Neue Schießstandrichtlinien

Der Schützenadler schrumpft zur Taube

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Jörg Taron und Hans-Joachim Nöh

Neue Richtlinie des Innenministers erzürnt die Bruderschaften: Die Königsschießen könnten bereits nach wenigen Schüssen beendet sein.

Berlin. Eineinhalb Millionen Mitglieder zählen die 15.000 Schützenvereine in Deutschland, und die meisten von ihnen sind derzeit ziemlich geladen. Ihre Wut richtet sich gegen eine neue "Schießstandrichtlinie" von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU). Denn danach dürfen die prächtigen hölzernen Vögel, auf die seit Jahrhunderten bei Schützenfesten gefeuert wird, nur noch einen Weichholzkern von acht statt bisher 20 Zentimeter Dicke haben. Was zur Folge hätte, wie eingefleischte Schützenbrüder versichern, dass man aus einem so kleinen Kern keinen Adler von 1,50 Meter Spannweite mehr bauen könnte, sondern allenfalls einen Vogel in Taubengröße.

"Wenn diese Schießstandrichtlinie wirklich umgesetzt werden muss, dann können wir gleich aufs Schützenfest verzichten", schimpft der Oberst des Kreisschützenbundes Brilon (Sauerland), Dieter Braun. Denn ein derart behördlich gerupfter Adler würde bei den ersten Treffern komplett von der Stange fallen. Bisher dauert es manchmal Stunden, bis ein König ausgeschossen ist. Und da beim Königsschießen auch reichlich Bier fließt, fürchten die Vereine nicht nur um die Stimmung, sondern auch um ihre Einnahmen.

Entsprechend drastisch reagiert Friedrich-Wilhelm Dönneweg, Kreisoberst des Arnsberger Schützenbundes, auf die Richtlinie: "Das macht uns nicht nur das Fest kaputt, sondern bedroht auch die Vereine in der Existenz."

Am Dienstag erreichten die Sorgen und Nöte sogar die Bundeskanzlerin. Die CDU-Landtagsfraktion aus Nordrhein-Westfalen übergab Angela Merkel einen historischen Schützenvogel. "Die Kanzlerin hat den Vogel lächelnd entgegengenommen und gesagt, dass sie schon von den Problemen mit der Richtlinie gehört habe", sagte der Arnsberger CDU-Landtagsabgeordnete Klaus Kaiser. Er ist zuversichtlich, dass der strittige Punkt noch vor Beginn der Schützenfestaison geändert wird. Denn in vielen Vereinen wird schon fleißig am Vogel gewerkelt - und zwar nach der alten Bestimmung.

113 Seiten haben die Berliner Beamten gebraucht, um die neue Richtlinie zu formulieren. Ende letzten Jahres wurde sie im Bundesanzeiger veröffentlicht und damit geltendes Recht. Sie schreibt vor, dass die Schützenvögel "beim Beschuss mit Feuerwaffen" aus "astreinem Weichholz (Tanne, Fichte, Pappel oder Balsa)" bestehen müssen und eine "maximal zulässige Dicke" von nur noch 80 Millimetern haben dürfen.

Das Bundesinnenministerium argumentiert, Schießsachverständige hätten "wiederholt festgestellt", dass Schützenvögel mit 150 Millimeter Materialstärke "zu sicherheitstechnischen Problemen führen". Vor allem "die Gefahr, dass Kugeln abprallen", sei bei einem dicken Korpus gegeben, betonte ein Sprecher des Ministeriums.

Funktionäre der Schützenbrüder halten dem entgegen, dass die meisten Vereine und Bruderschaften seit Jahrhunderten existieren, ohne dass es Unfälle gegeben habe.

Schützenbund-Oberst Braun zieht im Kampf gegen die neue Reglementierung auch eine Parallele zum Fasching: "Wenn man den Rheinländern Masken verbieten würde, könnten die auch keinen Karneval mehr feiern, und wenn wir auf Spatzen statt auf Adler schießen sollen, brauchen wir auch kein Schützenfest mehr zu feiern."

Bislang konnten die hölzernen Schützenvögel aufgrund ihres Volumens viel aushalten. Häufig waren 500 bis 600 Schüsse notwendig, bis der Adler in Fetzen flog und der letzte Schütze als König gefeiert werden konnte. Die stundenlange Zeremonie kam den Vereinen sehr entgegen. Während des Vogelschießens wurde kräftig Umsatz gemacht, und bei den Zuschauern stieg die Spannung. Gerade in ländlichen Gebieten wie dem Sauerland, aber auch dem Münsterland und Niedersachsen sind die Schützenfeste tradiertes Brauchtum und bringen die Bevölkerung ganzer Dörfer auf die Beine.

Ein CDU-Mann aus Ostwestfalen hat sich inzwischen direkt an den Urheber des Streits gewandt: Der Paderborner Bundestagsabgeordnete Carsten Linnemann schrieb an Minister Friedrich und forderte ihn zur Rücknahme der Richtlinie auf.

Ein anderer prominenter Christdemokrat und Schützenfestfreund hält sich derweil - noch - mit öffentlichen Äußerungen zurück: Niedersachsens Ex-Ministerpräsident David McAllister. In seinem Wohnort Bad Bederkesa war er selbst schon Schützenkönig, und er soll dieses Amt sogar als das schönste der Welt bezeichnet haben. Ob er das auch unter den neuen Bedingungen so sehen würde?