Der König von Wittenberg

Peter Fitzek hat mitten in Deutschland ein Königreich ausgerufen – mit eigenem Staatsgebiet, einer eigenen Bank plus Währung und eigenem Volk. Nur ein Scherz? Der Regent sieht das offensichtlich anders

Eine Stunde muss vergehen, bis Peter Fitzek aus der Rolle des gütigen Königs Peter I. herausplumpst. Vor einem sitzt nun einer, der sich wahnhaft vor den Mängeln anderer ekelt und sich so in eine Art Narzissmus hineingesteigert hat. „Ich sage dir mal, wann ich in die Pubertät gekommen bin: mit sechs. Ich habe dieses Leben und diese Welt gehasst.“

Dabei war alles so schön bisher. Der gelernte Koch, der ehemalige Videothekar, der gescheiterte Jeans- und Hosenverkäufer Fitzek ließ sich am 16. September 2012 vor ein paar Hundert Leuten in der ehrwürdigen Lutherstadt Wittenberg zum König seines selbst ausgerufenen Königreichs Deutschland krönen. So richtig mit Mantel, Schwert, Zepter und Reichsapfel. Was ja erst mal nett klingt und auch im reformativen Geist Wittenbergs zu stehen scheint. Ein Staatsgebiet will er aber auch haben.

Inzwischen hat er sogar eine Bank gegründet: die „Königliche Reichsbank“. Mitten in der Fußgängerzone von Wittenberg steht ein Haus mit großen Glasschaufenstern. Und drinnen sitzen tatsächlich Leute und arbeiten. Das heißt, sie sitzen an Schreibtischen, schauen auf Bildschirme und langweilen sich, weil wohl nicht viel passiert. Eigentlich genauso wie in einer richtigen Bank. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, BaFin, sieht das aber nicht so. Deswegen haben mehr als 100 Polizisten auch schon mal zwölf Gebäude, die Fitzek gemietet oder gekauft hat, durchsucht.

„Seine“ Bank finanziert auch Fitzeks Geschäfte. Über 100.000 Euro liegen angeblich bei ihr. Das Geld sollen ihm Anhänger anvertraut haben, auf „Sparbüchern“ hinterlegt. Im Tausch dafür bekommen sie „Engel“, eine vereinsinterne Währung, die von über 100 Stellen anerkannt wird. Zum Beispiel von einem Architekturbüro aus Ober-Ramstadt und einem Gesangslehrer in Berlin-Mitte. Der Trick ist, dass der „Engel“ nicht mehr zurückgetauscht werden kann. Fitzek behält so die Euros und kann damit wirtschaften, Mieten für seine Reichsbank begleichen oder Grundstücke kaufen. Letztendlich macht er seine Anhänger von sich abhängig. Zudem unterhält Fitzek die „NeuDeutsche Gesundheitskasse“, eine Pseudo-Krankenkasse. Fitzek glaubt an Chakren, an Energien, glaubt, er könne auch Krebs heilen. Jedenfalls bringt die Kasse Geld, ohne investieren zu müssen, sie hat ja keine Kosten. Die BaFin untersagte Fitzek auch dies. Dennoch: In Lehrgängen für einige Hundert Euro können sich Interessierte auch über Meditation, die „Macht der Gedanken“ und Steuern informieren. Und nachdem er das alles erzählt hat, muss er grinsen, so ein Kai-Pflaume-Grinsen, ein Mundwinkelverziehen, das er sich antrainiert hat.

Fitzeks Adjutant, Martin heißt er, trägt wie Fitzek einen Pferdeschwanz und hat das Ganze gefilmt. Dann liegt auf einmal sein selbst gemachter Pass auf dem Tisch. Und beim Ordens- und Künstlernamen, der auf der Karte zu lesen ist, kann man auch stutzig werden: „Puriel“. Puriel ist ein Erzengel aus dem gefälschten Testament Abrahams. Das soll im zweiten Jahrhundert in Ägypten entstanden sein. Puriel ist ein unbarmherziger, feuriger Engel. Und in dem Film „God’s Army III“ wird Puriel als Engel des Genozids beschrieben. Wer schmückt sich mit solch einem „Ordens-Titel“? Gibt er jetzt mehr von sich preis? Der Entwicklungshelfer, der Marmorliebhaber, der gütige König? Fitzeks sagt jetzt ganz hart: „Meine Eltern waren zu mangelhaft in meinen Ansichten. Meine Mutter hatte eine Körperbehinderung, mein Vater hat zu viel getrunken. Meine Cousine ist geistig behindert. Meine Schwester ist übernervös. Diese ganzen Mängel habe ich gesehen und habe gesagt: Das will ich nicht.“ Fitzek reagiert. In der Folgezeit treibt er Sport, läuft jeden Tag fünf Kilometer, stemmt Gewichte. Er liest naturwissenschaftliche Bücher, will zum Übermenschen werden, den Makel von Genetik und Herkunft wegtrainieren. Er legt viel Wert auf sein Äußeres. Ein Hüne ist er.

