Helsinki/Prag

Die Lizenz zum Träumen

Lotto-Jackpot geknackt: 90 Millionen Euro auf dem Konto. Experte warnt vor dem Unglück mit dem Glück

Helsinki/Prag. Im zwölften Versuch ist der Rekord-Eurojackpot mit 90 Millionen Euro endlich geknackt worden: Ein unbekannter Glückspilz aus Tschechien gewann die spektakuläre Summe. Den auf mehr als 22 Millionen Euro angewachsenen Jackpot in der zweiten Gewinnklasse teilen sich drei Spieler aus Thüringen, Spanien und Litauen. Sie verpassten den Hauptgewinn, weil sie zwar fünf Richtige hatten, aber nur eine der zwei Eurozahlen. Dennoch können sie sich über immerhin jeweils 7,6 Millionen Euro freuen, wie Westlotto mitteilte.

Doch bringt der große Gewinn auch dauerhaft das große Glück? Der Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel der Universität Hohenheim, Tilman Becker, ist da skeptisch: Das anfängliche Hochgefühl werde sich schnell auf ein Normalmaß einpendeln. Geldgewinne bergen auch Risiken, sagt er.

Wer nach dem Reiz am Lottospielen fragt, bekommt die Antwort von Becker: „Der Lottoschein ist eine Lizenz zum Träumen. Dass man tatsächlich gewinnt, kommt ja relativ selten vor. Aber ab dem Moment, in dem ich meine Kreuzchen gemacht habe, kann ich träumen, was passieren würde, wenn ich so viel Geld gewinnen würde: Mit plötzlichem Reichtum könnte man ein Haus kaufen, die Arbeit aufgeben, mit den Reichen auf Du sein. Solche Was-Wäre-Wenn-Träume verkauft Lotto.

Doch machen Lottomillionen denn wirklich dauerhaft glücklich? „Das Glück kann einen Sprung machen, aber selbst wenn der Gewinner optimal mit seinem Reichtum umgeht, wird sich dieses Gefühl nach etwa einem halben Jahr wieder auf Normalmaß einpendeln – genau wie Unglücksfälle nicht dauerhaft unglücklich machen. Die Glücksforschung zeigt auch, dass sich Glück immer darüber definiert, wie es einem im Bezug zur Umwelt geht. Geldgewinne sind damit alles andere als Glücksgaranten: Wer unter vielen Armen ein bisschen Geld hat, ist wahrscheinlich glücklich. Wer mit einem Millionengewinn in eine Gesellschaft der Multimillionäre hineintreten will, wird wahrscheinlich unglücklich sein. Und wer bei einem Lottogewinn sein ganzes Leben ändert, läuft auch Gefahr, sich mit falschen Entscheidungen unglücklicher zu machen, etwa wenn man seinen Job hinschmeißt.“

Und dann besteht da ja noch die Gefahr, dass Lottospielen zur Sucht wird – gerade wenn es so hohe Jackpots gibt. Da wiegelt der Experte ab: „Was ein pathologischer Glücksspieler sucht, ist die Möglichkeit, die Welt um sich herum zu vergessen, die Wissenschaft spricht vom sogenannten Flow- oder Zoning-Erlebnis. Diesen Wunsch kann er durch andere Formen, etwa am Spielautomaten, viel besser bedienen. Gefährlich wird das Glücksspiel immer dann, wenn man verlorene Verluste durch erhöhte Einsätze ausgleichen will oder sich zwanghaft zum Spiel getrieben fühlt. Das ist bei Lotto, wo Sie ein- oder zweimal in der Woche einen Schein ausfüllen können, nicht in dem Maße gegeben wie bei einem kontinuierlichen Spiel im Fünf-Sekunden-Takt. Aber auch der Traum vom Lottogewinn, kann Leute dazu bringen, große Summen einzusetzen, die eigentlich über ihre Verhältnisse gehen.“

Die Gewinnzahlen 12-14-18-38-46 sowie die zwei auch Eurozahlen genannten Zusatzzahlen 9 und 10 waren am Freitagabend in Helsinki gezogen worden. Noch habe sich der Jackpot-Knacker aus Tschechien nicht gemeldet, sagte ein Sprecher des Glücksspielunternehmens Sazka in Prag. Dafür habe er oder sie 35 Tage Zeit. Wer der Lottomillionär ist, könnte für immer ein Geheimnis bleiben. So will es das strenge tschechische Lotteriegesetz.

Auch über den oder die 7,6-Millionen-Gewinner aus Thüringen ist noch nichts bekannt. Eine Sprecherin von Thüringen Lotto sagte gestern: „Der Gewinner hat sich bei uns noch nicht gemeldet.“ Er habe 13 Wochen Zeit, den Gewinn geltend zu machen. Ebenfalls 7,6 Millionen Euro gingen an einen Spieler in der Nähe von Barcelona. Der unbekannte litauische Glückspilz hatte den Tippschein in der zweitgrößten Stadt Kaunas gekauft. Er streicht den höchsten Gewinn in der Lottogeschichte des baltischen Landes ein. Lottogewinne müssen in Deutschland, Litauen und auch Tschechien nicht versteuert werden, anders als etwa in der Schweiz. Anders als beim deutschen Traditionsspiel 6 aus 49 wird beim Eurojackpot auf 5 aus 50 und 2 aus 10 Zahlen getippt. Die Wahrscheinlichkeit, den höchsten Jackpot zu knacken, liegt bei 1 zu 95 Millionen. Den bislang höchsten Einzelgewinn in Europa strich 2012 ein Ehepaar aus England ein. Es gewann bei der Lotterie Euro Millions 190 Millionen Euro.