Das Wunderkind am Herd

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Peter Schubert

Ein 14-Jähriger verblüfft Spitzenköche in Amerika. Sein Talent entdeckte er, als es ihm bei Muttern nicht mehr schmeckte

Los Angeles. Das gastronomische Ereignis hatte sich schnell herumgesprochen. Die 160 Dollar teuren Eintrittskarten für das Spektakel im österreichischen Spezialitätenrestaurant Bierbeisl am Santa Monica Boulevard in Beverly Hills waren im Nu vergriffen. Mittwochs ist üblicherweise Ruhetag im Lokal von Spitzenkoch Bernhard Mairinger. Eine gute Gelegenheit für "Teenage-Chef" Flynn McGarry, das Haus für einen Abend in sein bereits von den Medien gefeiertes Pop-up-Restaurant Eureka zu verwandeln. Selbst dem US-Fernsehsender ABC war das Ereignis in "Good Morning America" eine Ankündigung wert. Denn Flynn McGarry gilt als das Wunderkind der kalifornischen Küche. Und Kind darf man fast wörtlich nehmen: Der Koch ist 14 Jahre alt.

Bisher noch ohne Restaurantlehre, sondern schier als Autodidakt hat sich der Jugendliche in kürzester Zeit am Herd als Naturgewalt entpuppt. Entsprechend gelassen saß er nur eine Stunde vor dem großen Schauessen mit Mairinger bei Debrezinern und Käsekrainern mit Kartoffelsalat zu Tisch, um noch entspannt die abendliche Speisenfolge zu besprechen.

"Mir das Menü auszudenken hat gerade mal einen Tag gedauert, die Vorbereitungen brauchten aber 15 Tage", sagt Flynn. Von Topinambur mit Sonnenblumenkernen und Grapefruit an Joghurt hat Flynn so ziemlich alle Geschmacksregister gezogen. Es gab Jakobsmuscheln an Sauerampfer, Fenchel und Steckrübenmus, Rindfleisch auf Trompetenpilzen und Wacholderbeeren sowie Stör an Tapioca. Und nur ein erlesener Kreis von gerade mal 40 Leuten ist in den Genuss seines einfallsreichen Zwölf-Gänge-Menüs gekommen. Als "progressive amerikanische Küche" werden Flynns experimentelle Lebensmittelkompositionen von Kritikern gefeiert.

Es ist eine Geschichte so ganz nach dem amerikanischen Geschmack. Denn seine Leidenschaft fürs Kochen hat Flynn McGarry bereits mit elf Jahren entdeckt. Und dabei war es nicht etwa ein kulinarisches Erweckungserlebnis in einem Spitzenrestaurant von Los Angeles, das den Teenager in die Küche trieb. "Nein", betont der Schüler aus dem San Fernando Valley keck, "mir hat schlicht das Essen bei meiner Mutter nicht geschmeckt."

Diese versorgte Flynn zunächst mit Rezepten aus dem Internet und forderte den vorlauten Sohn heraus, die Gerichte nachzukochen. Wenig später fand Flynn bereits Gefallen an Kochsendungen im Fernsehen. "Bis ich mir im Buchhandel eines Tages das dickste Kochbuch aus dem Regal nahm", sagt Flynn. Es war ausgerechnet "The French Laundry", das nach dem Drei-Sterne-Restaurant im kalifornischen Yountville benannte Standardwerk des kalifornischen Spitzenkochs Thomas Keller.

Mit dessen Lieblingsgerichten schärfte Flynn seinen Gaumen und seinen Sinn für frische Zutaten. Mit ganz erstaunlichen Resultaten, wie zunächst einmal nur der Familienkreis befand. Fast jeden Abend zauberte Flynn immer aufwendigere Mahlzeiten auf den Tisch. "Ich dachte mir nur: Wenn ich regelmäßig übe, werde ich beständig besser", erzählt Flynn an seinem Abend in Beverly Hills. Bierbeisl-Inhaber Bernhard Mairinger geht dem Küchentalent bereitwillig als Sous-Chef zur Hand und schaut mitunter auch staunend zu, was da so alles an Essenzen aus den Tupperware-Dosen zum Vorschein kommt.

Unter der Internetadresse www.diningwithflynn.com sprach sich die Sache mit den Eureka-Essenseinladungen in Los Angeles herum. Ein Kinderstar am Herd, das ist doch einmal was ganz Neues. Die wachsende Berühmtheit Flynns half zugleich, die durchaus enormen Lebensmittelrechnungen der Familie McGarry zu refinanzieren.

Die Sache hat sich seither verselbstständigt. "Irgendwann begann ich, in meinem Zimmer auf einem Klappbett zu schlafen, um genug Platz für meine Küche zu haben", sagt Flynn. Nachdem seine ältere Schwester inzwischen das College besucht, hat Flynn immerhin wieder ein richtiges Schlafzimmer im Haus. Sein Jugendzimmer ist mit Kühlschränken, Anrichten und Induktionsherden voll gestellt - Flynns Geschmackslabor. Zur Highschool geht der Teenager längst nicht mehr. Flynn nimmt stattdessen Fernunterricht, glaubt so den Schultag besser seinem Kochen anpassen zu können.

Zwischendurch schaut der junge Maitre in Spitzenlokalen seinen namhaften Kollegen über die Schulter. Sie alle sind fasziniert von diesem Jungen und fördern seine Karriere, wo und wie sie nur können. Lukrative Angebote, dem Wonderboy bald ein eigenes Restaurant zu finanzieren, dürften nicht allzu lange auf sich warten lassen. Wobei Flynn selbst sagt, dass er als nächsten Schritt beim Schweizer Sternekoch Daniel Humm im New Yorker NoMad in die Lehre gehen möchte. "Humm hat mir das angeboten", sagt Flynn und glaubt, "erst mit 18 oder 19 Jahren erfahren genug für mein eigenes Restaurant" zu sein.