Südafrika

Robben Island: Symbol für den Kampf gegen die Apartheid

Lesedauer: 11 Minuten
Ralf Nehmzow
„Willkommen“: Ein freundlicher Empfang wartet heute auf die vielen Touristen, die
sich die Gefangeneninsel zeigen lassen – von Häftlingen aus alten Zeiten

„Willkommen“: Ein freundlicher Empfang wartet heute auf die vielen Touristen, die sich die Gefangeneninsel zeigen lassen – von Häftlingen aus alten Zeiten

Foto: picture-alliance

Ein geschichtsträchtiger Ort. Südafrikas Rassisten sperrten einst ihre politischen Gefangenen hier ein, Mandela und Tausende andere.

Schroffe Felsen, das tobende eiskalte Meer, in dem die Haie lauern – es kam kaum jemand lebend weg von der berüchtigten Gefängnisinsel. Ein paar versuchten es im Boot, gebastelt aus Tierfellen, auf Planken oder einfach schwimmend; die meisten schafften es nicht, starben. Simba, nennen wir ihn mal so, kann viel davon erzählen. Und die Touristen aus aller Welt können nicht genug davon hören, von der Zeit damals. Simba packt den Zahnstocher, auf dem er herumgekaut hat, weg. Er steht auf einem Bolzplatz, hinter ihm heruntergekommene Baracken. Alte Gefängnisbauten. Dieses Mal sind es Amerikaner, Chinesen, Niederländer, denen Simba von seinem Leben erzählt – und von dem Nelson Mandelas. Simba war hier in Haft. Der Mann, blauer Pulli, beige Hose, starrt kurz in die Ferne, als ob er sich sammeln muss, dann lächelt er. „Willkommen auf Robben Island, ladies and gentlemen“, begrüßt er die Gäste. Hier hat Nelson Mandela Tennis gespielt, erzählt er später – und vieles mehr über den berühmtesten Gefangenen mit der Nummer 466/64. Mandela wurde 1964 als 466. Gefangener auf dem Eiland inhaftiert.

Robben Island ist ein geschichtsträchtiger Ort. Touristen kommen in Scharen hierher, jeden Tag, Schiffsladungen voll. Südafrikas Rassisten sperrten ihre politischen Gefangenen hier ein, Mandela und Tausende andere. Heute führen Häftlinge von damals Touristen über die Insel. Sie ist Symbol für den Sieg über die Apartheid.

Die Atlantikinsel vor Kapstadt ist seit 1999 Unesco-Weltkulturerbe

Simba ist nicht irgendein Touristenguide, er hat gegen die Apartheid gekämpft wie sein Idol Nelson Mandela. Simba spricht sachlich, emotionslos, und den Zuhörern, die eben noch fröhlich in Cape Town shoppen waren oder Sehenswürdigkeiten besichtigt haben, stockt der Atem: Der Afrikaner berichtet vom Kampf gegen die Rassentrennung, von seinen Folterungen, dass er oft verprügelt wurde auf Polizeistationen, von seiner Zeit als Gefangener auf Robben Island. Wie es war ohne ausreichend Essen, ausgesetzt der Kälte und Einsamkeit. „Sieben Jahre war ich hier inhaftiert“, sagt er, und die Besucher aus aller Welt lauschen jedem seiner Worte.

Es ist eine Reise in die Geschichte Südafrikas: Die Atlantikinsel, zwölf Kilometer vor Kapstadt, seit 1999 Unesco-Weltkulturerbe, ist zum wichtigsten Museum des Landes geworden. Kein anderer Ort ist so mit der Historie Südafrikas verbunden wie die 574 Hektar große Insel in der Tafelbucht. Im Laufe der Zeit diente sie nicht nur als Gefängnis für politische Anti-Apartheid-Kämpfer, sondern auch zeitweise als Krankenhaus für Leprapatienten, psychisch und chronisch Kranke, als Ausbildungs- und Verteidigungsstation im Zweiten Weltkrieg. Inzwischen ist die Insel zum „Nelson Mandela Museum“ erklärt worden.

