Rocker-Krieg in NRW

Satudarah drängt zwischen Hells Angels und Bandidos

An Rhein und Ruhr hat sich der Konflikt zwischen den Rockergruppen Hells Angels und Bandidos durch die niederländischen Satudarah zugespitzt.

Düsseldorf/Duisburg. Bei einem Großeinsatz hat die Polizei in Düsseldorf Waffen sichergestellt und einen Mann verhaftet. Die Beamten kontrollierten 181 Teilnehmer einer "Rocker-Party", zu der am Freitagabend ein Unterstützer-Club der Hells Angels eingeladen hatte. Bei dem Treffen stellte die Polizei mehrere Messer und einen Totschläger sicher. Der Großeinsatz ist Teil der polizeilichen Anstrengungen, einen im Ruhrgebiet tobenden Kampf zwischen verschiedenen Rockergruppen in den Griff zu bekommen.

Erst am Donnerstag stürmte ein Sondereinsatzkommando der Polizei ein Mehrfamilienhaus in Köln-Chorweiler. Die Beamten hatten es auf einen 25-Jährigen abgesehen, der zu der Personengruppe gehört, die für die Schüsse auf ein Hells-Angels-Mitglied am 24. Februar verantwortlich sein soll. Das Opfer wurde auf einem Oberhausener Parkplatz angeschossen und schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Der 23-Jährige überlebte nach einer Notoperation. Ein Haftrichter schickte den in Köln festgenommenen Mann, der den mit den Hells Angels rivalisierenden Bandidos zugerechnet wird, in Untersuchungshaft.

Die Schüsse auf das junge Hells-Angels-Mitglied sind der bisherige Höhepunkt einer Rocker-Fehde, die sich in den vergangenen Monaten zugespitzt hat. "Überall, wo die verschiedenen Rockergruppen aufeinandertreffen, droht eine Eskalation", sagte Ramon van der Maat von der Duisburger Polizei. "Wir beobachten eine große Unruhe innerhalb der Rockerszene."

Jahrelang wurde der Konflikt um die Vorherrschaft im nordrhein-westfälischen Drogen- und Rotlichtgeschäft zwischen den Hells Angels und den Bandidos sowie ihren befreundeten Unterstützergruppen ausgetragen - mal mit mehr, mal mit weniger Gewalt. Nach Ansicht der Polizei ist die zuletzt gewachsene Anspannung auch darauf zurückzuführen, dass eine dritte große Gruppe die Bühne betrat.

Die Satudarah-Rocker kamen im Sommer 2012 aus den Niederlanden nach Deutschland und versuchen nun, hier Fuß zu fassen. "Satudarah sind genauso gefährlich wie die Bandidos und die Hells Angels. Da kann man keine Unterschiede erkennen", sagte ein Ermittler. Die jüngsten Tumulte in Duisburg geben ihm recht: Erst Mitte Februar kam es in Duisburg zu einer Massenschlägerei zwischen Satudarah- und Hells-Angels-Mitgliedern, die Beteiligten gingen mit Reizgas, Baseballschlägern, Messern und Schneeschiebern aufeinander los. Der Tatort war die Friedrich-Ebert-Straße, dort, wo die Satudarah - im Revier der Hells Angels - ihr erstes deutsches Clubheim platziert hatten. Seit der Massenschlägerei patrouilliert in der Straße die Polizei, teilweise sogar mit Panzerwagen. Die Anwohner sind genervt.

In den Niederlanden lagen Satudarah im Kampf um die Kontrolle des Rotlichtmilieus im Clinch mit den Hells Angels, die nach Ansicht ihrer Gegner nicht mit offenen Karten spielen. "Seit dem Betrug in Holland ist klar: Wir wollen auch in Deutschland an die Macht. Wir haben uns gewehrt. Jetzt heißt es: Alle gegen die Hells Angels", sagte Gianni Sander, Hamburger Bordellgröße und seit Kurzem Pressesprecher von Satudarah, zuletzt "Focus Online". Zwischen den Satudarah und Bandidos soll in der Tat ein Waffenstillstand vereinbart worden sein, auch wenn diese Lippenbekenntnisse in der Rockerszene oft nicht viel wert sind.

Für zusätzliche Brisanz sorgt ein Buch aus dem Inneren des Milieus, das Rocker Sander geschrieben hat. Es trägt den Titel: "Auf Leben und Tod gegen die Hells Angels" und soll in Kürze auf den Markt kommen. Am vergangenen Donnerstag wurde Sanders Harley-Davidson in Ratingen angezündet. Auch das Satudarah-Vereinsheim wurde bereits mit Schüssen durchsiebt - genauso wie ein davor geparkter Mercedes und ein Kiosk, der einem Hells-Angels-Mitglied gehört. Im August 2012 explodierte in einem bei den "Höllenengeln" beliebten Wettbüro eine Handgranate.

Derzeit sind Satudarah damit beschäftigt, ihren Einflussbereich zu vergrößern. Nach Informationen der Polizei planen die Rocker Ortsgruppen, sogenannte Chapter, in anderen Städten, unter anderem im Raum Kleve, wo die Hells Angels besonders stark sind. Auch dort drohen nun weitere Konflikte. Noch aber ist Duisburg die westdeutsche Hochburg der Rockergewalt. Erich Rettinghaus, Vorsitzender der nordrhein-westfälischen Polizeigewerkschaft: "In Duisburg werden derzeit die Territorien der verschiedenen Rockergruppen neu abgesteckt. Satudarah sind als Unterstützer der Bandidos nach Duisburg gekommen und haben dort sofort ihren Gebietsanspruch untermauert. Dadurch kommt es vermehrt zu Straftaten."

Die Angst um Leib und Leben ist dabei allgegenwärtig. Schon in der Vergangenheit hat die Rocker-Fehde in NRW Tote gefordert. Im Jahr 2007 wurde ein Hells Angel in Ibbenbüren erschossen, 2009 starb Bandido "Eschli" in Duisburg.

Um die Gewalt einzudämmen, fordert der Gewerkschafter eine umfangreiche Vorratsdatenspeicherung. "Im Vorgehen der Polizei gegen Rockerkriminalität benötigen wir dieses Instrument unbedingt. Damit könnten wir Hintermänner ermitteln, Strukturen erkennen und Verbotsverfahren effektiver vorantreiben", so Rettinghaus, der warnte: "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch Unbeteiligte zwischen die Fronten geraten."