Ob er das wirklich ernst meint, dass er schon mit sechs Jahren in der Pubertät war? „Ja, als körperliche Angelegenheit.“ Auch die Geschlechtsreife? „Richtig.“ Bartwuchs? „Ne, das nicht.“ So richtig? Und Fitzek deutet auf seinen Schritt und bestätigt nun die letzte Frage. „Im Prinzip hat der funktioniert.“

Sogar der Verfassungsschutz soll Fitzeks Treiben inzwischen beobachten. Tom Ebinger von der Stabsstelle Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt äußert sich dazu schriftlich. „Er verfolgt inhaltlich das Ziel der Bildung einer neuen esoterisch-ökologisch ausgerichteten Staatsform mit abwegigen utopischen Vorstellungen. Die Vorstellung von der Schaffung eines eigenen Staates in Deutschland bedeutet die Schaffung eines ,Scheinstaates‘.“

Weiterhin ließen Fitzeks Äußerungen „eine offensichtliche Nähe zu sogenannten ,Kommissarischen Reichsregierungen‘ erkennen“. Das sind Anhänger einer Idee, die die Gesetzmäßigkeiten der Bundesrepublik nicht anerkennen wollen, weil sie glauben, dass die Bundesrepublik ein illegitimes System sei.

Rechtsextrem sei Peter Fitzek aber nicht. Und ob die Verfassungsschützer ihn beobachten, will Tom Ebinger nicht sagen. Er beruft sich auf das Pressegesetz des Landes Sachsen-Anhalt. Da heißt es, dass Behörden Aussagen verweigern dürfen, wenn schwebende Verfahren vereitelt, erschwert, verzögert oder gefährdet werden könnten, wenn die Informationen der Geheimhaltung unterliegen oder sie ein öffentliches oder ein schutzwürdiges privates Interesse verletzen.

Aber worauf beruft sich Fitzek eigentlich? Zum einen sagt er, die Bundesrepublik Deutschland sei eine Firma. Das ergebe sich aus Artikel 133 des Grundgesetzes. Dort heißt es: „Der Bund tritt in die Rechte und Pflichten der Verwaltung des Vereinigten Wirtschaftsgebietes ein.“ Man muss wissen, dass dieser Teil des Grundgesetzes mit „Übergangs- und Schlussbestimmungen“ überschrieben ist. Das sind Artikel, die Fragen der Wiedervereinigung der Bundesrepublik klären sollen. Wenn Fitzek jetzt meint, der Bund übernehme nun Aufgaben einer Firma, eines Wirtschaftsunternehmens also, dann wäre das so, als würde ein anderer sich auf diesen Artikel berufen und meinen, die Bundesrepublik sei vielleicht nur eine Schankwirtschaft.

„Die BRD ist die Fortführung des Nationalsozialismus“, ruft Fitzek auch einmal. Wir sitzen immer noch in seinem Büro in der Reichsbank. Hinter ihm steht eine spießige Grünpflanze, wie man sie aus den Büros von Behörden kennt. „Können Sie sich im Landgericht verteidigen? Nein. Aufgrund von welchem Gesetz? Wissen Sie das? Rechtsberatungsgesetz 1934.“ Richtig ist, dass es dieses Gesetz gibt. Richtig ist aber auch, dass der Anwaltszwang mit Inkrafttreten der Zivilprozessordnung vom 1. Oktober 1879 in Kraft trat. Fitzek meint auch, dass das Einkommenssteuergesetz eine Erfindung von Hitler gewesen sei, weil es 1934 gültig wurde. Es stimmt, dass das Einkommenssteuergesetz am 25. Oktober 1934 in Kraft trat. Hitler war tatsächlich damals Reichskanzler. Was Fitzek aber verschweigt, ist, dass das Gesetz im Wesentlichen auf Regularien von Gesetzestexten vom 29. März 1920 zurückgreift. Dabei hatte Fitzek drei Minuten vorher noch gesagt „Ich bin konsequent ehrlich. Ich mache noch nicht einmal Notlügen.“