Als der Portugiese Bartolomeu Diaz 1488 das Kap erkundete, fanden nur einige Expeditionen statt. Über 500 Jahre sollten vergehen, bis im demokratischen Südafrika heute Touristen vor allem die Zelle Nummer 5 ansteuern, wo Präsident Nelson Mandela, der bekannteste Widerstandskämpfer gegen das Regime der Rassentrennung, 18 seiner 27 Haftjahre verbringen musste, von 1964 bis 1982, ehe er verlegt wurde. 1990 kam er in Freiheit – vier Jahre später wurde er Südafrikas erster schwarzer Präsident.

Die Tour auf den Spuren Nelson Mandelas beginnt am Clocktower, an der Waterfront, einem aufstrebenden Szeneviertel am Hafen von Kapstadt. Yachten dümpeln im Meer, schicke Schaufensterfronten und Souvenirshops reihen sich in klotzigen Einkaufszentren aneinander.

Im Nelson Mandela Museum gibt es die Eintrittskarten, gut drei Stunden dauert eine Tour. Die Schiffe, die Touristen zur Insel bringen, sind nach ehemaligen Häftlingen benannt. Auf einem alten Kutter begrüßt der Kartenabreißer die Touristen. „Viel Spaß, genießen Sie Ihre Zeit im Knast“, scherzt er, als der Kahn ablegt. Nach knapp einer Stunde, den Tafelberg im Rücken, legt er an der ehemaligen Gefängnisinsel an. Eine Robbe kauert auf dem Felsen an der Einfahrt, ein paar Pinguine schauen neugierig von den Klippen.

Im Bus geht es über die Insel, auf Asphaltstraßen und Schotterpisten. Dorthin, wo einst die Besucher der Häftlinge empfangen wurden, ihre Einlasskontrollen hatten, um Angehörige zu besuchen, Tausende Gefangene. Die Gäste mussten sich sechs Monate vorher anmelden, 15 Minuten Sprechzeit hatte jeder pro Besuch, erlaubt waren kurze Gespräche durchs Fensterglas. Vorbei an der Lepra-Station von früher, weiter auf einer Asphaltstraße zum Kalksteinbruch, wo auch Mandela arbeiten musste. Dramen müssen sich hier abgespielt haben, wo nur noch staubige Steine liegen. Acht Stunden am Tag harte Knochenarbeit war der Alltag für viele Gefangene. Staub, der bei teils glühender Hitze blendete, die Augen schädigte. Auch Mandela litt später an den Folgen, musste sich einer Augenoperation unterziehen. Ein paar Meter weiter stehen heute schicke Häuser mit adretten Vorgärten, eine Kirche, ein Spielplatz. Die Straßen heißen „Keeling Road“, „Bluebergstreet“, es könnte ein Vorort in Großbritannien sein. Hier wohnen heute einige der Ex-Gefangenen, die Touristen führen, Wand an Wand mit ehemaligen Aufsehern und Wärtern.

Auch Guide Simba lebt dort, seit 2007, als sie ihn anheuerten. „Ich war arbeitslos, und jemand rief mich an. Er fragte, ob ich hier Touristen führen wollte“, erzählt er. Er wollte. Mittlerweile steht Simba in einer der Baracken. Karge Pritschen lassen erahnen, wie hart der Gefängnisalltag damals war: Maden und anderes Ungeziefer im Essen, Prügel, das Gebrüll der Wärter, Erniedrigungen. Briefe der Gefangenen wurden nahezu komplett geschwärzt, Waschen in schäbigen Duschen, in denen es lange Zeit nur eiskaltes Wasser gab. „Das Essen war meist stark rationiert“, sagt Simba. In unterschiedlichen Trakten lebten die Gefangenen, eingeteilt in „Politische“ oder „Kriminelle“. Einige kamen als Ungelernte und gingen später als Lehrer oder Anwälte zurück in die Freiheit. „Wir haben viel gelesen und versucht, über die Runden zu kommen“, erzählt Simba, je nach Benehmen konnten sie in einen besseren Gefangenentrakt aufsteigen. Im besten Trakt durften die Häftlinge Zeitungen lesen. „Allerdings waren alle politischen Artikel herausgeschnitten.“ Simba arbeitete nach seiner Ankunft als Koch, insgesamt fünf seiner sieben Haftjahre. „Da war die Versuchung, sich mehr zu essen zu besorgen, groß“, sagt er, „man war ja an der Quelle.“ Simba lächelt, strahlt Optimismus aus. Woher nimmt er ihn? Wie schafft er das nach all dem Leid? „Es ist Vergangenheit, und darüber anderen zu erzählen, hilft mir auch“, meint er knapp. Er hat vier Kinder, nur hin und wieder fährt er nach Kapstadt hinüber, „meine Familie ist hier“, sagt er.

