Der Aralsee ändert unser Wetter

Die Versteppung des einstmals riesigen Binnengewässers wirkt sich bis nach Mitteleuropa aus.

Hamburg. Auch wir spüren es, in Mitteleuropa. Die Winde, die im Sommer Luft aus Sibirien nach Europa tragen, sind in den letzten Jahren ein wenig heißer geworden. Und im Winter kommt das kalte Wetter aus dem Osten noch etwas eisiger an. Früher, da gab es einen Dämpfer, der die Temperaturspitzen ein bisschen milderte. Minimal nur, denn er war 3500 Kilometer entfernt, in der Steppe. Jetzt aber ist der Dämpfer kaputt.

Der Aralsee ist so gut wie ausgetrocknet, kann die Lufttemperaturen über ihm nicht mehr mildern. In einem guten Jahrhundert schaffte man es, durch ökologische Freveltaten den einst viertgrößten See der Welt fast komplett zu entwässern. Von knapp 70.000 Quadratkilometern, so groß wie Bayern, waren diesen Spätsommer noch etwa 5000 übrig. Jetzt hat der Präsident Usbekistans einen Hilferuf an die Welt abgesetzt. Alleine, so klagt Islom Karimov, könnten die Anrainerstaaten des früheren Sees den Schaden nicht reparieren. Aber ist er reparabel?

Erst verschwindet das Wasser, dann die Menschen. Die Bewohner der Aral-Region haben nichts mehr zu tun und wandern ab. Fischerdörfer, aus deren Häfen in den 70er-Jahren die Fangflotten ablegten, oder mondäne Badeorte, in denen man damals am Seeufer flanierte – sie liegen heute 100 bis 150 Kilometer von den Ufern entfernt, die kaum noch mehr als einen Tümpel umfrieden. Der frühere Seegrund ist gesättigt mit Salz, Pestiziden und anderen chemischen Rückständen, für Ackerbau oder Viehzucht indiskutabel. Das Elend der südlichen Nachfolgestaaten der Sowjetunion – kaum irgendwo anders ist es so greifbar wie hier: Die Lebenserwartung ist halb so hoch wie in Russland, die Kindersterblichkeit liegt auf dem Niveau von Simbabwe.

Schon immer war der Aral einem Kommen und Gehen des Wassers ausgesetzt. Bei einem so flachen See – in den besten Zeiten war er 20 bis 25 Meter tief – können solche Schwankungen die Küstenlinie schnell um Dutzende Kilometer verschieben. In der Geschichte trägt der See deshalb Züge einer Fata Morgana. Keiner der frühen Wanderer aus Europa nach Fernost, die durch die Region zogen, etwa Marco Polo 1271, erwähnten den See. Auf den Landkarten des Abendlandes tauchte er erst im 17. Jahrhundert auf.

Die Russen kamen im 19. Jahrhundert in die Region, bauten Festungswerke, um ihre Expansion nach Süden fortzusetzen, und begannen auch gleich, in großen Dimensionen zu denken. Durch Umleitung von Flüssen, etwa des Amudarja, des südlichen Zuflusses zum Aralsee, ins Kaspische Meer wollte bereits Zar Peter der Große einen Schifffahrtsweg von Zentralasien ins europäische Russland anlegen. Élisée Reclus, französischer Geograf, Anarchist und früher Ökologe, berechnete 1881, dass eine solche Umleitung den Aralsee jährlich 50 Milliarden Kubikmeter kosten würde. „In zehn oder zwölf Jahren besäße er nur noch die Hälfte seines derzeitigen Volumens“, schrieb Reclus, „und in 24 Jahren würde lediglich in fünf Vertiefungen noch Wasser bleiben“. So sieht es heute dort aus.

Der Plan blieb damals Makulatur, doch wenig später leitete man Unmengen von Wasser aus den Zuflüssen des Sees in die schnell expandierenden Baumwollkulturen. Die Plantagenkultur erweiterte sich damals explosionsartig. In den drei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg verzwanzigfachte sich ihre Fläche, auf bereits nahezu eine Million Hektar. Entsprechend hoch war der Bedarf an Frischwasser.

Die ökologische Katastrophe nahm ihren Lauf: Der See war nicht mehr schiffbar, und selbst für Meeresfische war er zu salzig. Die vermeintliche Lösung der Sowjetplaner: Die gewaltigen Flüsse, die durch die sibirische Tundra und Taiga nach Norden in die Arktische See fließen, sollten nach Süden umgeleitet werden, um die Trockengebiete dort ergrünen zu lassen. Doch die UdSSR war zu schwach, die Vorhaben anzupacken.

In diesem Sommer waren nur noch zwei kleine Becken übrig. Das nördliche, „der kleine Aral“ mit seinen Ufern auf kasachischem Gebiet, gibt derzeit ein wenig Hoffnung. Mithilfe der Weltbank errichtete das Land einen Damm, der nun die Teilung der beiden Becken zementiert, und das Wasser aus dem Zufluss Syrdarja hier hereinfließen lässt. Der Tümpel auf usbekischem Gebiet geht leer aus. Hier und da öffnen die Kasachen die Schleusen im Damm – aber nur, um das überschüssige Salz und auch giftige Chemikalien ins Nachbarland abzulassen.

Im Norden steigt der Wasserspiegel seither an, der Salzgehalt normalisiert sich, sodass sich wieder Süßwasserfische halten. Ein Modell für den ganzen See? Womöglich, doch dann müssten die Staaten Usbekistan und Turkmenistan ihren Baumwollanbau aufgeben. Wenig wahrscheinlich.

Ein Trost für die Wetterfühligen: Nachdem der nördliche See sich wieder füllt, wurden dort wieder die ersten Wölkchen gesichtet.