Debra Milke

Berlinerin darf nach 22 Jahren Todeszelle verlassen

1989 wurde Debra Milke in den USA wegen Mordes an ihrem Sohn verurteilt. Seit 22 sitzt sie in einer Todeszelle. Aber der Chefermittler soll gelogen haben.

Phoenix. Gibt es wieder Hoffnung für Debra Milke? Seit 22 Jahren sitzt die aus Berlin stammende Frau wegen Mordes an ihrem Sohn in einer Todeszelle im amerikanischen Bundesstaat Arizona. Unschuldig, wie die heute 49-Jährige immer wieder beteuert. Zahlreiche deutsche Prominente und Politiker, darunter Uschi Glas und Günther Jauch, hatten sich in der Vergangenheit für Milke eingesetzt. Bisher vergebens.

Jetzt, mehr als zwei Jahrzehnte nach ihrer Verurteilung, könnte es doch noch eine Wende im Fall Milke geben. Ein US-Berufungsgericht hat wegen erheblicher Zweifel an den Aussagen eines Hauptbelastungszeugen das Strafmaß vorerst ausgesetzt. "Die Verfassung dieses Landes fordert für jeden Angeklagten einen gerechten Prozess", schreibt Richter Alex Kozinski in seiner Begründung zur Aufhebung des Todesurteils. "Das ist bei Milke nicht der Fall gewesen."

Debra Milke, die in Berlin als Kind eines US-Soldaten und einer Deutschen geboren wurde, war 1989 wegen des grausamen Mordes an ihrem Sohn zum Tode verurteilt worden. Die damals 25 Jahre alte geschiedene Mutter hatte ihrem Jungen Christopher kurz vor Weihnachten erzählt, dass er mit zwei Freunden in ein Einkaufszentrum nach Phoenix fahren werde, um dort den Weihnachtsmann zu treffen. Dafür hatte Milke ihren vier Jahre alten Sohn sogar besonders hübsch angezogen.

Zwei Männer, Milkes damaliger Freund James Styers und Roger Scott, fuhren mit dem ahnungslosen Christopher jedoch nicht nach Phoenix, sondern in ein abgelegenes Wüstengebiet und töteten den Jungen mit drei Schüssen in den Hinterkopf. Die Leiche verscharrten sie in einem Graben. Die Staatsanwaltschaft warf Milke vor, die Tat zusammen mit den Männern geplant zu haben, um die Lebensversicherung ihres Sohnes von 50.000 Dollar zu kassieren. Bei dem Mord war die Beschuldigte allerdings nicht dabei.

Zehn Monate nach der Anklage wird Debra Milke im Oktober 1990 wegen Mordes, Verschwörung sowie Kindesentführung und -missbrauchs zum Tode verurteilt. Vor Gericht bestreitet sie die Tat und beteuert immer wieder ihre Unschuld. "Sie ist eine liebende Mutter, die um ihren Sohn trauert", sagt damals ihr Anwalt Michael Kimerer. Ihre beiden Komplizen, die den Mord gestehen und die Polizei zu der vergrabenen Leiche führen, aber nicht gegen Milke vor Gericht aussagen, werden ebenfalls zum Tode verurteilt. Die beiden sitzen in der Todeszelle des Hochsicherheitsgefängnisses in Florence (Arizona) und warten auf ihre Hinrichtung.

In ihrer Anklage stützt sich die Staatsanwaltschaft fast ausschließlich auf ihren Hauptbelastungszeugen Armando Saldate. Der Chefermittler der Polizei von Phoenix behauptet, Milke habe in einem Verhör ihm gegenüber den Mord gestanden. Sie habe die Tat damit begründet, dass sie das Kind ohnehin nicht hatte haben wollen. Milke, so Saldate, soll am Anfang ihrer Schwangerschaft an eine Abtreibung gedacht haben. Später habe sie sich immer wieder bei ihrem Freund Styers über ihren Sohn Christopher beschwert. Eine Tonbandaufzeichnung des Verhörs und des angeblichen Geständnisses gibt es jedoch nicht.

Milke bestreitet im Prozess vehement, die Tat gestanden zu haben. Die zwölf Juroren glauben ihr jedoch nicht und verurteilen sie zum Tode. Seitdem sitzt Milke in der Todeszelle im Frauengefängnis von Goodyear, 20 Autominuten östlich von Phoenix.

Im Jahr 1997 steht Milkes Hinrichtung durch die Giftspritze kurz bevor. Ihre Verteidigung kann die Exekution jedoch vor dem Obersten Gericht von Arizona stoppen. Als Begründung geben die Richter an, dass Milke noch nicht alle Instanzen ausgeschöpft habe.

In Deutschland löst der Fall eine Welle der Unterstützung unter Prominenten und Politikern aus. Uschi Glas beteiligt sich dabei an einer Unterschriftensammlung. "Debbie beteuert bis heute ihre Unschuld", begründet die Schauspielerin im Jahr 2000 in einem Fernsehinterview ihren Einsatz für die Todeskandidatin. Die Vernehmung und die Verhandlung in dem Fall seien absolut nicht okay gewesen. "Mein Anliegen ist es", so Glas, "Debbie zu einem zweiten und fairen Prozess zu verhelfen." Laut der Webseite der Familie, www.debbiemilke.com, unterstützen auch Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, Ex-Talkmaster Alfred Biolek, Regisseur Wolfgang Petersen, die Schauspieler Elke Sommer und Otto Sander sowie Moderator Günther Jauch die Verurteilte.

"Es gibt keine Zeugen, kein Geständnis, einfach nichts", sagt Milkes Anwalt Michael Kimerer immer wieder bei seinen Klagen durch die verschiedenen Gerichtsinstanzen. "Das Urteil beruht ausschließlich auf der Aussage eines einzigen Polizeibeamten."

Mehr als 22 Jahre nach dem Todesurteil gegen die gebürtige Berlinerin scheinen sich die Zweifel an dem Hauptzeugen Saldate zu verdichten. Der Polizist soll nämlich nicht nur im Prozess gegen Milke, sondern auch in mindestens sieben anderen Fällen unter Eid gelogen haben. Dabei soll er ebenfalls Geständnisse der Angeklagten erfunden haben. Auch diese Urteile wurden inzwischen außer Kraft gesetzt und müssen neu verhandelt werden.

"Kein zivilisiertes Rechtssystem sollte auf der Grundlage solch fragwürdiger Aussagen eines übereifrigen Polizisten wie Saldate einem Menschen die Freiheit oder gar das Leben nehmen", schreibt Richter Alex Kozinski in seiner Begründung. Innerhalb von 30 Tagen muss die Staatsanwaltschaft jetzt entscheiden, ob sie den Fall neu aufrollen und verhandeln will. Zieht sie aufgrund der neuen Fakten und mittlerweile schwachen Beweislage die Anklage zurück, wird Debbie Milke freigelassen.

© Hamburger Abendblatt 2018 – Alle Rechte vorbehalten.