Wir gehen weiter zum Innenhof, Simba erzählt und erzählt. 1983 sei er nach Robben Island gekommen. Vorher habe er engagiert gegen Apartheid gekämpft, meist auf Demos. „Man hat mich oft verhaftet, auf Polizeistationen gequält, auf einem Stuhl mit Elektrostößen etwa, meine schwarze Brüder haben mich ausspioniert und mich verraten.“ Simba bekam seinen „Prozess“, wegen „Sabotage gegen Apartheid“. Wenn er über Mandela spricht, sagt er immer „Mr. Mandela“, voller Respekt. Er hat ihn auf Robben Island nie gesehen, weil Mandela zu der Zeit bereits in ein anderes Gefängnis verlegt war. Man habe Simba viel über Mandelas Zeit auf der Insel erzählt, Mithäftlinge, Wärter. Er zeigt auf eine Ecke im Innenhof. „Hierhin hat sich Mr. Mandela oft zurückgezogen, an seinem Manuskript zu seiner Biografie geschrieben.“ Der ­Guide zeigt auf den vierten Haftraum von links an dem Flachbau. „Dort war die Zelle von Mr. Mandela.“ Wir gehen ins Gebäude, an der berühmten Zelle vorbei. Schnell einen Blick reinwerfen – der Touristenstrom schiebt sich weiter: ein Tisch, ein Stuhl, ein Mülleimer, der Blechnapf, aus dem Mandela aß, ein paar Decken, der Höhepunkt der Tour ist erreicht. Digitalkameras werden gezückt, schnell ein Schnappschuss. „Das ist Geschichte zum Anfassen“, sagt eine Amerikanerin, die einst hier lebte, dann in die USA zog. Sie ist mit ihrem Sohn da. „Er schreibt gerade ein Referat über Mandela in der Schule, hier kann er viel lernen.“ Auch Simba wirft einen kurzen Blick in die Zelle. 1991 traf er Mandela in Johannesburg bei einem Empfang. „Er war eine faszinierende Persönlichkeit, konnte gut zuhören“, erinnert er sich. Und er lächelt: „Aber wenn er erst einmal erzählte, dann war er nicht zu bremsen.“

Er ging durch die Tür in die Freiheit und ließ Hass und Verbitterung hinter sich

Was bedeutet Nelson Mandela für ihn? Simba überlegt Sekunden: „Alles, was ich heute bin, dass ich hier Ihnen etwas über damals erzählen kann, verdanke ich Mr. Mandela.“ Der Blick geht zum Meer: Auf einem Stopp an einem Aussichtspunkt schaut man zwischen zerklüfteten Felsen nach Kapstadt, damals für viele Gefangene die unerreichbare Freiheit. „Als ich aus der Zelle durch die Tür in die Freiheit ging, wusste ich, dass ich meine Verbitterung und meinen Hass zurücklassen musste, oder ich würde mein Leben lang gefangen bleiben“, sagte Mandela einst.

Ex-Häftling und Touristen-Guide Simba bleibt zurück auf der Mandela-Insel, auch ohne Hass und Verbitterung, längst in Freiheit – mit einem Lächeln verabschiedet er uns am Tor. „Alles Gute“, sagt er. Er hat Feierabend, geht nach Hause, ein paar Straßen weiter. Ein Schnellboot bringt uns in die Gegenwart zurück, in 20 Minuten nach Kapstadt, in die Glitzerwelt der Waterfront. „Very interesting“, sagt eine Frau; „living history“, lebendige Geschichte, meint ein anderer Besucher. „Wir dienen mit Stolz“, steht in großen Lettern am Haupteingang am Kai von Robben Island. Und auf einem anderen Schild heißt es: „Hinter diesem Punkt haben nur afrikanische Pinguine Zutritt“ – bizarrer Humor bei allem Leid, das die Menschen hier erlebten. Mandelas Geist lässt grüßen.