Fitzek hat es mit einem Geflecht von Halbwahrheiten und großen Versprechungen geschafft, Anhänger mit dem Wunsch nach Führung um sich zu sammeln. Zum Beispiel Martin – der Typ, der die ganze Zeit filmt. Martin Schulz wurde in Darß an der Ostsee geboren. 2007 bewarb er sich bei der Bundeswehr. Verpflichtete sich für zwölf Jahre. „Ich habe Vorbilder gesucht und keine bekommen. Mein Vater war ein Vorbild. Der war Offizier bei der NVA. Mein Vater hat alles gut organisiert.“ Die Bundeswehr enttäuschte Martin. Sein neues Vorbild heißt seit eineinhalb Jahren Peter Fitzek. Dann ist da noch die junge Dame, die Bankangestellte spielt, Saskia Bigell heißt sie und kommt aus Neu-Ulm. Sie hat erst BWL studiert, dann alles infrage gestellt und schließlich zu Fitzek gefunden. Anders als bei Scientology können Fitzeks Untertanen aber frei sprechen. Fitzek lässt sie. Wohl weil er weiß, von ihnen nichts befürchten zu müssen.

Wie Fitzek aber mit Anhängern umgeht, die abtrünnig werden, kann man im Internet auf YouTube sehen. Auf dem Gelände eines alten Krankenhauses ließ Fitzek Leute zunächst einsperren, weil sie mit seinen Vorstellungen des Königreichs nicht einverstanden waren. „Wer öffentlich zu einem hochverräterischen Unternehmen auffordert ...“, zitiert Fitzek dort aus seiner eigenen Verfassung, die er dem „Königreich Deutschland“ gegeben hat. Und er möchte einen Gerichtsprozess am eigenen Gericht anstrengen, um die Aufrührer zur Verantwortung zu ziehen. Einer verständigt mit dem Telefon die Polizei, und Fitzek muss sie gehen lassen. Im Bild dazu sehen wir einen jungen Mann in einem roten Pullover, wie er die Tür versperrt.

Fitzek will uns noch sein Reichstechnologiezentrum zeigen. Das ist in Reinsdorf auf dem Gebäude einer ehemaligen Konservenfabrik. Wir folgen Fitzeks Auto durch die Dunkelheit des Abends. Es regnet. Und alles sieht so nach Twin Peaks aus. Kein Mensch ist auf der Straße. Über Kurven und mehr Kurven entfernen wir uns von Wittenberg, bis die Häuser immer kleiner und dunkler werden. Fitzek wurde zu drei Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. Er war zu schnell gefahren, ohne Führerschein. Er zeigte nur seine eigene selbst ausgestellte Fahrerlaubnis vor. Zweimal beging er eine Körperverletzung, er soll versucht haben, eine Mitarbeiterin des Rathauses Wittenberg zu verhaften. Außerdem griff er eine Lehrerin seines Sohnes an. Diesem Kerl folgen wir jetzt also durch ein Unwetter.

Hinter den verschlossenen Toren der ehemaligen Fabrik entwickelt Andi Motoren. In einer großen Halle steht er. Zwischen einer großen Fräse und lauter Werkzeug. Es riecht nach Hund. Andi ist der Typ mit dem roten Pullover aus dem Video. Obwohl Andi nur gelernter Werkzeugmacher ist, könnte er vermutlich mit einem Physik-Nobelpreis ausgezeichnet werden, wenn stimmt, was hier gesagt wird. Andi misst gerade Wirkungsgrade von eigenen Elektromotoren. In krakeliger Kugelschreiberschrift hat er seine Mess-Ergebnisse festgehalten. 115 Prozent hat er notiert. 118. 130. Seine Motoren erzeugen sogar Energie. Andi hat ein Perpetuum mobile kreiert. In der Physik ist das eigentlich unmöglich, aber in einem richtigen Königreich mitten in Deutschland gelten wohl andere Gesetze. Und so scheint es: Nichts ist unmöglich im Reich von Peter Fitzek.