Das Gipfelrennen der 80-Jährigen

Als ältester Mensch bezwang der Japaner Yuichiro Miura den Mount Everest. Doch schon greift ein Rivale den Rekord an

Kathmandu. In jungen Jahren war Yuichiro Miura Extremskifahrer. Nun, nach vier Herzoperationen, bezwang der 80-jährige Japaner am Donnerstag ein weiteres Mal den Mount Everest. Auch Min Bahadur Sherchan möchte es noch einmal wissen. Der 81-Jährige, früher Soldat bei den britischen Gurkhas, war 2008 im Alter von 76 Jahren ganz oben – einen Tag vor dem damals 75-jährigen Miura. Als Miura den 8848 Meter hohen Gipfel erreichte, bereitete sich sein Rivale im Basislager auf den Aufstieg in der nächsten Woche vor.

Miura kam auf dem höchsten Gipfel am Morgen um 9.05 Uhr Ortszeit an. Der japanische Fernsehsender NHK zeigte, wie er von dort oben mit seiner Tochter Emili in Tokio telefonierte. „Das ist das beste Gefühl der Welt“, sagte er. „Ich bin aber völlig erschöpft.“

Auf seiner Website schreibt er: „Es geht darum, mein eigenes endgültiges Limit herauszufordern. Es geht um die Ehrung der großen Mutter Natur.“ Eine erfolgreiche Expedition lege die Messlatte für das höher, was möglich sei: „Und wenn die Altersgrenze für den Mount Everest, den höchsten Ort der Erde, 80 Jahre sind, kann man nicht glücklicher sein.“

Miura hatte den Rekord, als ältester Mensch den Mount Everest zu bezwingen, schon 2003 im Alter von 70 aufgestellt, doch dann war er zweimal von etwas älteren japanischen Bergsteigern gebrochen worden. 2008 dann lieferte er sich mit Sherchan einen regelrechten Wettlauf: Miura erreichte laut Guinnessbuch der Rekorde am 26. Mai 2008 im Alter von 75 Jahren und 227 Tagen den Gipfel. Sherchan hatte ihn jedoch am Tag zuvor erklommen – im Alter von 76 Jahren und 340 Tagen.

Sherchan hatte 1960 mit dem Bergsteigen begonnen, damals war er auf dem 8167 Meter hohen Mount Dhaulagiri in Nepal, wie sein Enkel Manoj Guachan angibt. 2003 durchwanderte er Nepal der Länge nach. Sein Team teilte mit, Sherchan sei bereit für den Aufstieg, trotz Verdauungsproblemen einige Tage zuvor. „Unser Teamleiter ist gerade zurückgekommen ins Basislager, und wir besprechen jetzt, wann genau ich mich zum Gipfel aufmache“, teilte Sherchan, der ein Hörgerät trägt, telefonisch aus dem Basislager mit. „Mir geht es gut, ich bin bereit für die Herausforderung. Der Plan ist, dass wir den Gipfel innerhalb einer Woche erreichen.“

Vom Basislager aus brauchen die Bergsteiger drei bis vier Tage, um Camp4 auf dem Südsattel zu erreichen, und einen weiteren Tag von dort zum Gipfel. Während der Klettersaison im Mai gibt es nur einige wenige Zeitfenster mit gutem Wetter, in denen der Aufstieg möglich ist. Nach günstigen Bedingungen am Mittwoch und Donnerstag soll sich das Wetter nach Angaben der nepalesischen Bergsport-Behörde jedoch am Wochenende verschlechtern. Daneben plagen Sherchans Team Geldsorgen, da die nepalesische Regierung zwar finanzielle Unterstützung in Aussicht gestellt, doch diese bisher nicht ausbezahlt hat.

Auch Miura hatte mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Beim Aufstieg machte er eine Pause zwischen dem Südsattel und dem Gipfel im kaum benutzten Camp5, während fast alle Mount-Everest-Bezwinger heute direkt von Camp4 zum Gipfel laufen. 2009 brach er sich bei einem Skiunfall das Becken und den linken Oberschenkelknochen. Im Januar wurde er nach Angaben seiner Tochter zum vierten Mal seit 2007 am Herzen operiert, diesmal wegen Herzrhythmusstörungen. Trotz der Herz-OP wollte ihr Vater die Expedition wagen, hatte sie in einem Telefoninterview zuvor betont: „Wenn er Mitte 60 wäre, hätte er wahrscheinlich noch ein oder zwei Jahre gewartet, doch mit 80 wird man nicht jünger.“

Miura wurde 1970 weltberühmt, als er auf Skiern den Südsattel am Mount Everest hinunterraste. Ein Fallschirm musste damals das halsbrecherische Tempo bremsen. Die Dokumentation „Schussfahrt vom Mount Everest“ („The Man Who Skied Down Everest“) gewann 1976 einen Oscar. Bereits 1964 hatte er mit 172 Kilometern pro Stunde in den italienischen Alpen einen Weltrekord beim Skirennen aufgestellt. Auch vom Mount Fuji stürzte er sich mit Skiern und Fallschirm ins Tal. Doch erst mit 70 Jahren erklomm er zum ersten Mal den Mount Everest.