offenbar nicht mehr erfolgen“, erklärt Arnd Hüneke, Justiziar des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalspflege (NLD). Die Museumsmitarbeiter hoffen nun, dass Zeitzeugen sich erinnern.

Die archäologischen Erkenntnisse dagegen sind gesichert. Das ist der Arbeit vieler Wissenschaftler, aber auch dem Finder des Schatzes, zu verdanken. Florian Bautsch ist ein sogenannter „lizensierter Sondengänger“. Der historisch interessierte Kaufmann wurde vom NLD geschult und besitzt die behördliche Genehmigung, mit einem Metalldetektor nach Bodendenkmälern zu forschen. Im Herbst vergangenen Jahres untersuchte der junge Mann im Auftrag des Stadtarchäologen Prof. Dr. Edgar Ring eine auffällige Mulde. Der Professor vermutete dort ein zerstörtes Hügelgrab.

Florian Bautsch wurde schnell fündig: Zwischen dem Wurzelwerk einer Kiefer entdeckte der 31-Jährige zehn Goldmünzen, die ganz nah an der Oberfläche im lockeren Erdreich lagen. Noch am Fundort verständigte Bautsch per Handy die Archäologen. Selbst nach einem Schatz zu graben, ist auch einem ehrenamtlichen Helfer wie Bautsch strengstens verboten, damit keine Spuren verwischt werden.

Mitarbeiter des Landesamtes führten in den folgenden Wochen eine wissenschaftliche Ausgrabung durch und entdeckten die weiteren Münzen verstreut bis in einem Meter Tiefe. Zwischen den Münzen wurden auch die beiden sogenannten Knotenplomben der Deutschen Reichsbank gefunden, die darauf hindeuten, dass das Geld in zwei Säcken verpackt war. Von den Beuteln selbst ist nichts übrig, obwohl sie zum Schutz gegen Nässe in Teerpappe eingeschlagen waren. Die Plomben aus Aluminium mit der Prägung „Reichsbank Berlin 244“ konnten dank identischer Vergleichsstücke der historischen Sammlung der Bundesbank und metallurgischer Analyse auf das Jahr 1940 datiert werden. Das Alter der Teerpappreste ermittelten Mitarbeiter des Instituts für anorganische Chemie der Uni Hannover: Herstellungszeitpunkt spätestens 1970, vermutlich vor 1950.

Der Landesarchäologe Dr. Henning Haßmann interpretiert den Befund so: Die Säcke müssen am Fuß eines heute nicht mehr existierenden Baumes im Sand vergraben worden sein. Dieser Baum stürzte später um und riss dabei mit seinem Wurzelwerk den Inhalt der beiden Beutel mit. Die heute etwa 50 Jahre alte Kiefer, die jetzt dort steht, keimte an derselben Stelle. Ein wissenschaftliches Puzzle, das die Experten mit geradezu kriminalistischem Spürsinn zusammengesetzt haben.

Kompliziert ist auch die Rechtslage. Nach Paragraf 984 BGB gehört ein Schatz – also eine Sache, die so lange verborgen gelegen hat, dass der Eigentümer nicht mehr zu ermitteln ist – je zur Hälfte dem Finder und dem Eigentümer des Grundstücks, auf dem er entdeckt wurde. Handelt es sich aber um bewegliche Denkmale von hervorragendem wissenschaftlichem Wert, werden die Funde nach dem sogenannten „Schatzregal“ mit der Entdeckung automatisch Eigentum des Landes. Eine Regelung, die in den meisten Bundesländern gilt, auch in Niedersachsen. Der Finder soll im Rahmen der verfügbaren Mittel des Landeshaushalts eine Ausgleichszahlung erhalten, heißt es im Gesetzestext. Florian Bautsch ist mit seiner Belohnung in Höhe von 2500 Euro vollends zufrieden. „Mir geht es beim Sondengehen nicht ums Geld. Für mich zählt der wissenschaftliche Wert.“

Dr. Heike Düselder, die Direktorin des Museums Lüneburg, zählt darauf, dass der Schatz ihrem erst vor vier Monaten eröffneten Haus als Publikumsmagnet erhalten bleibt. Am kommenden Sonntag, 19. Juli, werden die Münzen im hellen Licht von Scheinwerfern glitzern, gut bewacht von Museumsmitarbeitern. Dann verschwinden sie wieder im Dunkel des Archivs.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.